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Sie soll, so geht die Legende, in einem Baumhaus in Kenia gesessen und ein Rhinozeros beobachtet haben. Es war Sonnenaufgang, und in dem Moment, als ihr Vater starb, habe, so hat ein Höfling beobachtet, hoch über ihrem Kopf ein Adler seine Kreise gezogen.
Man schrieb den 6. Februar 1952. Fern in London tat König George VI. seinen letzten Atemzug. Gemäß der ungeschriebenen britischen Verfassung trat seine älteste Tochter unmittelbar die Thronfolge an und kletterte, obwohl sie das in diesem Moment noch nicht wissen konnte, als Queen Elizabeth II. von ihrem Beobachtungsposten im afrikanischen Busch.
Der Adler schien ein gutes Omen. Würde ihre Herrschaft so prachtvoll und erfolgreich sein wie das erste elisabethanische Zeitalter? Damals, vor fast 400 Jahren, war das Königreich auf seinem Weg zur Weltmacht: Sir Francis Drake schlug die spanische Armada, Walter Raleigh brachte Schätze aus fernen Ländern, Shakespeare schrieb ein Meisterwerk nach dem anderen.
Das Großbritannien des Jahres 1952 war ein anderer, weit glanzloserer Ort. Das Königreich litt unter den Nachwehen des Zweiten Weltkrieges, das Land war finanziell ausgeblutet. Das vor wenigen Jahren noch mächtige Empire verlor eine Kolonie nach der anderen in die Unabhängigkeit. Lebensmittel wurden immer noch rationiert, die Wohnungsnot war groß.
Und doch sprachen die Briten, als Elizabeth 1952 den Thron bestieg und 16 Monate später in der Westminster Abbey gekrönt wurde, von einem zweiten goldenen elisabethanischen Zeitalter, das nun kommen würde. Die Begeisterung für die neue junge Queen war grenzenlos. Das farbenprächtige Spektakel der Krönung goss Balsam auf die Seele des Volkes.
Man spürte: Hier war der Aufbruch. Der Premierminister Winston Churchill sprach im Parlament von der Hoffnung auf ein kommendes „goldenes Zeitalter“, das mit Elizabeths Thronfolge anbrechen könne: „Wenn die Nationen sich nur gegenseitig gewähren lassen, dann kann ein immenser und unerhörter Wohlstand zu den Volksmassen in jedem Land kommen.“
Heute, nach 60 Jahren auf dem Thron, lässt sich sagen, dass die Herrschaft von Elizabeth II. ihre Untertanen sicher nicht ärmer gemacht hat. Die Queen erwies sich als ein Glücksfall für die britische Monarchie. Sie darf stolz darauf sein, eine der erfolgreichsten Königinnen der britischen Geschichte zu sein. Nur Queen Victoria saß länger auf dem Thron, doch wenn Elizabeth in ihrem Job noch bis 2015 durchhält, wird sie auch diesen Rekord übertreffen. Mancher Politiker würde seinen rechten Arm dafür geben, um so populär wie die Königin zu sein. Und dank ihr ist auch die Institution gesichert: Rund drei Viertel der Briten sprechen sich für die Monarchie aus, nur 15 Prozent sind dagegen, zehn Prozent wissen nicht so recht.
Als Tochter des zweitältesten Königssohnes Albert und der schottischen Gräfin Elizabeth Bowes-Lyon kam sie am 21. April 1926 zur Welt. Die Prinzessin wuchs isoliert auf – kaum Kontakt zu Gleichaltrigen, keine Freundschaften mit „gemeinen“, nicht-aristokratischen Kindern, stattdessen Privatunterricht zu Hause durch eine Gouvernante. Aus ihren Kinderjahren ist überliefert, dass sie am liebsten „einen Farmer heiraten und viele Kühe, Pferde und Kinder haben“ will. Daraus konnte spätestens dann nichts werden, als die Abdankung von Edward VIII. im Dezember 1936 ihren Vater zum König beförderte.
Im Alter von zehn Jahren war Elizabeth plötzlich „mutmaßliche Thronerbin“. Der Drill für die zukünftige Monarchin begann. Elizabeth hatte Verfassungsgeschichte und Recht zu studieren, ihren Neigungen fürs Theater, Schwimmen und Reiten durfte sie in ihrer Freizeit nachkommen. Sie musste sich damit abfinden, auf längere Zeit von ihren Eltern getrennt zu sein, die auf Auslandsreisen entschwanden – ein Muster, das sich bei ihren eigenen Kindern wiederholen sollte. Und als Ehemann kam natürlich kein Landwirt mehr in Frage. Elizabeth heiratete 1947 Prinz Philip Mountbatten, den Sohn des entthronten Königs von Griechenland und Ur-Ur-Enkel von Queen Victoria.
