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NZ: Herr Professor Sörgel, Sie haben in einer ersten Stellungnahme, die über Agentur gelaufen ist, sich enttäuscht geäußert. Warum?
Fritz Sörgel: Das einzige, was von Bedeutung war, waren die ersten vier Antworten, die Armstrong mit Ja beantwortet hat, nämlich dass er gedopt und welche Substanzen er eingenommen hat. Danach war es eigentlich nur noch Talkshow-Geplappere. Es ist im Grunde so nicht viel Neues an die Oberfläche gekommen. Was mich naturgemäß stärker interessiert hätte, wäre gewesen, wie er es geschafft hat, all die Dopingtests zu überstehen. Er ist komplett ausgewichen, als es um den Dopingarzt Michele Ferrari ging, das hat mir dann den Rest gegeben.
NZ: War es nicht trotzdem in gewissem Maße befriedigend für Sie als „Anti-Doping-Jäger”, dass er zumindest Doping offiziell zugegeben hat?
Sörgel: Ja. Das waren die ersten vier Antworten, die er gegeben hat. „Haben Sie Epo genommen, haben Sie Blutdoping betrieben?“ Das waren klare Fragen, eine klare Antwort. Aber alles andere war verwaschen.
NZ: An den entscheidenden Punkten wie Ferrari oder die Zusammenarbeit, ist er ausgewichen, hat diese in Schutz genommen ...
Sörgel: Da hat er die Rollos heruntergelassen. Was mich an Oprah Winfrey gestört hat, war, dass sie nach den vier Nein-Fragen gesagt hat, man könne ohne Doping nicht gewinnen, ihm den perfekten Übergang lieferte. Das hat mich sehr geärgert. Da muss man sich doch fragen: Wenn alle dopen, die anderen ja dieselben Mittel zur Verfügung haben – warum ist dann gerade er so erfolgreich? Da muss er gerade auch von der medizinischen Seite wirklich optimal beraten worden sein.
NZ: Im Zuge der Diskussion über Armstrong ist in den letzten Wochen und Monaten deutlich geworden, dass in den Sportverbänden zum Teil korrupte, regelrecht mafiöse Zustände herrschen. Der Sport leidet also nicht nur unter Doping, sondern auch unter diesen Funktionären...
Sörgel: Die Sportverbände sind heute reine Verwaltungen. Die verwalten, wenn mal so will, Menschen, die viel Geld verdienen. Warum sollen dort nicht dieselben Systeme greifen wie in der Industrie? Da spielt der Sport in keinster Weise, wie man es sich wünschen würde, eine Sonderrolle, sondern es geht genauso zu wie in allen anderen Geschäftsbereichen und leider auch wie im Drogenbereich.
NZ: Welche Konsequenzen erwarten Sie für den Radsport? Es wurde gefordert, ihn aus dem olympischen Programm zu nehmen.
Sörgel: Das habe ich schon vor langer Zeit vorgeschlagen, um ihm die Chance zur Selbstreinigung zu geben. Aber wenn man bedenkt, welche Skandale – die von der Größenordnung her schlimmer waren – in den letzten Jahren passiert sind, ist doch nichts passiert. Die haben nichts bewirkt. Deswegen habe ich auch diesmal keine Hoffnung.
NZ: Dass Armstrong jetzt doch gestanden hat, das lag in erster Linie am juristischen Druck, den es in Deutschland so nicht gibt. Meinen Sie, ein Dopinggesetz könnte etwas bewirken?
Sörgel: Seit ich an der Richter-Akademie in Trier Staatsanwälte der Schwerpunktstaatsanwaltschaften für das Doping geschult habe, habe ich mich sehr intensiv mit der Materie befasst. Ein vernünftiges Antidopinggesetz scheitert momentan an gewissen Grundrechten. Man darf Drogen konsumieren, man darf sie lediglich nicht besitzen oder in Handel bringen. Da müssen die Juristen endlich überlegen, wie man die Gesellschaft davor schützt. Da muss man eben unter Umständen im Grundgesetz den einen oder anderen Artikel umformulieren Die Juristen sagen mir, dass das im Grundgesetz verbriefte Recht auf Selbstbeschädigung das Hauptproblem und deshalb kaum eine Bestrafung möglich ist.
NZ: Was halten Sie vom Vorschlag von Transparency-Vorstandsmitglied Sylvia Schenk, die fordert, dass bei großen Radrennen unabhängige Ärzte sämtliche Medikationen überprüfen?
Sörgel: Es wäre eigentlich Aufgabe der Nada, das zu prüfen. Das habe ich schon immer kritisiert, dass die Nada die vorhandenen Erhebungsbögen ungenügend kontrolliert. Wobei ich in diesem Fall ausnahmsweise der Nada zugestehen will, dass ihre finanziellen Möglichkeiten dafür nicht ausreichen.
NZ: Viele Sportfans sind der Dopingberichterstattung überdrüssig – was halten Sie denen entgegen?
Sörgel: Da muss man unterscheiden zwischen dem Sportfan und dem Sportinteressierten, der auch versucht, hinter die Kulissen zu schauen. Diese Verharmlosung des Begriffes Doping kommt ja vom Sport und ist übergeschwappt in alle Berufe. Ich erinnere an „Doping im Büro“, das die Krankenkassen ja oft beklagen. Ganz abgesehen von der fatalen Vorbildwirkung für Jugend- und Amateursportler.

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