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Jüngster Aufreger: Katharina Wagner, die Tochter aus der zweiten Ehe des 58 Jahre lang amtierenden Festspiel-Patriarchen und Wagner-Enkels Wolfgang Wagner, hat in einem Spiegel-Interview bekundet, dass sie ihren genialischen Urgroßvater Richard „täglich“ dafür verfluche, das 1876 eröffnete Festspielhaus in die abgelegene fränkische Provinz gebaut zu haben. Sie legte nach und sagte, dass sie die Andachtshaltung, mit der viele Festspielbesucher alljährlich zum Grünen Hügel von Bayreuth pilgern, merkwürdig finde. „Mir ist das Kultische an sich fremd.“
Nett klingt das nicht, andererseits wurden ihr die Formulierungen durch die Fragen der Interviewer auch aufgedrängt. Trotzdem könnte man hier die aufkeimende Resignation und Lustlosigkeit einer 34-Jährigen herauslesen, die seit ihrer Kindheit von ihren Eltern Wolfgang und Gudrun Wagner auf die zukünftige Festspielleitung hin erzogen wurde und trotz ihres Wohnsitzes in Berlin wohl niemals wirklich Wagner-freie Luft atmen durfte.
Doch solchen Spekulationen tritt Katharina Wagner entgegen: „Noch nie“ habe sie es bereut, 2008 den Intendantenposten angenommen zu haben, und sie könne es sich sehr gut vorstellen, nach 2015 – in dem Jahr enden die Verträge für das Leitungs-Duo – nochmals sich zusammen mit Eva Wagner-Pasquier (67) für die Festspielleitung zu bewerben. Immerhin: Der von ihr geforderte kaufmännische Geschäftsführer für Bayreuth ist ihr fest zugesagt und ein Kandidat angeblich schon gefunden worden.
Davon abgesehen sind die Probleme, mit denen sich die Chefinnen konfrontiert sehen, bereits außerhalb des künstlerischen Kerngeschäfts immens: Seit der Bund, das Land Bayern, die Stadt Bayreuth und die Mäzenatengesellschaft der „Freunde von Bayreuth“ Mitgesellschafter in der Festspiel GmbH sind, sind die Wege für Abstimmungsprozesse und Entscheidungen lang und kompliziert geworden. Besonders prekär ist das angesichts der Tatsache, dass das Festspielhaus über das undichte Dach hinaus sanierungsbedürftig ist und die geschätzten Kosten sich durch ein im Mai veröffentlichtes Gutachten mit 50 Millionen Euro mehr als verdoppelt haben. Dazu kamen Vorwürfe der Misswirtschaft sowie Kritik vom Bundesrechnungshof an der undurchsichtigen Vergabepraxis der Karten.
Die Pläne für eine dringend benötigte Probenbühne liegen seit zwei Jahren auf Eis, weil die Stadt Bayreuth deren Einbindung in einen Gesamtbebauungsplan fordert. Das beeinträchtigt die künstlerische Arbeit, weil allein die Neuinszenierung des 16-stündigen – und aus vier einzelnen Opern bestehenden – „Ring des Nibelungen“ nächstes Jahr viele Kapazitäten wie Proben- und Lagerflächen benötigt.
Überhaupt das Jahr 2013: Es ist zugleich das 200. Geburtsjahr und das 130. Todesjahr des Festspielgründers Richard Wagner. Irgendwie erwartet da jeder von Bayreuth als Keimzelle des weltweiten Wagner-Kults Wunderdinge. Dabei taten sich die Halbschwestern schon sehr schwer damit, überhaupt einen Regisseur für die mit höchsten Erwartungen belastete Jubiläumsinszenierung zu finden.
Filmemacher Wim Wenders sagte kurzfristig ab, Frank Castorf sprang in letzter Minute ein. Als lebende Regielegende hat er, seit er 1992 Intendant der Berliner Volksbühne wurde, mit seinem provokanten Inszenierungsstil die deutsche Theaterlandschaft revolutioniert. Gerade so viel Aufsässigkeit und Lust an der Dekonstruktion erzeugt aber Unruhe beim regieästhetisch mehrheitlich konservativ gesinnten Bayreuther Publikum.
Hier zeigt Katharina Wagner, die auch die heftig kritisierte, letztjährige „Tannhäuser“-Inszenierung des von Castorf geprägten Regisseurs Sebastian Baumgarten verteidigt, klare Kante: „Über ästhetische Fragen muss man bei Herrn Castorf nicht diskutieren. Seine Arbeiten kennt man, sie gefallen einem oder nicht.“
Andere Probleme werden sich im Wagner-Jahr nicht so leicht vom Tisch wischen lassen. So hat die Stadt Bayreuth den Umbau des Richard-Wagner-Museums, die Villa Wahnfried, so spät in Angriff genommen, dass das neue Museum erst 2014 fertig sein wird und die Bayreuth-Besucher ausgerechnet im nächsten Jahr auf eine Großbaustelle treffen werden. Streitereien über das zukünftige Museumskonzept und den Standort eines Cafés in der Nähe der Gruft von Richard und Cosima Wagner sorgen für zusätzlichen Zündstoff.
Das Missmanagement beim Wagner-Museum – mit dem die Festspielleitung nichts zu tun hat, das aber vielen Besuchern die Stimmung verhageln dürfte – ärgert auch Christian Thielemann maßlos. „Ich glaube, mich laust der Affe“, schimpfte er, als er vor ein paar Tagen die Villa Wahnfried besuchen wollte und stattdessen vor einer Baustelle und gefällten Bäumen stand. Der Dirigent und künstlerische Berater der Festspiele, der als Wagner-Dirigent einen Ruf von Weltrang genießt, ist nicht nur im „Tannhäuser“ für den entnervt aufgebenden Thomas Hengelbrock eingesprungen, sondern leitet auch den „Fliegenden Holländer“ musikalisch.
Dass man von der Inszenierung des jungen Schauspielregisseurs Jan Philipp Gloger – der „Holländer“ ist erst seine dritte Oper – vor der Premiere so wenig hört, darf man in diesen rauen Zeiten als positives Zeichen werten. „Wir haben noch keinen Krach gehabt – es ist noch kein böses Wort gefallen“, lobt der sonst gerne regie-kritisch auftretende Thielemann die Zusammenarbeit mit Gloger. Der 1981 in Hagen Geborene sieht seinen Holländer als einen Menschen, der in einer durchökonomisierten und dauermobilen Welt den Kontakt zu seinen Gefühlen verloren hat. Bis er auf Senta trifft. „Ich lese das schon als eine Liebesgeschichte“, sagt Gloger.
In dieser Oper bringt der aufkommende Südwind die Seeleute schließlich doch noch in ihren Heimathafen. Und wenn die „Holländer“-Inszenierung heuer gut aufgenommen wird, kann sie womöglich die rauen Bayreuther Winde kurzfristig besänftigen. Bis dann Castorf kommt.

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