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Doch die Ehrfurcht vor den weißen Riesen hat nachgelassen: Kurz vor Jahreswechsel hat der Naturschutzbund (Nabu) „Deutschlands peinlichsten Umweltpreis“– den Dinosaurier des Jahres – an die Kreuzfahrtunternehmen AIDA und TUI Cruises vergeben. Begründung: Die Schiffe seien in Wahrheit dreckige Rußschleudern, weil sie auf hoher See immer noch mit giftigem Schweröl unterwegs sind.
Dazu hat Dietmar Oeliger einen Vergleich parat, der einem den Atem stocken lässt: „Berechnungen haben ergeben, dass ein einziger Ozeanriese auf einer Kreuzfahrt so viele Schadstoffe ausstößt wie fünf Millionen Autos auf gleicher Strecke“, sagt der Leiter der Nabu-Verkehrspolitik im Gespräch mit der NZ. Die Zahlen beziehen sich nicht etwa auf das Klimagas CO2, sondern auf Rußpartikel, Schwefeldioxid und Stickoxide. „Rußpartikel tragen viel mehr zum Klimawandel bei als bisher bekannt“, sagt Oeliger. Deshalb fordert der Nabu die Verwendung von Schiffsdiesel und den Einbau von Rußpartikelfiltern.
Bisher sind die Ozeanriesen zum Großteil mit Schweröl unterwegs – einem Produkt, das bei der Verarbeitung von Rohöl übrig bleibt. Ein Kreuzfahrtschiff verbraucht schätzungsweise zwei bis drei Tonnen Treibstoff pro Stunde, wenn zwei Motoren laufen. Während der Schwefelanteil bei Lkw-Diesel nur 0,001 Prozent betragen darf, kann der Treibstoff für Kreuzfahrtschiffe auf hoher See 3,5 Prozent Schwefelanteil haben. Schweröl ist laut dem Nabu-Experten ein „giftiges und zähes Abfallprodukt, das voller Schwermetalle und Reststoffe ist“. Die zähflüssige Masse erinnere an Teer und müsse erst auf über 100 Grad erhitzt und gefiltert werden, um überhaupt als Treibstoff verwendbar zu sein.
Kreuzfahrtschiffe haben bis zu drei Tanks an Bord: Der eine ist für Schweröl, der andere für Schiffsdiesel mit einem Schwefelanteil von 0,5 Prozent, der zur Einfahrt in den Hafen verwendet wird. Dazu kommt noch Marinediesel mit einem Schwefelanteil von 0,1 Prozent, der laut Gesetz in EU-Häfen sowie bei der Fahrt in Nord- und Ostsee verfeuert werden muss. „Im Mittelmeer, in der Karibik, vor Afrika und im Roten Meer ist allerdings die Fahrt mit Schweröl weiterhin erlaubt“, erklärt Oeliger. Im Schnitt – so hätten Berechnungen ergeben – fahren die Kreuzfahrtschiffe mit 2,8 Prozent Schwefelanteil im Treibstoff. Das stinkt dem Nabu, weshalb er den Einbau von Rußpartikelfiltern fordert.
Der Haken an der Sache: Liegt der Schwefelanteil im Kraftstoff über 0,5 Prozent, funktionieren herkömmliche Filter nicht mehr. „Wir würden lieber heute als morgen Rußpartikelfilter in unsere Kreuzfahrtschiffe einbauen, doch es gibt keine serienreifen Produkte“, sagt Aida-Cruises-Pressesprecher Markus Wohsmann auf NZ-Anfrage. Man sei zwar schon seit längerer Zeit mit Herstellern im Gespräch, eine Lösung habe man aber noch nicht gefunden. Hinzu komme, dass das Angebot an schwefelarmem Schiffsdiesel nicht ausreichend sei, weil die Raffinerien mit der Produktion nicht hinterherkämen.
Auf die Veröffentlichung des Nabu-Berichts hin habe es zwar Nachfragen von Kunden, aber keine Stornierungen gegeben. „Was wir sofort tun können, tun wir auch – wir reduzieren den Verbrauch und optimieren unsere Routen“, sagt Wohsmann. Im Vergleich zu 2007 sei der Treibstoffverbrauch pro Gast und Reise um 18,2 Prozent zurückgegangen. Er gibt außerdem zu bedenken, dass in der zivilen Schifffahrt weltweit 99000 Schiffe unterwegs seien. „Davon sind nur 513 Kreuzfahrtschiffe – ein verschwindend geringer Anteil.“
Acht Kreuzfahrtschiffe hat Aida derzeit im Einsatz. Würden die Nabu-Forderungen nach sofortiger Umstellung auf schwefelarmen Schiffsdiesel und Einbau von Rußpartikelfiltern umgesetzt, rechnet Wohsmann mit mindestens 300 Euro Mehrkosten für eine Zweierkabine.
Bei den sowieso schon hohen Preisen für eine Kreuzfahrt könnte das so manchen Interessenten abschrecken. Genau dieses Denken prangert der Nabu an und wirft den Kreuzfahrtunternehmen Profitgier und Schönfärberei vor. „Mit den von uns vorgeschlagenen Maßnahmen lassen sich Schwefeldioxid und Feinstaub um bis zu 90 Prozent und der Ausstoß von Rußpartikeln um mehr als 40 Prozent reduzieren.“ Das alles sei schon heute technisch machbar und umsetzbar. „Nur der Wille fehlt“, sagt Oeliger.
Dem Naturschutzbund geht es allerdings nicht nur um Kreuzfahrtschiffe. „Sie sind nur der Hebel, um ein Umdenken auch bei den riesigen Handelsflotten zu erreichen, die ihre Abgase ungefiltert in die Luft pusten dürfen“, sagt er. Bei Autos, Lkws und Baumaschinen sei man in punkto Schadstoffreduzierung auf einem guten Weg. „Doch was nützt es, wenn ich riesige Mengen an Waren um den Globus transportieren kann, diesen Vorteil aber mit dem immensen Schadstoffausstoß zunichte mache?“
