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Der Pangasius-Mythos

Billig, beliebt, aber belastet - 20.04. 07:10 Uhr

NÜRNBERG  - Unter Gourmets ist der Pangasius, die Billiggräte für rund sechs Euro pro Kilo, verschrieen. Der gemeine Verbraucher hingegen liebt den Allesfresser, der nicht nach Fisch schmeckt. Mit zunehmender Nachfrage allerdings verschlechtern sich die Produktionsbedingungen.


Landet immer häufiger auf deutschen Tellern: der Pangasius.
Landet immer häufiger auf deutschen Tellern: der Pangasius.
Foto: harnsheng - Fotolia.com
Landet immer häufiger auf deutschen Tellern: der Pangasius.
Landet immer häufiger auf deutschen Tellern: der Pangasius.
Foto: harnsheng - Fotolia.com

In Vietnam, dem Hauptlieferanten, bringt die Pangasius-Zucht das ökologische Gleichgewicht empfindlich ins Wanken.

Es sind über 40000 Tonnen Pangasius, die im vergangenen Jahr allein auf deutschen Tellern verspeist wurden. In den Supermärkten und Discountern reiht sich Pappschachtel an Pappschachtel gefüllt mit dem Schlankwels. Auf den Preisschildern zur Ware – eine Schlacht um den niedrigsten Preis. Aber mit schwindendem Wert des Produkts müssen auch dessen Produzenten zu immer derberen Mitteln greifen. „In der Massentierhaltung bestimmt die Nachfrage immer das Angebot“, sagt Maren Wagner, Gesundheitspädagogin am Gesundheitsamt Nürnberg.

Neunzig Prozent des billigen Fisches kommen aus Vietnam, in offenen Netzgehegen und viel zu kleinen Teichen wird er gemästet. Die Fischexperten des WWF Deutschland haben ermittelt, wie die Zuchtstätten an den Ufern des vietnamesischen Flusses Mekong mit dem Druck der Nachfrage umgehen. „Bei der Zahl der Farmen hat es in den letzten Jahren einen Wildwuchs gegeben, weil Pangasius eben als ein so billiges Produkt auf dem Markt nachgefragt worden ist“, sagt Heike Vesper, Fischerei-Expertin der Umweltorganisation. „Gleichzeitig aber haben die Umweltauflagen, die es hätte geben müssen, damit nicht Schritt gehalten.“


Die Bilder aus den Aquakulturen sind ekelerregend: In unübersichtlichen Massen wächst der Fisch auf in einem schaumigen Gemisch aus blutiger Brühe und Fischkot, aus Kadavern und angefressenen Lebendtieren. Gefangen zwischen Stress und Aggression, Gewalt und Verletzungen: In der Enge der Zuchtbecken muss der Fisch mit Antibiotika vollgepumpt werden, um einhergehende Keime durch Wunden und Kadaver einzudämmen. Hinzugefügte Phosphate und Zitronensäure sollen Wasser ziehen und dem Fisch Gewicht hinzuschummeln, damit später 20 Prozent mehr Masse verkauft werden kann. Derart raubbauhafte Produktion zieht besorgniserregende Umweltfolgen nach sich.

Es ist weniger der Verbraucher selbst, sondern eher der ökologische Faktor, der der Umweltstiftung WWF Sorge macht. „Das Abwasser mitsamt dem Fischkot, dem Blut und den Überresten des Antibiotikums und des Fischmehls wird oft vollkommen ungefiltert in den Mekong geleitet“, erklärt WWF-Fischereiexpertin Heike Vesper. Das bringe das ökologische Gleichgewicht in ein Ungleichgewicht, indem es den Lebensraum für Süßwasserfische und andere Lebewesen im Fluss zerstöre. Die Kontamination der Umwelt stellt sich chronisch ein. Das lockende Versprechen, Pangasius stamme aus den „fließenden Gewässern des Mekong“ ist schlichtweg oftmals gelogen. Auch die Nachhaltigkeit der Fütterung mit Fischmehl stellt die Fischerei-Expertin in Frage: „Die Vietnamesen verarbeiten die Artenvielfalt in ihrem Land, um sie an den Pangasius zu verfüttern, den wir hier kaufen und essen.“

