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Ackermann: Ich lebe für Gottes verlorene Kinder

Facettenreiche Interviews in der Silvester-Sonderbeilage - 01.01.2013 16:39 Uhr

Nürnberg  - Zum Jahreswechsel hat die NZ zehn Interviews mit zehn Persönlichkeiten geführt. In unserer Print-Ausgabe finden Sie weitere Interviews zu Katharina Wagner, Theo Waigel, Harald Glööckler, Daniela Schadt, Dieter Eckstein, Jürgen Todenhöfer, Servet Tazegül, Maja Prinzessin von Hohenzollern und Jean Paul.

Schwester Lea wohnt in einer barocken Propstei; dort befindet sich auch das Büro von "Solwodi".
Schwester Lea wohnt in einer barocken Propstei; dort befindet sich auch das Büro von "Solwodi".
Foto: Stemmler
Schwester Lea wohnt in einer barocken Propstei; dort befindet sich auch das Büro von "Solwodi".
Schwester Lea wohnt in einer barocken Propstei; dort befindet sich auch das Büro von "Solwodi".
Foto: Stemmler

An 100 von 365 Tagen war Dr. Lea Ackermann, die am liebsten Schwester Lea genannt wird, in diesem Jahr auf Achse. Die Ordensschwester bereist Deutschland und die Welt, hält Vorträge — und hilft zahllosen Frauen, die an Leib und Seele verletzt sind. Die NZ traf die 75-jährige Gründerin der Frauen-Hilfsorganisation „Solwodi“ in Boppard am Rhein.

NZ: Seit drei Jahrzehnten helfen Sie vergewaltigten, verschleppten und sexuell ausgebeuteten Frauen. Wie halten Sie das aus?

Schwester Lea Ackermann: Ich habe von Anfang an gedacht, ich kann nicht die ganze Welt retten und ich kann auch nicht alles Unrecht gutmachen. Aber wenn ich einer Frau helfen kann, die Füße wieder auf den Boden zu bekommen, dass sie Mut fasst und sich wieder ins Leben integriert, dann rentiert sich mein ganzer Lebenseinsatz. Wenn man die Schwelle so niedrig ansetzt, dann hat man ungeheuer viele Erfolgserlebnisse.


NZ: Ihre Hilfsorganisation „Solwodi“ (Solidarity with Women in Distress, Solidarität mit Frauen in Not) gibt es seit 1985 in Afrika und seit 25 Jahren auch in Deutschland. Wie kamen Sie dazu, „Solwodi“ zu gründen?

Schwester Lea: Ich war von meiner Ordensgemeinschaft nach Mombasa versetzt worden, um dort Lehrer auszubilden. Und als ich dort ankam, sah ich dieses wunderschöne Ferienparadies mit liebenswerten Menschen und einer großartigen Natur. Und dahin kommen Touristen, die sich eine Weltreise erlauben können. Sie sehen das Elend und die Armut von Frauen und Kindern und kaufen sich die Frauen für ganz billiges Geld zu ihrem billigen Vergnügen. Das hat mich wütend gemacht. Ich habe mit den Frauen gesprochen, wie sie das empfinden. Und die waren ebenfalls wütend und fragten mich: Meinen Sie wirklich, es macht Spaß, mit jedem Deppen da abzuziehen, sich Krankheiten zu holen, mal Geld zu haben und mal keins? Dann habe ich gesagt, wir müssen gemeinsam überlegen, was wir anders machen können.

NZ: Als junge Frau traten Sie dem Orden „Unserer Lieben Frau von Afrika“ bei. Warum ausgerechnet dieser Kongregation?

Schwester Lea: Ich war fromm und bin es noch. Ich liebte aber auch die Freiheit und die große weite Welt. Und deswegen wollte ich in eine Missionsgemeinschaft gehen. Ich schrieb also die Schwestern von Afrika an. Und die antworteten genau an dem Tag, als wir einen Betriebsausflug nach Trier gemacht haben. Damals war ich noch Bankkauffrau. Mit der Antwort in der Tasche habe ich mich nach einer durchtanzten Nacht am nächsten Morgen im Kloster vorgestellt. Dort hat man mir versichert, dass alle Mitglieder nach Afrika gehen dürfen.

NZ: Was war die Motivation für Sie, speziell Prostituierten zu helfen?

