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Vordenker des Weltfriedens

Oscar Schneider zu Kant: - 11.02.2004

NZ: Morgen begeht die Welt den 200. Todestag Kants. Und die Medien spielen schier verrückt. Was vermissen Sie an der Diskussion um den Königsberger Philosophen?

SCHNEIDER: Es sollte klarer dargestellt werden, dass Kant der größte ist, größer noch als Platon und Aristoteles. Er hat als Erster gesehen, dass es auf metaphysische Fragen keine wissenschaftlichen Antworten gibt. In seiner praktischen Vernunft sagt er ja, dass der moralische Wert a priori erlebt wird, also nicht durch Erfahrung vermittelt wird. Er gilt also nicht unter bestimmten Bedingungen, sondern an sich.

NZ: Aber gerade in der praktischen Vernunft bringt Kant doch wieder einen Gott ins Spiel, den er zuvor in seiner Kritik der reinen Vernunft noch demontiert hat?

SCHNEIDER: Richtig. Für Kant stand ja auch der Glaube nicht im Widerspruch zur Vernunft. Aber er hat die alten Gottesbeweise abgelehnt und gesagt, einem endlichen Wesen wie dem Menschen sei es verwehrt, ein göttliches Wesen zu erkennen und zu definieren. Und es ist auch richtig, dass man seine drei Kritiken, nämlich die der reinen Vernunft, der kritischen Vernunft und der Urteilskraft gemeinsam sehen muss.

NZ: Aber das ist ja doch sehr theoretisch. Was hat uns Kant heute zu sagen?

SCHNEIDER: Diese ganz aktuelle Frage vermisse auch ich bei vielen Vorträgen: Was Kant uns in Bezug auf die Weltfriedenslage zu sagen hat. Er wollte auf keinen Fall einen Weltstaat. Der war für ihn nicht machbar, aber auch nicht wünschenswert, weil er die nationale Souveränität der Menschen und ihre Religion bedrohen würde. Andererseits könne man die Welt be-frieden, wenn man Vernunft walten lasse. Erst die Vernunft mache den Menschen zum Weltbürger — dann, wenn er den Weg vom Ich zum Wir gehe. Kant war folglich auch ein Feind aller dogmatischen Engstirnigkeit der Religionen.

NZ: Warum ist trotz unseres großen Kants in Deutschland vor über 70 Jahren der Irrationalismus und Barbarei ausgebrochen?

SCHNEIDER: Weil es damals eine pervertierte Pseudoreligionsbewegung gegeben hat, die es bis heute gibt. Schon Kant hat gemeint, dass säkularisierter Nihilismus, Traditionsverlust und Entwurzelung die Gesetze der Vernunft außer Kraft setzen. Die Ideologien des 20. Jahrhunderts waren pervertierte Ersatzreligionen.

NZ: Bräuchte die Welt nicht einen neuen Kant, der einer zunehmend technisierten und verwissenschaftlichten Welt einen Weg zu mehr Menschlichkeit aufzeigt?

SCHNEIDER: Die Welt muss erkennen, dass wir nur dann den Zusammenprall der Kulturen meistern, wenn wir Politik und Religion trennen. Die großen Religionen haben unbestreitbare Werte. Wo jedoch Fanatismus politisch instrumentalisiert wird, sind alle rationalen Errungenschaften ausgehebelt. Kants „sapere aude“ (habe Mut, die Vernunft zu gebrauchen), dieser Appell zur Aufklärung, ist aktuell wie im Jahr 1784, als Kant dies gesagt hat. Da aber unsere Vernunft uns selbst ihre Grenzen offenbart, ist es nur vernünftig, sich daran zu halten. Wo man also weder beweisen noch widerlegen kann, darf man glauben. Wie sagte doch der große Kant: „Ich musste das Wissen aufgeben, um zum Glauben zu kommen.“ Fragen: Raimund Kirch 

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