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Werner Knaupp wird 75

Das Glück gelebt und die Angst gemalt - 27.04.2011 16:23 Uhr

Alles hat seine Zeit – auch die Farbe im Werk von Werner Knaupp, hier vor einem Vulkanbild 2003.

Alles hat seine Zeit – auch die Farbe im Werk von Werner Knaupp, hier vor einem Vulkanbild 2003.


Werner Knaupp, der diese Sätze recht gelassen ausspricht, feiert am 3. Mai seinen 75. Geburtstag. Gleich drei Ausstellungshäuser in Bayreuth, Hof und Nürnberg wissen diesen Anlass zu würdigen. Und damit einen der ungewöhnlichsten Künstler aus der Region, der sich den Abgründen des Lebens im Sterbehaus von Kalkutta ebenso ausgesetzt hat wie im hiesigen Krematorium. Und der die Begegnung mit Patienten eines Nervenkrankenhauses ebenso wollte, wie er die Wüsten und Gebirge an den Rändern der Zivilisation aufgesucht hat. Das ist das eine.

Das andere aber ist, dass Knaupp sich selbst gegenüber Wort gehalten hat. Er, der ein Leben lang vor allem Zeichner und Bildhauer war, wagte sich nach seiner aktiven Zeit als Kunstprofessor an der Nürnberger Akademie tatsächlich an die Malerei heran: „Du musst ins kalte Wasser springen“, habe er auch seinen Studenten immer nahegelegt: „Entweder du gewinnst irgendwann Boden unter den Füßen – oder du gehst unter.“

Die schwere See in Knaupps Gemälden kommt nicht von ungefähr. „Das Meer flößte mir immer Ängste ein“, lautet das überraschende Eingeständnis von einem, der die Welt bereiste. „Das Meer: Tonnenschwer. Kalt. Diese bedrohliche Tiefe, diese gewaltige Kraft. Das größte Massengrab auf Erden.“

Ja, Knaupp malt es. Und wie. Endlich. Er wuchs ja in Stein bei Nürnberg auf. Und seine Mutter habe ihm als Bub immer gesagt: „Wenn du einen Goldfisch haben willst, mal dir einen.“ Malen und Zeichnen war für sie eins.

Anders für ihn. Bis vor zehn Jahren war die Grafik sein Metier. Was mit akribischen Kugelschreiberzeichnungen von den Lofoten oder der Sahara Mitte der 60er Jahre begann, setzte sich als seine ureigene künstlerische Handschrift in der düsteren Serie seiner „Menschenbilder“ fort. Knaupp nahm an der documenta 6 teil. Er schuf die Gouachen „Gerissene Köpfe“, ließ die Kohlestift-Arbeiten „Verbrennungen“ folgen, dann Werke aus Asche. Und auch mit seinen Eisenskulpturen, welche körperhaft an die Gebeine Verstorbener gemahnten, benannte er menschliche Kreatürlichkeit so dramatisch wie nur wenige andere bildende Künstler. Aber bis zum Ende seiner Lehrtätigkeit hatte Knaupp noch immer kein Gemälde vorgelegt. Er, der Autodidakt.

Die garagentorgroßen Leinwände, vor denen man den Künstler heute trifft, holte er erst 2001 in seinen bunkerartigen Atelierkeller bei Altdorf. Ein „mönchisches“ Leben habe er sich zum Malen verordnet, erzählt Knaupp. Um an der Leinwand zu reifen, gab er sich gerade mal ein Jahr.

Dass acht Jahre daraus wurden, ehe er mit den Ergebnissen zufrieden war, musste er akzeptieren. Erinnerungen an die Anfangszeit bleiben – etwa an jenen Abend, an denen seine Frau Barbara zu ihm ins Atelier hinabstieg, die Leinwand anschaute und fragte: „Ein Gletscher?“ Dabei hatte er doch stundenlang das Meer gemalt. „Aber die Bärbel hatte recht!“

Acht Jahre! Bis er dann eines Abends zwar erschöpft, aber auch beglückt vor dem jüngsten Wassergemälde stand und ahnte: „Das ist es!“ Vor Aufregung lag er wach bis zum Morgengrauen.

