Seit Wochenanfang bröckelt dieser festgefügte Glaubenssatz. Die Drogeriemarktkette Schlecker ist zwar nicht am Ende, hat aber Insolvenz angemeldet. Die Außenstände bei Großlieferanten waren so hoch, dass die Banken den Geldhahn zugedreht und keine weiteren Kredite gewährt haben. Monika Gurzu, die früher Filialleiterin in der Wöhrder Hauptstraße war und seit Schließung des Ladens Ende November 2011 in der Tafelfeldstraße als Verkäuferin arbeitet, hat die Misere kommen sehen.
„Schon im Laufe des vergangenen Jahres ist immer weniger Ware bei uns eingetroffen“, erzählt sie im Gespräch mit der NZ. „Dabei hat es sich genau um die Produkte gehandelt, die wir am besten verkauft haben – zum Beispiel die Serien von Nivea.“
Die Kunden ließen sich das nicht lange gefallen. „Die Stammkunden sind uns zwar mehr oder weniger treu geblieben, doch die Laufkundschaft kam vielleicht ein, zwei oder auch drei Mal und ist dann nicht mehr aufgetaucht.“ Eine Abwanderung der Kunden hat Gurzu indes schon länger beobachtet – noch bevor die Ware knapp wurde. „Es ist tagtäglich passiert, dass sich die Leute umgeschaut und dann gesagt haben: ,Ich gehe zu dm oder Rossmann, da kriege ich die Produkte viel billiger.‘“
Seit der Nachricht von der Insolvenz hängt die 45-Jährige unablässig am Telefon und versucht, ihre Kolleginnen zu trösten und sie aufzumuntern. „Ich bin mit Seelsorge beschäftigt, viele Verkäuferinnen rufen mich auch privat an.“ Die Hiobsbotschaft habe Panik ausgelöst. „Die Angst ist sehr groß“, berichtet Gurzu. Kein Wunder: Hat die Betriebsratsvorsitzende im Jahr 2010 noch 26 Filialen mit 106 Mitarbeiterinnen betreut, so sind es heute nur noch 15 Verkaufsstellen mit 64 Mitarbeiterinnen.
Die Zahlen lassen sich leider auf ganz Mittelfranken übertragen. „Derzeit gibt es noch 120 Filialen mit 600 Beschäftigten“, sagt ver.di-Gewerkschaftssekretär Manfred Wages. „In den letzten anderthalb Jahren sind 40 Prozent der Filialen und Stellen abgebaut worden.“ Das sei wie bei einer Salami: Wenn man die Scheiben abschneide, bemerke man den Rückgang zunächst nicht. „Irgendwann ist plötzlich die ganze Wurst weg!“
Wages geht mit dem Geschäftsgebaren von Schlecker hart ins Gericht. Er wirft dem Unternehmen eine verfehlte Preis- und Standortpolitik vor, was auch zu einem „intensiven Umsatzproblem“ geführt habe. In der Tat heißt es in der Branche, dass der Durchschnittsumsatz der Schlecker-Märkte in den vergangenen Jahren bei monatlich 30000 Euro lag.
Rossmann macht pro Laden 200000 Euro im Monat, dm soll sogar deutlich mehr umsetzen. „Solange Anton Schlecker das Monopol hatte, konnte er die Preise bestimmen, aber er hat verdrängt oder verschlafen, dass es Konkurrenz gibt und diese deutlich aufholt“, analysiert Wages. „Nicht nur die Drogeriemärkte, auch Discounter wie Aldi und Lidl haben ihre Produktpalette enorm ausgebaut.“
Für umso wichtiger hält Wages es jetzt, „dass sich Schlecker wieder Freunde in der Industrie macht, damit Ware hereinkommt und sich die Kunden nicht abwenden“. Der ver.di-Gewerkschaftssekretär für Mittelfranken war schockiert darüber, dass sich gerade im lukrativen Weihnachtsgeschäft viele Lücken im Sortiment aufgetan haben. „Den Verkäuferinnen wurden sogar Merkzettel in die Hand gedrückt, wie sie sich angesichts des Mangels verhalten sollen und die Kunden vertröstet werden können“, berichtet er.
