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Nürnberg erinnert an die Neonazi-Morde

Späte Anteilnahme für die Opfer - 12.12.2011 07:15 Uhr

Das Gedenken an die drei Nürnberger Kleinunternehmer, die das Zwickauer Neonazi-Trio kaltblütig ermordet hat, lässt rund 2000 Menschen auf dem Kornmarkt zusammenkommen. Die Opfer halten die Veranstaltung wie eine von Kummer gekrümmte Klammer zusammen, die Getöteten sind an diesem Abend allgegenwärtig.

Ihre Hinterbliebenen, die die Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion zu der Lichterkette eingeladen hatte, sind allerdings nicht unter den Gästen. Sie haben aus persönlichen Gründen abgesagt. Eine Familie lebt inzwischen nicht mehr in der Stadt. Vielleicht möchten die Töchter, Söhne und Ehefrauen auch nicht noch zusätzlich an die schmerzhafte Wunde erinnert werden, vielleicht kommt das Mitgefühl für sie aber auch einfach zu spät.

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Nürnberg leuchtet: Lichterkette gegen den rechten Terror

Unter dem Motto „Frei von Furcht in Deutschland leben – kein Platz für Rechtsextremismus“ haben am Samstagabend rund 2000 Nürnberger den Opfern des rechtsextremen Terrors mit einer eindrucksvollen Lichterkette gedacht.


Diese Bedenken treiben wohl auch Michael Helmbrecht um. Der Vorsitzende der Allianz ist der einzige, der an diesem 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, eine Rede halten darf und soll. „Unser Mitleid gilt den Angehörigen“, sagt er einfühlsam, „wir bitten die Hinterbliebenen um Verzeihung, dass unsere Anteilnahme erst jetzt, schmerzhaft spät, erfolgt.“ Worte, die in der Stille der anbrechenden Dunkelheit noch lange nachhallen werden.

Bisher hat Nürnberg noch nicht offiziell Abschied genommen von seinen getöteten Mitbürgern. Erst die immer grausameren und schockierenderen Enthüllungen rund um das Neonazi-Trio haben die Stadt und die Allianz gegen Rechtsextremismus einmal mehr aufgerüttelt – und innerhalb kürzester Zeit eine Gedenkstunde in Anstand und Würde ermöglicht, die das Wort wirklich verdient.

Viele Migranten sind unter den Teilnehmern

Die Zeremonien machen nicht vor den Nürnberger Stadttoren halt; auch Schwabach, Fürth, Erlangen, Wunsiedel und viele weitere Kommunen schließen sich dem Aufruf an – mit Migrantenverbänden, Kirchen, Israelitischen Kultusgemeinden und zahlreichen Verbänden. In ganz Nordbayern gehen Menschen an diesem Wochenende auf die Straße – unabhängig von Herkunft, Glaube oder politischer Überzeugung. Sie alle, sagt Helmbrecht, verbindet eines: Sie wollen zeigen, dass es für Neonazis keinen Platz gibt: „Nicht in Nürnberg, nicht in Deutschland und nirgendwo auf dieser Welt.“

Diese Botschaft kommt an. Gerade bei jenen, die es am meisten betrifft: Ausländer und Deutsche mit fremdländischen Wurzeln. Unter den Gästen sind viele von Simseks, Özüdogrus und Yasars Landsleuten. Cemal Kaya etwa. Für den Trauerzug hat er sich noch extra eigene Kerzen besorgt. Der Marsch zur Straße der Menschenrechte sei ihm wichtig: „Noch nie sind Deutsche und Ausländer derart eng zusammengerückt“. Das habe er bislang nicht erlebt – und er lebt immerhin schon seit 40 Jahren in Nürnberg. Furcht vor Anschlägen habe er in dieser Zeit nie gehabt, auch jetzt nicht.

Von Angst – so heißt es mehrmals auf dem Podium – müsse man sich ohnehin befreien. Die Gebete, die Vertreter der großen Glaubensgemeinschaften vortragen, machen Mut: der Regionalbischof Stefan Ark Nitsche ebenso wie der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Arno Hamburger oder der Imam der Türkisch-Islamischen Union (DITIB), Ersan Özten. Politiker-Statements sind unerwünscht. Zwar haben alle Parteien Delegationen geschickt; diese stehen vornehmlich in den ersten Reihen. Ans Mikro aber geht von ihnen niemand. „Heute gedenken wir der Toten“, sagt Doris Groß vom Menschenrechtsbüro, „politische Phrasen haben hier nichts zu suchen.“ 

Von Sharon Chaffin

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