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"Tristan und Isolde" in Bayreuth

Alt – aber immer noch aufgewühlt - 27.07.2012 17:54 Uhr

Eine Mischung aus Schiffsdeck und Wartehalle ist Anna Viebrocks Bühnenbild für „Tristan und Isolde“. Mit den beiden Titelfiguren, dargestellt von Irene Theorin und Robert Dean Smith, geht es abwärts.

Eine Mischung aus Schiffsdeck und Wartehalle ist Anna Viebrocks Bühnenbild für „Tristan und Isolde“. Mit den beiden Titelfiguren, dargestellt von Irene Theorin und Robert Dean Smith, geht es abwärts. © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath


Und auch Richard Wagners Oper besteht aus drei letzten Akten, weil der Komponist darin sein Leid über die unerfüllte Liebe zu Mathilde Wesendonck mit Schopenhauers Pessimismus mischte und zu einem fulminant innovativen Werk von fataler Todessehnsucht steigerte.

Von den gesellschaftlichen Zwängen befreite Liebe ist hier nur in der Lebensvernichtung möglich. Marthaler und seine Bühnenbildnerin Anna Viebrock schufen für diese schwarze Love-Story eine Mischung aus Schiffsdeck und Wartehalle, in der jeder dieser drei Opernakte eine Etage weiter nach unten führt, bis zu einer schäbigen Krankenstation im Keller – eindrucksvolle Metapher für ein heute alltägliches Sterben vieler einsamer Menschen.

Auch Isolde singt sich hier, nach viereinhalb Stunden quälend unerfüllt bleibender Sehnsucht, neben dem toten Tristan allein in ihren „Liebestod“, ja sie deckt sich sogar noch selbst mit dem Laken zu. Das war ein traurig intensiver Höhepunkt einer Aufführung, in der die sängerischen und musikalischen Glanzleistungen noch einmal Leben in den zuletzt immer wieder beklagten szenischen Stillstand brachten.

Iréne Theorin konnte ihre Isolde-Partie im Vergleich zu den Vorjahren nochmals steigern. Die Wut der irischen Königstochter darüber, dass der von ihr geliebte Tristan sie geraubt hat, um sie dem König von Kornwall zuzuführen, formte sie in ebenso leuchtend intensive vokale Bögen wie die dem Tod abgetrotzte Liebesekstase.

Der Text geht im Rausch der Musik unter

Dass es mit der Textverständlichkeit schlecht bestellt war, soll kein Vorwurf gegen Theorin und die anderen Sänger sein, sondern ein eindrückliches Plädoyer für die Notwendigkeit von Übertiteln in Bayreuth, so wie es in anderen Häusern längst üblich ist. Gerade „Tristan und Isolde“, wo die Worte regelmäßig im Rausch der aufgepeitschten Musik untergehen, würde davon enorm profitieren.

Auch Robert Dean Smith brillierte als Tristan. Er hat diese Partie in den letzten Jahren zu einem eindrucksvollen Charakterporträt gesteigert. Er gestaltet die langsame emotionale Öffnung eines Mannes, der am Anfang so kalt wirkt, als sei er von einer wasserabweisenden Haut überzogen. Erst nach dem Liebestrank brechen die Emotionen aus ihm heraus – und das in seiner lyrischen Innigkeit überzeugende Eingeständnis der eigenen Gefühle und der aus der Kindheit stammenden Verletzungen während seines Sterbens waren große Oper.

Dazu gesellten sich sehr gute Leistungen vor allem von Kwangchul Youn (König Marke), Jukka Rasilainen (Kurwenal) und Michelle Breedt (Brangäne). Der musikalische Kapitän dieser aufwühlend überzeugenden letzten Aufführungsfahrt war wieder Peter Schneider. Die Leidenschaft, die der 73-Jährige mit dem Festspielorchester formuliert, wirkt altersweise und transzendent, aber deshalb nicht weniger mitreißend. Die unablässigen motivisch-emotionalen Steigerungen formuliert er kompromisslos. Ein großer Wagner-Dirigent, der seit über 30 Jahren in Bayreuth hervorragende Dienste leistet. Kompliment an ihn wie an die ganze Besatzung dieses „Tristan“. 

Thomas Heinold

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