5°C

Montag, 24.11. - 22:33 Uhr

|

zum Thema

Baumfrevler hält Fürth in Atem

Sachbeschädigungen und Vandalismus nehmen weiter zu - 01.03.2012 13:00 Uhr

Ein Gutachter blickt auf den Schaden: In Fürth sägte ein Unbekannter junge Bäume um.

Ein Gutachter blickt auf den Schaden: In Fürth sägte ein Unbekannter junge Bäume um. © Winckler


NZ: Herr Dr. Dr. Niklewski, wenn Sie an einem abgesägten Baum vorbeikommen – was denken Sie dann als Privatmann?

Günter Niklewski: Zerstörungen aller Art sind allgegenwärtig. Sie müssen im Sommer nur in den Nürnberger Marienbergpark gehen. Dort hinterlassen die Menschen am Sonntagabend ein Riesen-Chaos und Berge von Unrat. Oft haben sie Löcher in den Rasen gegraben, um Feuer zu schüren.

NZ: Solche Menschen verhalten sich ihrer Umwelt gegenüber äußerst unaufmerksam.

Niklewski: Ja, aber diese Form von Nicht-Aufmerksamkeit ist eine Form der Zerstörungswut: Menschen gehen im öffentlichen Raum extrem sorglos mit dem um, was dort vorhanden ist. Dazu gehören auch die Zerstörungen in öffentlichen Verkehrsmitteln.

NZ: Den Müll liegen zu lassen ist aber eher passive Zerstörung.

Niklewski: Nicht unbedingt. Für mich ist es durchaus aktiv, wenn man seinen Müll nicht wegräumt. Die Menschen sind achtlos und sie haben es nicht gelernt, mit Dingen in der Öffentlichkeit angemessen umzugehen. Sie haben zum Teil überhaupt kein Sensorium mehr dafür, was sie damit anrichten.

NZ: Woran liegt das?

Niklewski: Sie lernen so etwas kaum mehr in der Schule. Meine Tochter wurde in der Rudolf-Steiner-Schule zwei Jahre lang in Gartenbau unterrichtet – sie weiß genau, wie langsam Pflanzen wachsen.

NZ: Was denken Sie denn als Psychiater, wenn Sie große Müllberge und beschädigte Bäume sehen?

Niklewski: Ich denke, dass die Menschen den sorgfältigen Umgang damit nicht gelernt haben. Außerdem erleben sie den ganzen Tag, dass man sich so verhalten kann. Es wird ja nicht sanktioniert, sondern einfach hingenommen. Es werden enorme öffentliche Mittel eingesetzt, um die Schäden zu beseitigen. Am Montagmorgen rücken dann SÖR-Kolonnen an, die den ganzen Unrat beseitigen – und am nächsten Wochenende geht es wieder los.

NZ: Wie kann man das verhindern?

Niklewski: Ein Gegenbeispiel ist der Central Park in New York. Wenn Sie da eine Zigarettenkippe wegwerfen, sind Sie dran – und zwar mit einer richtig hohen Strafe.

NZ: Anders geht es nicht?

Niklewski: Ich befürchte, nein. Bei solchen Sachen glaube ich nicht an Kraft der Vernunft. Die Strafe muss teuer werden, anders kapieren die Menschen das nicht.

NZ: Liegt Vandalismus im Trend?

Niklewski: Das ist eine Form der Vernachlässigung, die man überall beobachten kann. Manche reagieren ihre Spannungen an materiellen Dingen ab, aber davon wird es nicht besser. Die Kulturleistung besteht ja darin, dass wir uns solchen Zerstörungen eben nicht hingeben – und nicht darin, dass wir sie verstehen.

NZ: Wenn wir den Baumfrevler verstehen wollen – wo liegt seine Motivation?

Niklewski: Das wirkt eher wie eine fixen oder – wie wir Psychiater sagen – eine überwertige Idee. Vielleicht ist es sogar wahnhaft. Ich kann keine Ferndiagnosen stellen. Aber möglich sind die unterschiedlichsten Geschichten: Vielleicht ist die Freundin des Täters mit dem Auto gegen einen Allee-Baum gefahren. Bei dem Verursacher muss irgendwann einmal im Leben ein Baum eine besondere Rolle gespielt haben. Das wächst sich dann zu einer überwertigen Idee aus, bei der immer dasselbe gemacht wird.

NZ: Also sind es keine spontanen Aktionen?

Niklewski: Nein, die Tat sieht aus der Ferne betrachtet eher nach einer überlegten Handlung aus. Der Täter ist offenbar niemand, der planlos durch die Gegend läuft und Dinge zerstört, sondern ein bestimmtes Muster verfolgt. Das könnte ich aber nur aufdecken, wenn ich die Möglichkeit hätte, mit dem Unbekannten zu sprechen.

NZ: Gibt es auch einen grundlosen Vandalismus?

Niklewski: Das gibt es auch. Vielleicht wollte auch jemand seine Wut auf die Öko-Gesellschaft abreagieren. Es ist politisch höchst inkorrekt, einem Baum zu schaden. Schließlich darf man Bäume ohne Zustimmung nicht fällen oder verändern. Mit der Tat könnte also jemand seine Ablehnung des ganzen Denksystems zum Ausdruck bringen.

NZ: Der Vandalismus in U-Bahnen und Zügen ist hingegen eher ungerichtet.

Niklewski: Ja, gerade das Verhalten jugendlicher Täter ist eher ungerichtet und spontan, folgt mehr dem Muster, Wut und archaische Gefühle abzureagieren. Dabei ist jedoch das Problem, dass die Betroffenen es nicht gelernt haben, mit solchen Zuständen anders umzugehen. Das ist das kulturelle Defizit.

NZ: Wie kann ein Psychiater beispielsweise dem Baumfrevler helfen?

Niklewski: Man muss seine Motivation herausbekommen. Vielleicht handelt es sich auch um ein kriminelles Delikt, und der Unbekannte ist psychisch in Ordnung.

NZ: Gibt es eine Zunahme pathologisch motivierter Zerstörung?

Niklewski: Im Bereich der Persönlichkeitsstörungen verzeichnen wir schon einen Zuwachs. Dabei handelt es sich um Menschen, die in ihrer Primärpersönlichkeit Reifungsdefizite haben. Unreife Persönlichkeiten sind schnell reagibel und können weder ihre Gefühle noch ihre Impulse kontrollieren. Wir beobachten tatsächlich eine Zunahme solcher Fälle, hervorgerufen vor allem durch Vernachlässigungen im Kindesalter.

NZ: Folgt bei diesen Tätern nach der Sachbeschädigung die Gewalt gegen Menschen?

Niklewski: Das kann man nicht sagen; es sind keine potenziellen Kriminellen. Außerdem gibt es noch Temperamentseigenschaften wie Jähzorn, und der sollte auch erlaubt sein. Das ist keine Krankheit. Bitte nicht gleich alles pathologisieren und nur noch die Sanftmüdigen gelten lassen! 

Fragen: Sharon Chaffin

6

6 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Name:

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.