Schwester Lea: Schon als ich während meines Arbeitseinsatzes bei unserer Bank in Paris war, sah ich Frauen an der Straße stehen und fand das schrecklich. Ich hatte nicht den Mut, sie anzusprechen. Ich dachte immer, was ich doch für enormes Glück gehabt habe, dass ich da nicht gelandet bin. Ich sah, dass es Lebensumstände gibt, die Frauen dorthin führen. Und ein weiteres Schlüsselerlebnis gab es: Ich war mit einem Bischof und seinen Begleitern unterwegs in Asien. Bei einem Zwischenstopp in Bangkok saßen wir im Taxi auf dem Weg ins Hotel. Und der Taxifahrer bot meinen Mitreisenden sofort seine kleine Schwester „ganz jung, ganz hübsch, ganz billig, die ganze Nacht“ an. Da fragte ich mich erneut: Was ist hier los? Wie wird mit Frauen und Kindern umgegangen?

NZ: Glauben Sie, dass sich die Prostitution als das älteste Gewerbe der Welt überhaupt eindämmen lässt?

Schwester Lea: Ja, es lässt sich eindämmen, wenn man die Position der Frauen stärkt und ganz sicher nicht, wenn man Prostitution legalisiert und so tut, als sei das ein Beruf wie jeder andere auch. Das ist es nicht. Ich bin gegen diese ganze Verharmlosung. Ich glaube auch nicht, dass es das älteste Gewerbe der Welt ist. Jäger, Töpfer und Sammler kamen zuerst. Dann gab es Kriege und es wurden Kriegsmittel eingesetzt. Die Frauen der Gegenseite wurden vergewaltigt. Später prostituierten sich Frauen in der Not. Bis heute verdienen sich Zuhälter dumm und dämlich.

NZ: Und wie kann man der Prostitution Einhalt gebieten?

Schwester Lea: In Schweden hat man erkannt: In einem Land, in dem Mann und Frau gleich sind, kann die eine Hälfte nicht die andere kaufen. Und deshalb wird bereits die Nachfrage unter Strafe gestellt. Ein Mann, der einer Frau ein Angebot macht, macht sich also strafbar. Dieses Gesetz hat dazu geführt, dass 90 Prozent der Schweden „nein“ zur Prostitution sagen. Ich mochte stets die Aussage von Alice Schwarzer: „Nein“ zur Prostitution, „ja“ zur Prostituierten. Wir haben kein Recht, die Frau, die in die Prostitution geraten ist, zu beurteilen. Aber wir können gegen Prostitution als eine Serviceleistung sein. Ich finde es richtig, dass die Frauen bei uns krankenversichert sind.

NZ: Sind Sie eigentlich für Verhütung und Abtreibung?

Schwester Lea: Für Verhütung bin ich schon, nicht aber für Abtreibung.

Ihr Einsatz für hilfesuchende Frauen  wurde mit dem Bundesverdienstkreuz honoriert: Schwester Lea Ackermann.
Ihr Einsatz für hilfesuchende Frauen wurde mit dem Bundesverdienstkreuz honoriert: Schwester Lea Ackermann.
Foto: dapd
Ihr Einsatz für hilfesuchende Frauen  wurde mit dem Bundesverdienstkreuz honoriert: Schwester Lea Ackermann.
Ihr Einsatz für hilfesuchende Frauen wurde mit dem Bundesverdienstkreuz honoriert: Schwester Lea Ackermann.
Foto: dapd



NZ: Auch nicht nach einer Vergewaltigung?

Schwester Lea: Sie können Kinder immer austragen und dann abgeben. Einmal kam eine schwangere Frau im siebten Monat zu uns und wollte abtreiben. Ich habe ihr gesagt, dass das kein Arzt mehr legal macht und sie in Schwierigkeiten kommt, was ihr Gewissen und ihre Gesundheit betrifft. Die Frau bekam also das Kind und man fand eine Familie mit gesicherten Verhältnissen. Der Junge ist heute 16 Jahre alt und es geht ihm gut. Solche Beispiele gibt es viele.

NZ: Sie sind Nonne, tragen aber keine Tracht.

Schwester Lea: Es ist uns freigestellt, eine Tracht anzuziehen. Ich habe früher ein Gewand getragen und fand das toll. Aber wenn man im Zug saß, hat sich niemand zu einem gesetzt und wenn doch, dann dachte derjenige, er muss jetzt ein frommes Gespräch anfangen. Dann aber habe ich über den Schleier nachgedacht und mir gesagt: Donnerwetter. Die Männer — vor allem der damalige Papst — bestimmen alles in der Kirche, auch was ich anzuziehen habe. Seitdem trage ich keinen Schleier mehr. Es hätte auch nicht gepasst, wenn ich in meiner Tracht in den Bordellen aufgetaucht wäre. Die hätten gedacht, ich wollte missionieren.