Als „Schaufenster einer Natur ohne menschliches Maß“ bezeichnet die Bayreuther Stadtmuseums-Direktorin Marina von Assel Knaupps Serie der „Westmännerinseln“. Es ist eine Folge größerer und – neuerdings – auch kleinerer Formate, denen eine Reise an die Westküste Islands zugrundeliegt. Die Werke voll pechschwarzer Wogen zeigen ein Meer ohne Schiffe, ohne Tiere, ohne Mensch: „Nur keine Verniedlichung.“ Seestücke als Seelenstücke: „Ich vermale das eigene Ich. Das Leben ist es, was mich interessiert. Scheitern ist inbegriffen.“

Alles fließt ein in dieses Gebeuteltsein. Dass es dem Wassermaler Knaupp, wie er sagt, schon bei einer Überfahrt nach Helgoland furchtbar elend wird, tut nichts zur Sache: „Ich will es!“

Im Atelier legt er die Leinwände auf den Boden, bevor er sie mit dem tückisch schnell trocknenden weißen und schwarzen Acryl bekippt. Um die Farbmasse dann nach seinem physikalischen Wissen und seinem inneren Rhythmus zu verteilen: „Ich bin ja immer der im Wasser. Ich ersaufe ja jedes Mal mit.“

Dass Knaupp die Gemälde oft mehrfach übermalt, verleiht ihnen zusätzlichen Tiefgang. Manche Wellenwucht wiegt zentnerschwer. Existenzielles Erleben liegt seiner Kunst zugrunde.

Gut, bereits Größen wie Gustave Courbet (1819–1877) oder William Turner (1775–1851) haben das Meer ergreifend abgebildet. Und auch in Vincent Van Goghs „Apfelbaum“ habe bereits der Kosmos gesteckt, erklärt Knaupp: „Aber ich lebe im 21. Jahrhundert“.

Die Küste ist das Drama wo die Elemente aufeinandertreffen. Wo Altes vergeht und Neues entsteht: „Mich interessiert die Energieumwandlung der Natur. Als Metapher fürs Leben – aber auch als pure Malerei“. Schwarz betrachtet Knaupp – mancher Kritik zum Trotz – nicht als Falle. Er bezeichnet sie als „abstrakte Kostbarkeit“. Weiße Acrylfarbe sei statisch. Schwarze reflektiere – ähnlich Wasser – das Licht.

„Jeder Mensch lebt am Abgrund“, verdeutlicht der Künstler, „ob es einer wahrhaben will, oder nicht. Auch Intellekt bietet letztlich keinen Schutz.“ Wie tief er aber manche Betrachter mit seiner Malerei verstöre, habe ihn trotzdem überrascht. Dass Sammler und Wegbegleiter sich abwandten, wenn er ungewohnte Wege einschlug, sei leider nichts Neues, sagt Knaupp. Und bedauert das.

Oft liegen biografische Ereignisse solchen Spurwechseln zugrunde. Nachdem sein Vater gestorben war, und er ihn – die Erfahrungen aus dem Krematorium nutzend – mit eigenen Händen eingesargt habe, habe er nie wieder ein Blatt zur Serie „Menschenbilder“ gezeichnet.

Dass hingegen „Betroffenheit noch keine Kunst mache“, durfte er als Hilfspfleger im Bayreuther Nervenkrankenhaus erkennen. „Voyeure haben da keine Berechtigung. Du kannst nur die Ärmel hochkrempeln und mitarbeiten, oder gehen.“ Die Grenzen seien eh fließend, was „Normale“ und „Verrückte“ betrifft. Auch das wurde ihm bei den „Unheilbaren“ klar: „Mancher, der draußen rumläuft, gehört eigentlich hier rein. Und umgekehrt.“

Knaupp ging vielfach an seine Grenzen. Vier Bandscheibenvorfälle und einen Gehörschaden trug er aus seiner künstlerischen Arbeit davon. Die psychische Belastung ist dabei noch nicht benannt: „Ich habe oft ins Dunkel geleuchtet.“

Im Atelier hängt ein Zeitungsfoto. Es ist schwarz-weiß. Und es zeigt, im Weltall aufgenommen, sowohl die Welt als auch den Mond in einem Bild als zwei banale Kugeln. „Alles ist relativ“, kommentiert Knaupp, der bereits bei den rituellen Verbrennungen in Kalkutta miterlebt hat, wie rasch von einem Leichnam nur noch ein Häuflein Asche übrigbleibt. Ewigkeit? Er schüttelt den Kopf.

Knaupp lebt im Hier und Jetzt: Seit Jahrzehnten treibt ihn eine unstillbare Neugier auf Vulkane an, die ihn in die entlegendsten Winkel der Welt lockt. Trotzdem gesteht er, nicht schwindelfrei zu sein. Im Gebirge komme er kaum über die Baumgrenze hinaus. Doch wie war das mit den Ängsten, denen man sich stellen müsse? Trotz – und wohl auch wegen – seiner zwiespältigen Empfindung für Höhen erwägt der Künstler die steinige Haut der Berge als künftiges Malprojekt. Wenn es ums Elementare geht, ist Knaupp in seinem Element. 

Christian Mückl

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