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Die Digitalanzeige schaltet auf 10.15 Uhr. Laura T. hat sich verspätet, um wenige Minuten. Das aber ist dem Mitarbeiter der Nürnberger Ausländerbehörde bereits zu viel: Das Gespräch ist beendet, bevor es begonnen hat. Die Entschuldigung, sie habe eine Toilette aufsuchen müssen, lässt der Angestellte nicht gelten: „Das hätten Sie vorher wissen können.“ Einen guten Monat hat die Armenierin, die lieber unerkannt bleiben und ihren wahren Namen nicht nennen will, auf den Termin sehnsüchtig gewartet. Immerhin geht es um ihre Zukunft – ob sie in Deutschland bleiben darf oder nicht.
Immer wieder schwebt die Rückführung wie ein Damoklesschwert über ihr. Und vor allem über Tochter Helena. Zwar hat Laura T. seit rund zwei Jahren eine befristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Dennoch ist die Zeit zwischen ablaufender Genehmigung und einer neu bewilligten für Laura T. mit am schlimmsten: Das Leben in der Warteschleife bringt sie jedes Mal an den Rand der Verzweiflung. Sie hat noch gut im Gedächtnis, als sie ihren Stempel im Pass nicht erneuert bekam. Jene Wochen und Monate, in denen sie fast schon aufgegeben hatte, weil die Behörden sie in ihre Heimat zurückschicken wollten. Schließlich durfte sie, die als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling vor sieben Jahren nach Nürnberg gekommen war, doch bleiben. Die Härtefallkommission (siehe Kasten links) entschied sich gegen eine Ausweisung – und für Laura T.
Diese Erfahrung aber hat bei der Frau Spuren hinterlassen. Gerade deshalb konnte sie den jüngsten Gang zur Ausländerbehörde kaum mehr abwarten – und nun wird sie auf den 1. Februar vertröstet, den nächsten Termin.
Schon häufig, erzählt die junge Frau, sei sie von den städtischen Bediensteten in der Hirschelgasse unwirsch behandelt worden: „Selbst wenn man mit ihnen freundlich redet, kommen sie einem unfreundlich entgegen.“ Schnell und unpersönlich werde man an den Schaltern abgefertigt. Dafür aber bringt Laura T. sogar noch Verständnis auf: „Die Mitarbeiter stehen doch auch unter Druck“, sagt sie in akzentfreiem Deutsch. In der Behörde hielten sich immer viele Menschen auf, Ausländer aus den verschiedensten Ländern: „Vielleicht sind die Mitarbeiter manchmal auch einfach überfordert“, formuliert sie druckreif. Das könne sie verstehen.
Nicht verstehen hingegen könne sie Fehl- oder Halbinformationen. Auch das habe sie am eigenen Leib erlebt. Als sie im vergangenen August mit ihrer Tochter nach Armenien wollte – das Mädchen besitzt aber keinen Reisepass –, habe sie von den Behörden Informationen bekommen, die ihrer Meinung nach falsch sind. Sie solle sich bei der Botschaft ein Dokument für 200 Euro besorgen – dann erhalte sie ein Papier, das einen Besuch in Armenien ermöglicht. Sofort hatte sich Laura T. von ihrem kleinen Gehalt als Verkäuferin die Unterlagen besorgt. Nur: Mit der Reise in die alte Heimat hat es trotzdem nicht geklappt. Für ihre Tochter, die nur geduldet ist, hat sie keinen Ersatzpass bekommen, aber ohne die Kleine wollte sie nicht fahren. „Das ist unverschämt“, empört sie sich. Nun sei das Geld weg. Völlig unsinnig: „Im Endeffekt habe ich jetzt nichts.“
Diese Kritik lässt Herbert Albrecht, der Leiter der Nürnberger Ausländerbehörde, jedoch nicht gelten. Bei Duldungen erlischt der Aufenthaltstitel im Ausland, erklärt er: „Das Problem ist nicht die Ein-, sondern die Ausreise“. Mit dem Titel „Duldung“ könne der Ausländer Deutschland verlassen, aber in der Regel nicht mehr dorthin zurückkehren. Dass Laura T. von seinen Mitarbeitern nicht die vollständigen Auskünfte erhalten habe, bezweifelt Albrecht. „Das“, betont er, „lässt sich im Nachhinein schwer feststellen.“ Zu dem generellen Vorwurf, die Sachbearbeiter seien barsch und unwillig, äußert sich der Dienststellenchef nicht, gibt aber zu bedenken: „Oft sind auch die Kunden unfreundlich.“ Zudem sei es „sehr subjektiv“, wie man das Verhalten anderer empfindet.
Doch Laura T. ist mit ihrer Empfindung nicht allein. Denn Klagen über missgelaunte Mitarbeiter hört die Vorsitzende des Nürnberger Rats für Integration und Zuwanderung, Diana Liberova, immer wieder. Bis zu fünf Beschwerden würden pro Monat an das Team herangetragen. „Oft geht es um Unfreundlichkeit“, berichtet sie. Auch unzureichende Erklärungen bei Sprachbarrieren würden der Ausländerbehörde angekreidet. „Wenn Du nicht die richtige Frage stellst, bekommst Du auch nicht die richtige Antwort“, sagt Liberova. „Für viele ist die Behörde eine Abwehr- und keine Willkommensbehörde.“
Das aber liege auch an der politischen Funktion, die eine Ausländerbehörde hierzulande zu erfüllen habe, meint Liberova. Sie will den Schwarzen Peter daher nicht uneingeschränkt den Mitarbeitern zuschieben. Viele seien hoch motiviert, aber völlig überlastet. Man müsse sich endlich Gedanken machen, wie man die Arbeit in den Ausländerbehörden erleichtern kann. Ideen hat Liberova schon viele: etwa Supervision oder Coaching für die Mitarbeiter. Jetzt braucht es in Nürnberg nur noch eine schnelle Umsetzung. Damit Laura T. davon profitiert – und mit ihr 90.000 weitere Ausländer.