Im gleichen Jahr, an ihrem 21. Geburtstag, machte sie in ihrer ersten großen öffentlichen Rede ein erstaunliches Gelöbnis: „Ich erkläre vor euch“, versprach sie ihren Zuhörern, „dass mein ganzes Leben, sei es kurz oder lang, dem Dienst an euch und dem Dienst an der großen imperialen Familie gewidmet sein wird.“ Gemeint damit war der Commonwealth, der lose Staatenverbund ehemaliger britischer Kolonien.
Was diese Verpflichtung bedeutete, haben viele andere Royals nie begriffen: Es war das Versprechen von Selbstlosigkeit, Pflichtbewusstsein und Disziplin. Es bedeutete den öffentlichen Verzicht auf Selbstverwirklichung. Die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit wurde ersetzt durch das preußisch anmutende Ideal, die erste Dienerin ihres Königreichs sein zu wollen. Kein anderes Mitglied ihrer Familie ist so weit in dieser Selbstverleugnung gegangen: Prinz Philip nicht, der immer mal wieder durch geschmacklose Scherze aus der Rolle fällt; die Kinder nicht, die, bis auf den jüngsten Sohn, alle ihre Ehen in den Sand setzten, und die Schwiegertöchter Fergie und Diana schon gar nicht.
So erlebte Elizabeths Herrschaft durchaus auch ihre Krisen. Die 90er Jahre bedeuteten ein einziges Desaster für die Royals. Die Skandale um Prinzessin Diana, um Fergie und um Sophie, die Gräfin von Wessex, gossen ein ums andere Mal Öl in das Feuer der „königlichen Seifenoper“. Als 1992 das Lieblingsschloss der Königin Windsor Castle teilweise abbrannte, bestand die öffentliche Reaktion nicht im Mitleid über das Unglück, sondern im Verdruss darüber, dass der Schaden mit Steuergeldern wieder gerichtet werden sollte.
Selbst als die Queen hinterher anbot, demnächst erstmals Einkommenssteuer zahlen zu wollen, führte das nur zu einem geknurrten „Na endlich“ der Boulevardpresse. Richtig kritisch wurde es 1997 mit dem Tod von Prinzessin Diana. Während das ganze Land in einen kollektiven Trauerrausch verfiel, weigerte sich Buckingham Palace, die königliche Standarte auf Halbmast zu senken. Die Queen, empörten sich darauf die Massenblätter, teile nicht den Schmerz der Öffentlichkeit. Republikaner witterten Morgenluft.
Die Monarchie, darf man urteilen, hat die Kurve genommen. Und die Queen ist heute die mit Abstand populärste Figur in der britischen Öffentlichkeit. Ihre schiere Ausdauer dürfte sich als der größte Vorzug der Windsors erweisen. Immerhin ist eine Monarchie ohne Kontinuität und Tradition nicht denkbar – und was verkörpert Elizabeth II. nichts deutlicher als Beständigkeit und die Verweigerung des Wandels, die bei ihr persönlich bis zur Selbstverleugnung geht?
Bis zum Tod der Queen Mother vor neun Jahren schätzten die Briten die rüstige Langlebigkeit der Königinmutter als eine Art Vitalitätsbeweis für die Monarchie. Mittlerweile hat die Queen diese Rolle der „eisernen Oma der Nation“ übernommen, und man verehrt sie, weil sie den Job schon so lange und so makellos und immer in dem gleichen würdigen und liebenswürdigen Stil gemacht hat.
Dazu kommt ihre Rolle als moralische Instanz in einer Zeit des umgreifenden Wertewandels. In den 60 Jahren ihrer Herrschaft hat sie sich niemals einen Moment der Schwäche erlaubt. Ihr Arbeitseifer ist legendär. Auch als 85-Jährige bringt Elizabeth noch jährlich rund 500 offizielle Verpflichtungen – von Empfängen bis zu Krankenhauseröffnungen – hinter sich. Geholfen hat ihr dabei sicherlich ihre tiefe Religiosität. „Die Lehren Christi“, bekannte sie, „und meine eigene persönliche Verantwortung vor Gott geben mir den Rahmen, in dem ich mein Leben zu führen versuche.“
So. 25.03.12
Sa. 24.03.12
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