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"Begeistern – das wollte ich immer!"

Karl-Friedrich Beringer - 16.12. 08:00 Uhr

WINDSBACH  - Sommerferien, August 2010, Brasilien. Im Feriendomizil der Familie bringt Karl-Friedrich Beringer einen Entschluss zu Papier. Adressat: Das Kuratorium des Windsbacher Knabenchors.

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Nach den engsten Mitarbeitern erfuhren es im Oktober alle – in erster Linie die Choristen: „Der Chef“ geht. Früher, als erwartet. „Es gab Tränen. Vielleicht auch Enttäuschung“, erinnert sich Beringer. „,Sie können doch noch bis 70 machen‘, hieß es immer wieder. Doch dann wäre es dasselbe wie jetzt. Ich komme mir vor wie einer, der seine Kinder im Stich lässt.“


Von Anabel Schaffer (Text)
und Roland Fengler (Fotos)
Von Anabel Schaffer (Text) und Roland Fengler (Fotos)
Von Anabel Schaffer (Text)
und Roland Fengler (Fotos)
Von Anabel Schaffer (Text) und Roland Fengler (Fotos)

Die Ellbogen auf dem Tisch, den Kopf in die Hände gestützt, starrt Beringer ins Nirgendwo. Er ist schlanker, drahtiger denn je, läuft seit drei Jahren jeden Morgen zehn Kilometer. Dabei werden Gedanken frei – und Energien. 64 wird er im Januar. 42 Jahre war er Chorleiter, 34 davon in Windsbach. „Tatsächlich war die Anzahl der Jahre Anlass für meinen Entschluss, bereits jetzt zu gehen. Ich habe alles erreicht, was man sich in diesem Bereich vorstellen kann.“


Er schuf ein Ensemble von Weltformat, hielt die enorme Qualität über Jahrzehnte – bei einem Knabenchor ein jährlicher Kampf. Rundfunkaufnahmen; Live-Mitschnitte; Preise; 54 CD-Aufnahmen, drei davon kommen noch heraus, wenn Beringer den Stab bereits an seinen Nachfolger übergeben hat. „Wir haben mit bedeutenden Orchestern musiziert, waren weltweit in namhaften Konzertsälen unterwegs, haben mit großen Solisten gearbeitet... Höhepunkte? Ich wüsste nicht, wo ich anfangen sollte. Kennedy-Center in Washington, Lorenzkirche, eine Chorandacht in Immeldorf? Sternstunden – die gab es. Nicht nur in Konzertsälen, oft auch in den Proben.“



Geräuschvoll lässt Beringer die aufgestützten Unterarme auf den Tisch fallen, reißt sich selbst aus einer Wehmutstrance, die er eigentlich gar nicht will. „Ich fühle mich wie jedes Jahr, Aufgaben stehen noch bevor.“ Dicht gedrängt stecken die Kärtchen mit den Konzert-Orten in ganz Deutschland im riesigen Wandkalender – nach dem 22. Dezember aber ist alles weiß. Unberührte, gähnende Leere. Eine neue Ära. „Ab Januar heißt der Chef Martin Lehmann.“ Kein Blinzeln. Die blauen Augen haben die Chor-Zukunft ins Visier genommen, auch die eigene.

„Kann sein, dass ich noch drei Wochen Stimmbildung abdecke, mein offiziell letzter Tag ist der 31.1.2012“, spult Beringer betont locker ab. „Ich weise meinen Nachfolger ein, bin da, wenn er mich brauchen sollte, auch künftig, das ist Ehrenkodex; ich halte aber keine Proben mehr. Halbe-halbe, das mag ich nicht, möchte es auch meinem Nachfolger nicht zumuten. Ab Februar bin ich dreieinhalb Monate in Brasilien.“ Seine Hand schießt in die Luft, deutet den Start eines Fliegers an – und den Abstand, den er sich schafft. Wieder wandert sein Blick aus dem Fenster, hinter dem der Wind an den Bäumen zerrt. „Ich habe es in meinem Leben nicht weit gebracht. Von Neuendettelsau nach Windsbach: 8000 Meter.“ Er lächelt.

Ist er innerlich schon einmal gegangen, damals, im Sommer 2004? „Nein. Ich dachte nicht daran, aufzuhören. Das war ein brutaler Angriff auf meine Person. Ich fand es toll, dass meine Chorsänger gesagt haben: ,Kommt der nicht wieder, singen wir nicht mehr.‘“ Mit der E-Mail eines aufgebrachten Choristenvaters hatte begonnen, was sich nach Abschluss der gerichtlichen und innerkirchlichen Untersuchung als unhaltbar herausstellte. Der Vorwurf der tätlichen Übergriffe auf Sänger jedoch steckt in Beringers Vita wie ein Reißnagel in der Seele – im Internet jederzeit nachlesbar, auch für Musiker, die erstmals mit ihm arbeiten. „Ich muss mit diesen Vorurteilen leben.“

