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„Ich bin auf Ehrlichkeit von berufswegen angewiesen“, sagt Dorothea Deneke-Stoll. Begegnet man der zierlichen Frau auf der Straße, mag sie für einen ersten flüchtigen Blick eher unscheinbar wirken. Doch immerhin leitet sie mit ruhigem aber bestimmten Ton die Sitzungen der Landessynode. Als Synodalpräsidentin sitzt sie dem Kirchenparlament der evangelisch-lutherischen Kirche vor und bekleidet damit das höchste Ehrenamt der bayerischen Protestanten.
Von Beruf ist Deneke-Stoll Vorsitzende Richterin am Landgericht Ingolstadt an einer Zivilkammer. „Man entwickelt ein Gespür dafür, wer ehrlich ist und wer nicht“, erklärt die stets konzentrierte Frau mit der Gabe des Zuhörens. Im Zivilprozess gilt der Grundsatz des Parteienvortrages. Richterin Deneke-Stoll darf nicht von Amts wegen ermitteln, sondern muss das, was ihr die Parteien vor Gericht sagen, ihrem Urteil zugrunde legen. Da gibt es natürlich Fälle, bei denen schnell klar ist, dass einer lügt. „Wenn jemand sehr holzschnittartig antwortet und wenig Details einbringt, ist es für mich ein Indiz, dass er was gelernt hat.“ Je detaillierter eine Aussage ist, um so glaubwürdiger ist sie für die Richterin, die auch noch andere Kriterien anwendet, um zu entscheiden, ob jemand ehrlich ist: „Es kommt natürlich auch auf den Gesamteindruck an, den eine Person macht. Manchmal erlebt man jedoch Überraschungen und es kommt vor, dass Personen, die sehr vertrauenswürdig erscheinen, nachher von Fakten widerlegt werden.“
Halten es Menschen vor Gericht also grundsätzlich nicht so genau mit der Ehrlichkeit? „Im Grundsatz bemühen sich die Menschen, ehrlich miteinander umzugehen“, ist Deneke-Stoll überzeugt. Ausnahmen gebe es sicherlich auch. Die Richterin weiß, dass es nicht leicht ist, die Wahrheit zu ermitteln, zumal wenn es verschiedene Sichtweisen einer Sache gibt. Als Beispiel führt sie Verkehrsunfälle an, die sie vor Gericht zu behandeln hatte. „Da geht es um ein Augenblicksgeschehen, Dinge die in Sekunden abliefen“, weiß sie.
Dann schildert es die eine Partei so und die andere anders. „Man hat dann den Eindruck, subjektiv sagen sie wahrheitsgemäß aus. Sie haben es beide subjektiv so erlebt, wie sie es mir schildern. Aber nach der Rekonstruktion durch einen Gutachter zeigt sich, dass einer es sich für sich selbst zurecht gelegt hat.“ Man kann dessen Darstellung sachlich widerlegen. „Man wird aber dennoch nicht sagen können, dass die eine Person bewusst unehrlich war. Sie ist für sich subjektiv ehrlich.“
Ehrlichkeit lässt sich also nicht immer an der offensichtlichen Wahrheit messen? „Manchmal nehme ich es jemanden ab, dass er subjektiv meint, es war so. Objektiv war es dann ganz anderes“, sagt die Richterin abwägend. Ist so jemand dann ehrlich oder nicht ehrlich? „Es ist eine Definitionsfrage, ob man Ehrlichkeit subjektiv oder objektiv auslegt“, so Deneke-Stoll. „Ich persönlich würde sagen, wenn es um ethische Maßstäbe geht, geht es eher um die subjektive Seite“, räumt die vierfache Mutter ein.
Aber bevor sie so nachsichtig mit ihrem Nächsten umgeht, legt sie strengere Maßstäbe an die Ehrlichkeit ihres Gegenübers – und sich selbst – an. „Ich muss meine Erinnerungen richtig bemühen, mich in meiner Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen.“ Wer zu sich selbst ehrlich ist, der gräbt in sich nach der Wahrheit. „Ich habe lieber jemanden, der sagt, ich weiß nicht mehr genau wie es war, als einen, der stur auf seiner Aussage beharrt.“
Würde sie es als Christin unter bestimmten Bedingungen verstehen, wenn jemand nicht ganz ehrlich ist? Hat das Sprichwort nicht recht, der Ehrliche ist der Dumme? Ist es nicht verständlich, wenn vor Gericht jemand nicht alles sagt, um sich selbst zu schützen? „Als Beschuldigter muss ich vor Gericht nichts sagen“, erläutert die Vorsitzende der Zivilkammer. „Es ist ein hohes Gut, dass ich das Recht habe, mich nicht selbst zu belasten“, erklärt sie sachlich.
Dann wird sie lebhafter: „Als Richterin möchte ich aber die Wahrheit und ich gehe so weit ich kann, um sie zu erfahren.“ Und dem Zuhörer wird klar, dass die in sich ruhende Frau mit dem forschenden Blick vor Gericht auch ganz deutlich werden kann. Dann bringt die Christin ihre Überzeugung auf den Punkt: „Es ist immer richtig, die Wahrheit zu sagen, auch vor Gericht!“
Sie will aber unterscheiden, was ihre Rolle als Richterin ist und was als Privatperson. „Der Wert Ehrlichkeit steht bei mir selbst sehr hoch und ich bemühe mich auch dem zu entsprechen. Wenn man sich nicht auf andere verlassen kann, auch einem nicht Offenheit widerfährt, dann sind gelingende persönliche Beziehungen schwer möglich.“ Im Privatleben gebe es auch Situationen, wo man sich fragen muss, „ist ungeschützte Ehrlichkeit angebracht?“ Die Ingolstädterin nennt ein Beispiel: „Meine Freundin hat eine neue Frisur, die mir absolut nicht gefällt. Ich kann nun mit der Tür ins Haus fallen und ihr ehrlich sagen, dass es mir nicht gefällt. Aber sie hat auch so schon genug Probleme. Ich kann also darüber hinweggehen. Oder ich kann es so verpacken, dass es nicht als harsche Kritik verstanden wird, um die Beziehung zu schonen.“
Es ist legitim zu überlegen, was im Moment gerade dran ist und auf persönliche Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. „Vielleicht muss ich es ihr verständnisvoll sagen, wenn ich befürchte, sie macht sich woanders lächerlich.“
Steht nicht im Evangelium „Eure Rede sei ,ja, ja – nein, nein‘“ (Matthäus 5,37). „Ja, das steht da“, sagt die Richterin, „aber so einfach ist es halt nicht, das erleben wir in unserer komplexen Welt immer wieder.“ Was ist Ehrlichkeit noch wert? „Ich denke, Ehrlichkeit ist für menschliche Beziehungen unerlässlich. Wobei das Rücksichtnahme und Barmherzigkeit nicht ausschließt. Es geht bei der Ehrlichkeit auch um Offenheit und Fairness miteinander. Das sind meines Erachtens unerlässliche gesellschaftliche Werte.“
Sa. 28.04.12
Fr. 20.04.12
Fr. 20.04.12