Zu Schaden führt die Fischhaltung beim Endverbraucher aber nicht. „Selbst wenn der Pangasius aus einer konventionellen und nicht aus einer Bio-Zucht stammt, ist er für den Menschen sicherlich nicht gesundheitsgefährdend. Sonst würde er hier gar nicht im Regal landen“, beruhigt sie. Denn die Lebensmittelstandards für Fisch greiften sehr gut. Obwohl es zahlreiche Zertifikate für Aquakulturen gibt – für den Verbraucher ist eine Rückverfolgung der Herkunft schwierig, denn die meisten sind nur für Händler sichtbar. „Wenn der Verbraucher auf Nummer sicher gehen will, dann gibt es Pangasius aus Bio-Zucht. Alle anderen Kaufentscheidungen muss er selbst abwägen“, meint die WWF-Expertin.

Die Verbraucher sollten sich fragen, was sie essen wollen. Und dementsprechend einkaufen, denn: „In Vietnam kommt viel zu wenig Geld aus dem Verkauf an, als dass sie effektiv anders wirtschaften könnten“, berichtet Vesper. „Wenn man nur das Billigste kauft, dann befördert man solche Prozesse natürlich“, lautet ihre Schlussfolgerung. Dieser Ansicht ist auch Gesundheitsexpertin Maren Wagner. „Unsere Lebensmittelskandale liegen unter anderem daran, dass viele unserer Lebensmittel immer billiger werden“, erklärt sie. „Wenn alles immer billiger werden muss und sich die Discounter mit Preisen eine Schlacht liefern, muss man sich vor Augen führen, dass das nicht mit hoher Qualität einhergehen kann“, desillusioniert Wagner und plädiert: „Der Verbraucher hat kein Fachwissen, kann nicht sehen, ob der Fisch belastet ist oder nicht – er muss vertrauen können.“ Die Expertin rät daher, verstärkt zu regionalen oder Bio-Produkten zu greifen. „Essen muss für alle wieder einen Wert haben“, meint sie. „Es darf aber nicht dazu kommen, dass die, die die finanziellen Mittel haben, sich gesünder ernähren können und alle anderen essen, was sie sich leisten können“, schildert Wagner. Jeder Verbraucher brauche unabhängig von der Dicke des Geldbeutels sichere Lebensmittel.

Diese generelle Ernährungsproblematik verdinglicht sich in der Pangasius-Produktion. 6,5 Prozent Marktanteil hat der Pangasius derzeit in der Bundesrepublik. Damit ist er der fünftbeliebteste Fisch – Tendenz: steigend. Gleichzeitig ist die Produktionskraft weltweit von 48000 Tonnen im Jahr 1997 auf 930000 Tonnen Pangasius im Jahr 2007 gestiegen. Mit der Masse wachsen die schlimmen Produktionsbedingungen.

Dennoch sieht die Umweltorganisation WWF einen Fortschritt in den vietnamesischen Zuchtanlagen – und hat den Pangasius wieder von ihrer Roten Liste gestrichen und ihm durch Einführung eines neuen Standards für Aquakulturen das Zertifikat „Moving towards certifikation“ (auf dem Weg zur Zertifikation) gegeben. „Der Standard befasst sich nicht nur mit den Umweltbelastungen, sondern auch mit sozialen Faktoren, wie Arbeitszeitenregelung, Mindestlohn oder Unterbindung von Kinderarbeit“, erläutert Fischerei-Expertin Vesper. Binnen vier Jahren sollen 50 Prozent der vietnamesischen Produktion auf den neuen Aquakultur-Standard umgestellt werden. Dazu hat sich das Land verpflichtet. Auch der Groß- und Einzelhandel wandle sich laut der Expertin und setze vermehrt auf Nachhaltigkeit bei Fisch und Seafood. Schließlich sei der Handel die Schlüsselstelle zur Lösung der Problematik. „Er muss dafür Sorge tragen, dass Vietnam in der Lage ist, diese Umstellung zu leisten. Er muss mehr Geld in die Hand nehmen und Engagement zeigen“, meint Vesper. Verzicht beim Verbraucher und sinkende Nachfrage führe „häufig zu einer Marktverschiebung“, sagt sie. „Wenn der Markt hier verloren ginge, gibt es das Produkt ja trotzdem noch und dann wird es noch günstiger in ein Land – wie China – verkauft, in dem Nachhaltigkeit noch keine so große Rolle spielt wie in Europa.“ Enthaltung bringe keine Veränderung an den Produktionsbedingungen. 



Andrea Munkert

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