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Der korrupte Tätertypus

Erfolgreich, männlich, gierig: Korruption empirisch untersucht - 12.07.2012 18:35 Uhr

Professor Britta Bannenberg

Professor Britta Bannenberg © dpa




NZ: Frau Prof. Bannenberg, Sie haben Korruption in Deutschland empirisch untersucht. Wo wird geschmiert?

Britta Bannenberg: Korruption gibt es sicher überall in der Verwaltung und in der Wirtschaft. Vor allem in lukrativen Bereichen der Beschaffung von Waren und Dienstleistungen, erst recht beim Anlagenbau, im Baubereich, auf dem Energiesektor und im Pharmabereich gibt es übliche Bestechungspraktiken. Im internationalen Sport und im Waffenhandel geht es sicher um erhebliche Summen, letztgenannte Bereiche sind aber rechtlich und tatsächlich kaum zu fassen.

NZ: Was ist Korruption und ist sie überhaupt immer strafbar?

Bannenberg: Strafbar sind Bestechung und Bestechlichkeit bei Verletzung von Dienstpflichten und Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung von Amtsträgern. Hier geht es um das Vertrauen der Allgemeinheit in die Rechtmäßigkeit der Dienstausübung. Strafbar ist auch die sogenannte Angestelltenbestechung, wenn sich also der Einkäufer eines Unternehmens vom Vertriebsmann eines Anbieters bestechen lässt. Abgeordnete unterliegen dagegen nur beim Stimmenkauf dem Strafrecht. Schwierig ist in der Praxis die Abgrenzung von der erlaubten Klimapflege, von Geschenken sowie Einladungen aus Höflichkeit zu der schon nicht mehr erlaubten Einflussnahme auf die Dienstausübung oder den Wettbewerb.

NZ: Wer begeht Korruption?

Bannenberg: Typische Täter auf Dauer angelegter Korruption sind männlich, deutsch, nicht vorbestraft, karriereorientiert und erfahren und kundig in ihrem Berufsfeld. Sie kennen sich am besten in ihrer Branche aus und wissen auch mit unerlaubten Mitteln zum Erfolg zu kommen. In der Regel bekleiden sie höhere Positionen und Machtstellungen. Sie folgen meistens einem korruptionsfördernden Klima in Unternehmen und Verwaltungen, weniger der eigenen kriminellen Energie.

NZ: Was sind ihre Motive?

Bannenberg: Motive sind nicht nur materielle Gier, sondern auch der Wunsch nach gesellschaftlicher Akzeptanz und Ansehen. Auch gibt es klassische Hochstapler, deren gesamtes berufliches Leben auf Täuschung und materielle Vorteile aufbaut. Beide verfügen über ausgeprägte Rechtfertigungsstrategien für ihr kriminelles Handeln, weshalb die Täter in der Regel auch kein Unrechtsbewusstsein aufweisen.

NZ: Wer sind die Opfer der Korruption?

Bannenberg: Opfer und Geschädigte der Korruption sind in der Regel die Allgemeinheit, die Steuerzahler und die ehrlichen Konkurrenten. Täter, ob Geber oder Nehmer, sind spiegelbildlich strafbar.

NZ: Wie kommt man der Korruption auf die Schliche?

Bannenberg: Strafanzeigen oder überhaupt die Aufdeckung der Delikte werden durch die Täterstruktur, die selten Zeugen kennt, erschwert. Ein Kollege oder ein Wettbewerber, der von Korruption weiß, scheut sich meistens, Anzeige zu erstatten, weil er mit Vorwürfen rechnen muss, ein Denunziant zu sein. Dieses Problem ist schwer in den Griff zu bekommen.

NZ: Wie kann man der Korruption Einhalt gebieten? Was wird bereits getan in Unternehmen und Behörden?

Bannenberg: Es gibt anonyme Meldesysteme und Strategien der sogenannten Compliance, also Präventionsstrategien zur Einhaltung der Gesetze gegen Korruption und Wirtschaftskriminalität, um die Aufdeckung zu verbessern. Deren Erfolg hängt aber vom politischen Willen und vom Willen der Führung eines Unternehmens oder einer Verwaltung ab, diese Kontrollen auch wirksam umzusetzen. Die meisten Institutionen wollen gar nicht wissen, ob es Korruption gibt, weil sie den Nestbeschmutzungseffekt fürchten.

NZ: Wie geht die Justiz mit Korruption um?

Bannenberg:
Für die Strafjustiz ist die Aufklärung schwerer Fälle von Wirtschaftskriminalität schwer, weil sie in der Regel nicht über genügend erfahrene Ermittler verfügen. Die Strafgesetze reichen weitgehend aus, die Politik müsste jedoch die Personalausstattung der Staatsanwaltschaften und Wirtschaftsstrafkammern dringend verbessern und auch Karrierewege in diesen Dezernaten eröffnen, damit das Erfahrungswissen erhalten bleibt und vernünftig in die Praxis umgesetzt werden kann. Zur Zeit sind entweder gänzlich ausbleibende Ermittlungen oder ausufernde Verfahrensabsprachen wegen des Umfangs der Ermittlungen und der Beweisschwierigkeiten üblich.

NZ: Zu Ihrer Forschungsmethode: Wie kamen Sie zu ihren Fällen?

Bannenberg:
Die empirische Forschung steht vor gewissen Schwierigkeiten, wenn es um die Einsicht in Strafakten geht. Bei laufenden umfangreichen Strafverfahren erhält man als Forscher erst nach Jahren Akteneinsicht und das ist nicht so befriedigend.

NZ: Wo sehen Sie Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern?

Bannenberg:
Deutschland steht im Korruptionsvergleich zwar nicht schlecht da, weil auch eine flächendeckende Alltagskorruption oder gewaltgeprägte Tatbegehungsvarianten fehlen. Vertrauen und Geld gehen aber jeden Tag den Steuerzahlern und den ehrlichen Wettbewerbern verloren. 

Fragen: Susanne Stemmler

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