Einen Grund für den Niedergang von Schlecker sieht Wages im oft unmenschlichen Umgang mit den Mitarbeitern. Vor dem Generationenwechsel Ende 2010, als die Schlecker-Sprösslinge Lars und Meike das Ruder übernahmen und sich die Atmosphäre in den Filialen abrupt verbesserte, war es die längste Zeit keine Freude, für Schlecker zu arbeiten.
Wages erinnert an die ständige Angst der Verkäuferinnen vor Überfällen, weil sie abends alleine in den Filialen waren; er erinnert an Bespitzelungen und Manipulationen der Bezirksleiter, die den Verkäuferinnen abgelaufene Ware untergejubelt haben; er erinnert an eine Atmosphäre der Angst und an regelrechte Abmahnungs- und Kündigungswellen.
Und er erinnert an den harschen Umgang mit den Betriebsräten. Eine besonders krasse Geschichte hat Birgit Netter erlebt, Betriebsratsvorsitzende im Bezirk Auerbach, der von Nürnberg bis in die Oberpfalz reicht. Bei einer Sitzung des Betriebsrats im Mai 2009 stürmte plötzlich ein Mann in die Versammlung, der über die Zustände in dem Büro schimpfte und brüllte, er zahle hier die Miete und habe hier das Hausrecht: Es war Firmen-Chef Anton Schlecker höchstpersönlich! Er schrie die Frauen an, sagte, Betriebsräte würden nur Lügen verbreiten und wendete sich schließlich an Birgit Netter. „Jetzt sage ich Ihnen noch etwas: Sie sind eine blöde Kuh!“
Netter ließ sich die Beleidigung nicht gefallen. Die Sache landete vor Gericht und endete mit einem Vergleich. Anton Schlecker musste sich schriftlich bei Netter entschuldigen und je 5000 Euro an zwei gemeinnützige Einrichtungen zahlen.
Seit Anton Schlecker das operative Geschäft nicht mehr offiziell bestimmt, ist die Atmosphäre im Unternehmen besser geworden. „Es hat sich ein Image-Wandel vollzogen“, berichtet Manfred Wages. „Auch, weil man gemerkt hat, dass die Kunden sehr wohl darauf achten, wie die Mitarbeiter behandelt werden.“
Von Abmahnungen und Verhandlungen vor Arbeitsgerichten ist ihm seither nichts mehr bekannt. „Heute kann man mit den Schlecker-Leuten über alles reden, früher landete jede Kleinigkeit vor Gericht.“ Monika Gurzu bestätigt das, dennoch macht ihre Aussage die ganze Tragödie deutlich: „Jetzt, wo die Atmosphäre im Unternehmen endlich besser ist, muss Schlecker Insolvenz anmelden!“
Doch Gurzu und Wages denken nicht daran, aufzugeben, im Gegenteil: „Ich begreife die Insolvenz nicht als Makel, sondern als Chance, dass das Unternehmen gerettet werden kann“, sagt der Gewerkschaftssekretär. „Immer wenn ich an der Lorenzkirche vorbeikomme und zu Karstadt gehe, dann habe ich auch Hoffnung für Schlecker.“
Wages sieht es als gutes Zeichen, dass Karstadt trotz des Arcandor-Niedergangs 2009 gerettet werden konnte. Jetzt müsse der Schlecker-Insolvenzverwalter den ersten Schritt machen und sagen, welcher Beitrag von der Belegschaft erwartet wird. „Wir von ver.di werden darauf achten, dass die tariflichen Rahmenbedingungen stimmen.“
Zumindest das Insolvenzgeld steht schon einmal bereit. Die Lohnansprüche von bundesweit rund 33000 Mitarbeitern werden bis Ende März durch die Summe von 150 Millionen Euro abgedeckt, wie die Bundesagentur für Arbeit gestern mitteilte.
Manfred Wages jedenfalls ist überzeugt davon, dass Schlecker eine Zukunft hat. „Wenn ich die Hoffnung nicht hätte, würde ich gleich aufgeben.“ Auch Monika Gurzu ist optimistisch. Im Juni ist sie 15 Jahre bei Schlecker, und auch die schlechten Jahre und die vielen Demütigungen durch ihren Arbeitgeber haben ihren Willen nicht brechen können. „Ich werde bis zuletzt für unsere Arbeitsplätze kämpfen – Schlecker darf einfach nicht kaputt gehen!“
