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Als Hellseher versteht sich David Wnendt nicht. Dazu, meint er, seien die Gefahren von Rechtsaußen doch schon seit langem viel zu offensichtlich gewesen. Bereits in den 90er Jahren, als der heute 34-Jährige für ein Fotoprojekt durch die neuen Bundesländer gefahren ist, erkannte er das Problem nur allzu deutlich: „In jedem Dorf hat es rechtsradikale Jugendliche gegeben“, erzählt er im Gespräch mit der NZ. In einigen Orten mehr, in anderen weniger.
Daher sei es ihm ein Rätsel, weshalb Geheimdienste und Polizei die Bedrohung durch Rechtsterroristen offenbar nicht ernst genug genommen haben: „Vielleicht hat der Verfassungsschutz falsche Prioritäten gesetzt“, vermutet Wnendt. Womöglich sich zu sehr auf potenzielle Islamisten konzentriert.
Das wirklich Beängstigende aber, das dem Regisseur bei seinen Touren durch den Osten aufgefallen ist, sei die Integration der rechten Heranwachsenden in die Gesellschaft gewesen: „Die Mädchen und Jungen waren nicht isoliert“, sagt er bei einem Besuch in Nürnberg, „sondern in das Gemeinschaftsleben miteinbezogen.“
Die Hauptfiguren in Wnendts mehrfach ausgezeichnetem Werk, das zurzeit auch in den Kinos der Region läuft, werden im Grunde nicht ausgegrenzt – sie leben und arbeiten wie die meisten anderen auch, irgendwo in Ostdeutschland, in einem kleinen Nest, in dem es (fast) nichts gibt als Windräder und eine intakte Natur. Die Jugendlichen rotten sich zu Neonazi-Gruppen zusammen, hören antisemitische Songs und wollen um jeden Preis auffallen – etwa mit Hakenkreuz-Tattoos und Hitler-Bildern an den Wänden.
So plakativ wie die Figuren in „Kriegerin“ auftreten, agieren Skinheads und Aktivisten militanter Kameradschaften in der Realität wohl nur selten. Das weiß auch der Künstler selbst: „Die wenigsten rennen in der Gegend herum und bauen Bomben“, sagt er. Es fehlte also doch häufig an Zeichen, die die Alarmglocken aufheulen ließen.
Auch die Mitglieder der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) konnten ihrem mörderischen Treiben unbehelligt nachgehen. Erst gestern haben Ermittler in Düsseldorf einen weiteren mutmaßlichen NSU-Helfer festgenommen. Er soll dem Zwickauer Neonazi-Trio zwar eine Waffe und Munition besorgt, sich aber angeblich schon seit längerem von der rechtsradikalen Szene distanziert haben.
Wnendts Hauptfigur Marisa (Alina Levshin) wendet sich am Ende ebenfalls von ihren rechtsradikalen Freunden ab. Gerade jener afghanische Flüchtling, den sie bei einem Unfall beinahe getötet hat, setzt ihren Sinneswandel in Gang: Sie hilft ihm, begleitet ihn ins Asylbewerberheim und wird zum Schluss von ihrem Nazi-Freund erschossen. Eine realistische Auflösung? „Ja, es gibt sie tatsächlich, die Aussteigerinnen“, antwortet Wnendt bestimmt.
Das liege zum Teil daran, dass weibliche Neonazis innerhalb des eigenen Lagers häufig mit vielen Widersprüchen zu kämpfen haben. Schließlich basiere die braune Ideologie unter anderem auf Frauenfeindlichkeit. Dieses Spannungsverhältnis sei ihm in Gesprächen mit rechtsextremen Frauen besonders aufgefallen. Viele Frauen präsentierten sich zwar modern und aufgeschlossen, müssten sich aber dem rückständigen Rollenverständnis anpassen: „Ihre männlichen Kameraden räumen ihnen einen Platz als Köchin, Ehefrau und Mutter ein“. In den Führungsebenen der NPD und neonazistischer Organisationen hätten sie nichts zu sagen, und das, obwohl sie in Ausländerfeindlichkeit und krimineller Energie den Männern in nichts nachstehen.
Noch immer unterschätzten Polizei und Verfassungsschutz das Risiko, das von ihnen ausgeht: „Man hält sie für Mitläuferinnen“. Das sei bei Beate Zschäpe ähnlich gewesen.
Weshalb sich Frauen und Männer überhaupt der Szene anschließen, darauf findet auch Wnendt keine eindeutige Antwort. Die Wurzeln seien oft in der Familie zu finden: „Die Eltern vermitteln keine demokratischen Werte“. Das würde das historische und politische Verständnis der Kinder mehr prägen als jede Schulstunde – im negativen Sinn. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hat Wnendt drei Wünsche: ein weiteres NPD-Verbotsverfahren, zivilgesellschaftliches Engagement und – ganz konkret – mehr Jugendzentren und Sozialarbeiter. Die hätten seine Filmheldinnen vor der rechtsradikalen Szene vielleicht bewahren können.
