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David Geballe glaubt an das Gute. Trotz allem. Die große und weitverzweigte Familie des Fürther Rabbiners umfasste vor dem Zweiten Weltkrieg in Berlin und Umgebung gut 400 Menschen – Frauen, Männer und Kinder. Danach waren es nur noch fünf. Alle anderen fielen der nationalsozialistischen Todesmaschinerie zum Opfer, 395 Leben, ausgelöscht innerhalb kürzester Zeit. Unter den Überlebenden befanden sich Geballes Großeltern; sie konnten vor den Nazis im letzten Moment fliehen.
Über 60 Jahre später lebt der Religionslehrer wieder gern in dem Land seiner Vorfahren. Mehr noch: Für den gebürtigen Hamburger gibt es dazu keine Alternative – auch wenn er bereits in New York und Jerusalem gewohnt und gearbeitet hat. In Deutschland bräuchten die jüdischen Gemeinden dringend Rabbiner, sagt er. Gerade um die Traditionen vor dem Aussterben zu bewahren.
Zudem signalisiere seine Anwesenheit auch ein bewusstes „Jetzt erst recht“. Die Nazis wollten Europa doch judenfrei sehen, sagt er. Das sei ihnen aber nicht gelungen, wie seine eigene Person zeigt. Es bereite ihm eine leichte Genugtuung, dass es ihn nun ausgerechnet nach Fürth verschlagen hat, einer Stadt mit einer langen jüdischen Geschichte, und noch dazu ganz nah an Nürnberg – dem Ort der Reichsparteitage und der menschenverachtenden Rassegesetze.
Vor fast einem Jahr hat der Weltbürger bei der Israelitischen Kultusgemeinde in Fürth seine Stelle als Rabbiner angetreten. Seither kümmert er sich in der rund 400 Mitglieder umfassenden Gemeinde um Gottesdienste, Beerdigungen und seelsorgerische Aufgaben. In der Kleeblattstadt hat er sich gut eingelebt, die Menschen sind nett, erzählt er, und man könne – im Gegensatz etwa zu „Big Apple“ – zu Fuß fast alles erreichen. Er fühle sich hier also wohl – und fügt wie zum Trotz hinzu: „Mit meiner Person beweise ich ihnen: ,Ich bin noch da, aber ihr seid Geschichte’“. Mit „ihr“ meint Geballe die Täter, die Nazis aus dem sogenannten Dritten Reich.
Auch wenn die meisten Mörder seiner Angehörigen längst tot sind; die braune Ideologie lebt dennoch weiter. Gerade in Franken. Von der „Bürgerinitiative Soziales Fürth“, die mit vorgeblich sozialen Themen wie Arbeitslosigkeit oder Niedriglöhnen auf Stimmenfang geht, hat er bereits gehört. Auch die in der Nachbarstadt Nürnberg laufenden Debatten über ein Verbot des rechtsextremen Vereins „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ (BIA) verfolgt Geballe mit großem Interesse. Von reflexhaften Reaktionen hält er jedoch in dem Bereich wenig. „Wir leben in einer Demokratie“, sagt er nachdenklich. Diese werde erst auf die Probe gestellt, wenn es Entscheidungen gibt, die einem nicht gefallen. Ehefrau Rita gibt ihm darin recht. Natürlich könne man es nicht gutheißen, wenn die BIA antisemitische Parolen verbreite. Aber auch die 26-Jährige findet: „Bei uns hat die Meinungsfreiheit einen hohen Stellenwert; das gilt für das Spektrum von rechts bis links.“
Freilich müsse man gegen Rechtsextremismus mit allen Mitteln des Rechtsstaats vorgehen, meint Geballe. Es könnten sich auch durchaus honorige Personen wie der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, oder seine Vorgängerin Charlotte Knobloch für ein NPD-Verbot aussprechen; „aber“, ergänzt der Rabbiner, „das heißt noch lange nicht, dass das dann auch passiert“.