Vor seinem Umzug nach Merkendorf hat er kürzlich alle Akten im Kamin verbrannt. „Das war kein kleiner Akt. Es hat Stunden gedauert.“ Einen positiven Aspekt sieht er dennoch in seinem durchlittenen Waterloo: „In diesen zwei Jahren ist der Chor, die Windsbach-Familie, viel mehr zusammengerückt, auch die Hunderten Ehemaligen. Dennoch...“ Schweigen. Er verschränkt die Arme. „Ich kann heute noch nicht verstehen, wie das passieren konnte“, sagt er leise, ohne Bitternis in der Stimme. „Was diese Zeit mit mir gemacht hat? Wenn ich heute etwas lese – ich glaube es nicht mehr. Ich werde mich hüten, etwas über einen Politiker zu glauben, wenn ich ihn nicht selbst kenne.“

Balsam brachte 2008 die theologische Ehrendoktorwürde der Augustana-Hochschule Neuendettelsau. „Karl-Friedrich Beringer ist einer jener großen Chorleiter, die biblische Sprache zu Musik und Musik zu Sprache werden lassen“, hieß es in der Begründung. Und der Maestro? „Ich bin glücklich und dankbar, weil erkannt wurde, worum ich mich tagtäglich bemühe.

Ich bin überzeugt, dass Text in Verbindung mit Musik eine doppelte Kraft hat und unmittelbar in die Seele dringt – egal, welcher Konfession Menschen angehören. Eigentlich“, erklärt er sanft, „hat man den Titel den Windsbachern verliehen.“ Auch Glück habe er gehabt; Leute kennengelernt, die weiterhalfen. „Ich blicke voll Dankbarkeit auf unsere Sponsoren und den Patronatskreis – die helfen uns so sehr!“

Greift Beringer in die Erinnerungs-Schatztruhe, flanieren Bundespräsidenten und Königin Sofia von Spanien ebenso vorüber, wie berühmte Interpreten; Chorauftritte und kuriose Erlebnisse in Japan, Norwegen, Malta, Russland, Taiwan, Australien, China, Südamerika oder auf renommierten Musikfestivals werden in faszinierenden Erzählungen lebendig, auch das Konzert mit akuter Lungenentzündung in der Dresdner Frauenkirche: Acht Tage Klinikaufenthalt forderten die Ärzte; Beringer entließ sich auf eigene Faust – und dirigierte auch die anschließende Tournee.

Warum jemand so etwas tut? „Du musst besessen sein von dem, was du machst“, erklärt der Mann, der Klangfarben, Dynamik und Ausdruck bei seinem Chor abrufen kann wie ein Organist die Register seines Instruments zieht. „Ich will begeistern. Das wollte ich immer, und nie etwas anderes. Die Musik ist mir Berufung, Hobby, Leidenschaft und Leben.“

Unablässig sind die Hände in Bewegung, Beringer sprüht vor brennender Energie, die greifbar scheint. Einer wie er hört nicht auf: Ein Jahr will er sondieren, Anfragen gab und gibt es aus dem In- und Ausland, von professionellen Gesangsensembles wie Orchestern. „Was mich an den Jugendlichen immer so begeistert hat, ist dieses gemeinsame Ringen um eine Sternstunde! Ich verliere sehr, sehr viel.“

Kratziger als sonst ist seine Stimme, als er aufzählt. „Die Filme, die wir gemeinsam gedreht und bei mir zu Hause geschnitten haben. Faschingsandachten, Internatsfeste, die Gespräche in Wartehallen, auf Bus- und Flugreisen und hier auf dem Gelände in der ,Klause‘ – das wird mir fehlen! Nicht fehlen werden mir gewisse Elterngespräche: ,Der Junge hat zu wenig Freizeit; warum darf mein Sohn nicht mit nach Japan, muss aber in St.Lorenz singen?‘ Und ich muss mir nicht mehr anhören, dass das Kind in der Schule schlecht ist, weil zu viele Proben laufen.“

Es wird einen Bruch in Windsbach geben, sagt er. Eine Wende. „Das war von Thamm zu Beringer so, das wird von mir zu Lehmann so sein. Der Chor muss sich umstellen auf neue Akzente. Und eines ist für meinen Nachfolger sicher: In vier Jahren kennt keiner im Chor mehr den Beringer. Beim Knabenchor wird nur der Leiter alt.“

An jedem Ort dirigiert Karl-Friedrich Beringer die Windsbacher in diesen Tagen zum letzten Mal. „Jedes mal ein bisschen sterben“, gibt er fast flüsternd zu. „Das Schlimme ist, glaube ich, das wirklich letzte Mal. Das merke ich jedes Jahr an meinen Abiturienten. Es ist ein völlig neues Gefühl, dass nicht ich meine Chorsänger verabschiede, sondern sie mich. Und vor diesem Punkt habe ich Angst.“

Sein Handy surrt – die SMS eines Ehemaligen. Beringer lächelt. Auf dem Display steht: „Sie und der Chor fehlen mir sehr. Hätte ich noch mal die Wahl, nach Windsbach zu kommen, ich würde es sofort tun.“ 




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