NZ: Sie leben seit 1988 zusammen mit einem Pater in einer Propstei am Rhein.

Schwester Lea: Ja, das kam so: Als ich aus Afrika zurückkam, suchte ich eine Bleibe. Der Bischof und meine Oberin waren einverstanden, dass ich in das große Pfarrhaus mit einzog. Der Pater ist ein Studienfreund von mir. Ich kenne ihn seit 40 Jahren. In dem Haus hat jetzt auch „Solwodi“ seine Büros. Auch damals hat mir der liebe Gott geholfen. Ich dachte immer: Lieber Gott, ich mache das alles für deine verlorenen Kinder, du darfst mich nicht hängenlassen. Dass ich hier einziehen durfte, war wieder einmal Fügung.

NZ: Sie haben selbst auch Pflegekinder in diesem Haus großgezogen.

Schwester Lea: Wir hatten anfangs vier, dann noch zwei Kinder hier. Die älteste Ziehtochter studiert jetzt.

NZ: 2012 war sehr ereignisreich für Sie. Sie wurden 75, feierten ihr 50-jähriges Ordensjubiläum und bekamen das große Bundesverdienstkreuz.

Schwester Lea: Ja, es war ein sehr glückliches und aufregendes Jahr. Es ist wunderbar, zurückzuschauen auf 75 Jahre. Ich bin dem lieben Gott unendlich dankbar, dass alles bisher so gut geworden ist. Ich bekomme viel Bestätigung auch im Glauben. Vieles hat sich in meinem Leben gut gefügt.

NZ: Was bedeutet Glück für Sie?

Schwester Lea: Glück heißt für mich sinnvolle Lebensgestaltung und nicht, mich nur um mich selbst zu kümmern. Als ich ins Kloster ging, habe ich mich über vieles geärgert. Ich habe erkannt, dass der Spruch aus meiner saarländischen Heimat stimmt: Die Leute, die in die Kirche gehen sind nicht anders als die, die nicht in die Kirche gehen. Ich habe gedacht: Wir haben das Evangelium und wenn man versuchen würde, es umzusetzen, müsste es doch besser zugehen in der Welt. Daran arbeite ich.

NZ: All die Opfer, denen Sie helfen konnten und die so viel Leid erfahren haben: Können diese Frauen trotzdem glücklich sein?

Schwester Lea: Eine Osteuropäerin, zu der ich bis heute guten Kontakt habe, sagte mir einmal: Ich bin zufrieden, habe eine feste Arbeit und verdiene Geld. Aber richtig glücklich werde ich nie mehr, weil ich nicht vergessen kann, was man mit mir gemacht hat. Kleine Glücksmomente können die Frauen sicher erfahren. Afrikanerinnen sind sehr bodenständig. Sie haben so vieles erlebt und immer wieder neuen Mut geschöpft. Ihnen ist viel stärker bewusst, dass sie in Gott verankert sind, egal, welchen Namen sie diesem Gott geben. Da ist so eine tiefe Gläubigkeit. Das erstaunt mich immer wieder. Wo Europäerinnen längst jede Hoffnung aufgeben, spüren die Afrikanerinnen: Der liebe Gott lässt mich nicht im Stich.

NZ: Haben die Frauen in Afrika durch Ihre Arbeit zum Glauben gefunden?

Schwester Lea: Sagen wir so: Durch unsere Arbeit werden sie in dem bestärkt, was sie glauben. Dann hat Gott ihnen eben durch uns geholfen. Als ich in Afrika anfing, wollte ich ihnen nichts aufzwängen und sie nie missionieren. Ich fand das so schrecklich, Leuten im Elend zu sagen: Aber Gott hilft dir. Ich habe es aber erlebt, dass Frauen bei einem Treffen von sich aus beten wollten. Da waren Musliminnen, Christinnen und ungetaufte Frauen dabei und bei allen war ein tiefer Glaube zu spüren.

NZ: Sie haben Ihr Leben vor allem anderen Menschen gewidmet. Was tut Ihnen gut? Wie regenerieren Sie?

Schwester Lea: Das Regenerieren kommt momentan etwas zu kurz. Ich mache zu viel, hoffe aber, dass ich in den nächsten Jahren entlastet werde. Mein größter Wunsch wäre es, wenn ich eine Ordensschwester als Nachfolgerin finden könnte. Mein Traum wäre es, irgendwann auf dem Jakobsweg zu wandern. Zur Entspannung gucke ich mir gern einen Krimi im Fernsehen an. Das Gute daran ist, dass die Täter im Film immer gefasst werden.
  

Susanne Stemmler


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