Im Engagement gegen Neonazis setzt Geballe daher statt auf Aktionismus lieber auf Aufklärung – und den Verstand. Natürlich spielten bei der Debatte Emotionen eine große Rolle, vornehmlich bei ihm, dem Holocaust-Nachkommen. Gefühle aber, so betont er, seien ein schlechter Ratgeber. „Es bringt wenig, seinen Affekten freien Lauf zu lassen.“ In wichtigen Dingen – wie dem Erstarken der rechtsradikalen Szene – helfe ein gewisser Pragmatismus mehr weiter. Das entspreche der jüdischen Lebensweise. „Man tut, was man tun kann; der Rest liegt in Gottes Händen.“
Um gegen Vorurteile anzugehen, tut David Geballe, was er kann – und sogar noch einiges mehr. Für sein Verständnis von Informationspolitik trifft er sich unter anderem mit Vertretern aus Stadt und Kirchen. Einen Schwerpunkt legt der 30-Jährige auf die Jugendarbeit. Dadurch, so hofft er, verringere er bei Jugendlichen die Anfälligkeit für rechtsextremes Gedankengut. Das will er verhindern – und deshalb führt er pro Woche mindestens eine Schulklasse durch die Synagoge, meistens aber mehrere.
Auch an diesem Vormittag sitzen über 20 Schüler vor ihm in der Synagoge und lauschen gebannt seinen Worten. Heute besucht eine evangelische Religionsklasse des Nürnberger Hans-Sachs-Gymnasiums das jüdische Gotteshaus in der Fürther Innenstadt. Der Umgang mit den jungen Menschen macht Geballe Spaß, das merkt man sofort. Pädagogisch geschickt wirft er Fragen in die Runde.
Warum der Übertritt zum Judentum so lange dauert, will er von den Neuntklässlern wissen. Nach minutenlangem Schweigen und verständnislosem Achselzucken aufseiten der Schüler löst der Rabbiner das Rätsel: „Es gibt viel, viel zu lernen“, erklärt er. Der Anwärter müsse 120 Bücher auswendig lernen. Außerdem darf der Wechsel einem Konvertiten nicht zu einfach gemacht werden. Niemand solle aus „falschen Gründen“ übertreten, sagt Geballe. Etwa, weil er sich von der jüdischen Religionszugehörigkeit Vorteile verspricht. Die Losung bringt Geballe, die dunkle Kippa auf dem Kopf, auf den Punkt: „Glaube allein reicht nicht aus, um Jude zu sein.“
Nicht einmal eine Stunde braucht Geballe, um den Teenagern die Grundzüge des Judentums nahezubringen: die Rolle der Frau, Ge- und Verbote, jüdische Feier- und Festtage. Die Verwunderung über manche Details ist den 14- und 15-Jährigen ins Gesicht geschrieben, einiges haben sie schon vorher einmal gehört, vieles jedoch nicht. „Ich weiß jetzt mehr“, sagt denn auch eine Schülerin beim Verlassen des Gebäudes. Ihre Klassenkameradinnen nicken zustimmend. Ja, das sei sehr interessant gewesen, berichten sie – auch wenn die Unterrichtseinheit Judentum bei ihnen immer wieder auf dem Lehrplan steht. Das habe jedoch nicht viel zu bedeuten, sagt Geballe.
Denn selbst Lehrer seien heutzutage oft nicht mehr wirklich mit dem Judentum und seiner Kultur vertraut. Da verwundere es nicht, wenn bei Kindern und Jugendlichen häufig eklatante Wissenslücken klaffen. So sei er schon auf Jugendliche gestoßen, die alte Ressentiments mit neuem Leben füllten – beispielsweise jenes, dass Juden Medien und Banken in Deutschland dominierten oder die Weisen von Zion, eine judenfeindliche Erfindung, wirklich existierten. „Das ist keine aggressive Form von Antisemitismus“, meint der Rabbiner. Es zeuge schlicht von Unkenntnis und Ignoranz. Dagegen kämpft Geballe an – trotz allem.
So. 25.03.12
Sa. 24.03.12
Do. 22.03.12
Mo. 19.03.12