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Kinder brauchen Erfahrungsräume, keine Kurse und Events

Der Erlanger Kinderpsychiater Gunther Moll warnt vor "Überförderung" - 08.04. 19:47 Uhr

ERLANGEN  - Jedes fünfte Kindergartenkind in Bayern zeigt auffällige Verhaltensweisen. Das geht aus einer Untersuchung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte hervor, über die die NZ berichtet hat. Die NZ sprach mit Prof. Gunther Moll (53). Er leitet die Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum Erlangen.


Professor Gunther Moll
Professor Gunther Moll
Foto: Bernd Böhner
Professor Gunther Moll
Professor Gunther Moll
Foto: Bernd Böhner

Der Vater von drei Kindern – auch Buchautor – beschäftigt sich ganz besonders mit der Frage, wie sich Menschen psychisch gesund entwickeln können.

NZ: Fordert unsere Leistungs-Gesellschaft das perfekt angepasste Kind?

Moll: Ja. Staat und Wirtschaft arbeiten am „perfekten“ Staatsbürger, Leistungserbringer und Konsumenten. Ein voller Arbeitstag schon von der Kinderkrippe an. Ohne Respekt vor dem Rhythmus noch ganz kleiner Menschen. Ganztagskindergarten mit unsinniger Frühpädagogik und Ganztagsschule mit übervollen und überholten Lehrplänen. Und möglichst wenig Zeit für Faulenzen, Spielen und Leben mit Gleichaltrigen und in Vereinen. Der große Erich Kästner hat es schon beschrieben, der Staat will aus „Früchtchen“ nur eines, nämlich „Spalierobst“ machen.

NZ: Welche Störungen beobachten Sie besonders häufig?

Moll: An erster Stelle Störungen im Gefühlsleben, insbesondere Angststörungen und Depressionen. Alltag sind aber auch Kinder, die keine Freunde finden, in der Schule nicht zurecht kommen, gemobbt werden, nicht mehr vom Computer wegzubringen sind, nicht mehr essen wollen, oder im Gegenteil viel zu viel in sich hineinstopfen. Man könnte an zweiter Stelle übrigens auch „Störungen im Sozialverhalten“ nennen. Das aber ist keine Erkrankung, sondern ein gesellschaftliches Problem.


NZ: Hat die Zahl der psychischen Auffälligkeiten auch deshalb zugenommen, weil man sie heute besser erkennt?

Moll: Nein, dieses Argument wird nur von denen verwendet, die keine Zunahme haben wollen. Und die immer noch die falsche Vorstellung verbreiten, psychische Störungen seien durch „falsche“ Gene verursacht. Denn dann muss man nicht die Lebensbedingungen und die Umwelt der Kindern ändern, sondern kann so weitermachen und die Schuld auf die „Gene“ schieben.

NZ: Sind die psychischen Schwierigkeiten der Kinder als ein Spiegel der Gesellschaft zu betrachten?

Moll: Ja.

NZ: Viele Eltern sind bemüht, ihrem Nachwuchs die bestmöglichen Startchancen für das Leben zu geben. Kinder erleben heute eine Kindheit voller Freizeitkurse und Events. Wo ist die Grenze zwischen Förderung und Verplanung?

Moll: Erst einmal: Alle Eltern wollen das Beste für ihren Nachwuchs. Und zum Zweiten: Kinder brauchen überhaupt keine Förderung. Hier werden die Eltern ausgenutzt. Es wird ihnen viel Geld aus der Tasche gezogen und die Angst geschürt, ihre Kinder kämen anderenfalls in der Leistungsgesellschaft nicht zurecht. Kinder brauchen keine Kurse und Events! Sie brauchen einerseits Geborgenheit und Sicherheit, anderseits Lebens- und Erfahrungsräume, in die hinein sie sich aus eigenem Antrieb mit Neugierde, Freude und in Freiheit entwickeln können. Doch diese Räume werden immer weniger, immer künstlicher, immer einförmiger und langweiliger.

NZ: Eine Kindheit ohne Handy und Computerspiele ist kaum vorstellbar. Ist das kindliche Nervensystem durch die Reizüberflutung überlastet?

Moll: Handy und Computerspiele sind nichts Negatives. Sie können hilfreich und sinnvoll sein und vor allem auch viel Spaß machen. Es ist eine Frage des Alters und des Gebrauchs. Wenn diese Dinge von einer unterhaltsamen Nebensache zur Hauptbeschäftigung werden und das echte Leben, gerade auch wirkliche Freundschaften, ersetzen, wird das Gehirn, auch durch eine „Reizüberflutung“, abhängig und krank. Das ist bei einer erschreckenden Zahl – schon bei etwa jedem zehnten Kind – der Fall.

NZ: Gibt es Untersuchungen, die belegen, dass Kinder ohne Fernsehen und Notendruck weniger unter psychischen Störungen leiden?

Moll: Nein. Es liegt auch nicht daran. Fernsehen kann sowohl spannend als auch schädlich sein. So wie Noten sowohl als Herausforderung als auch als negativer Druck begriffen werden können. Tatsächlich kann bei Anforderungen ebenso die Freude an der Leistung und am Wettkampf überwiegen.

NZ: Wie viel Ruhe und Rückzug braucht ein Kind, um seelisch gesund zu bleiben?

Moll: Das ist eine biologische Frage. Wenn ein Kind müde ist, braucht es Zeit zum Ausruhen. Wenn es faulenzen will, braucht es Zeit zum Faulenzen. Faulenzen ist für das Gehirn entscheidend wichtig, um alles, was das Kind aufgenommen und erlebt hat, zu ordnen, ins Gedächtnis einzubauen und auf neue Ideen zu kommen: Faulenzen ist Kreativität pur!

NZ: Es scheint, als herrsche eine große Verunsicherung bei der Erziehung von Kindern. Haben die Eltern den intuitiven Zugang zu ihren Kindern verloren?

Moll: Nein. Auch das wird Eltern in tausenden von Elternratgebern und vielen Fernsehsendungen lediglich eingeredet! Eltern sind die wichtigsten Personen für ihre Kinder. Liebe, Humor und Familie sind das Wichtigste, was wir haben und zum Leben brauchen. Erziehung ist Betreuung plus Liebe.

NZ: Wird zu schnell zur Pille gegriffen?

Moll: Nein und Ja. Zum einen werden Kindern mit psychischen Störungen, die eine Medikation brauchen, in viel zu vielen Fällen nicht, unzureichend, zu spät und manchmal auch falsche Medikamente verordnet. Zum anderen bekommen viel zu viele Kinder Medikamente, nur weil sie stören und nicht in ihre Umgebung passen. Tatsächlich jedoch bleibt bei vielen Kindern „nur“ die Medikation als Behandlungsmethode. Der Grund: Es gibt keine andere Behandlungsmöglichkeit oder die Umgebung kann nicht geändert werden.

So wäre für viele Kinder mit einem sogenannten „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom“ (ADHS) die Schule kein Problem, wenn wir kleine Schulklassen und Halbtagsunterricht hätten. Doch in großen Klassen und bei Ganztagsunterricht, wie es Staat und Wirtschaft fordern, müssen die Kinder mit Medikamenten „eingepasst“ werden. Das ist unter diesen Umständen nötig, sonst würden die Kinder sehr leiden und in ihrer Schullaufbahn gefährdet sein. Verrückt, oder? 



Kathrin Lewerenz

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