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Es war ein Großaufgebot an „Musterschülern“ in Sachen gelungener Integration, das sich am Montag im ARD-Fernsehstudio bei Beckmann tummelte: Aygül Özkan etwa war dabei, die Sozial- und Integrationsministerin Niedersachsens, deren Eltern in den 60er Jahren aus der Türkei zugewandert sind. Außerdem Ranga Yogeshwar, Sohn eines indischen Ingenieurs und einer luxemburgischen Künstlerin.
Sein Großvater hat die „Colon-Klassifikation“ erfunden, mit seiner deutschen Frau hat er vier Kinder. Als Zwischenschalte gab es dann noch ein Gespräch mit Naika Foroutan – eine Berliner Sozialwissenschaftlerin, ebenfalls mit Migrationshintergrund. Um Fälle verminderter Intelligenz oder mangelnder Bildung handelt es sich hier zweifelsfrei nicht. Dennoch: Sie alle hatten große Mühe, den umstrittenen Bundesbank-Vorstand und Buchautor Thilo Sarrazin von der Absuridtät seiner Thesen zu überzeugen.
Denn Sarrazin zeigt sich gänzlich unbeeindruckt von den Argumenten seiner Kritiker. Unbeirrt hält er an seinen Aussagen über unterschiedlich intelligente Ethnien und genetische Merkmale verschiedener Völkergruppen fest. So behauptet er etwa, Einwanderer aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika wiesen einen geringeren Bildungsstand auf als Einwanderer aus anderen Ländern. Er holt mit solchen Aussagen eine längst verstaubte Annahme wieder ans Licht, nämlich dass Gene, Intelligenz und Hautfarbe miteinander in einer Verbindung stünden.
Nicht nur die vielen Beobachtungen – so konnten etwa im Nachkriegsdeutschland keinerlei Unterschiede zwischen hell- und dunkelhäutigen Besatzungskindern festgestellt werden – haben dies eindrucksvoll widerlegt. Längst ist es auch Molekularbiologen und Populationsgenetikern gelungen, nachzuweisen, dass die Hautfarbe keine Rückschlüsse auf die Intelligenz zulässt.
„Weshalb“, fragt auch die Humangenetikerin Elisabeth Weiss von der Ludwigs-Maximilians-Universität in München, „sollten dunkelhäutige Menschen weniger intelligent sein als weiße? Dafür gibt es überhaupt keine wissenschaftlichen Belege.“ Für die Expertin steht ohnehin fest: „Herr Sarrazin will mit seinen Thesen polarisieren, das ist alles.“
50 bis 80 Prozent der Intelligenz, lautet Sarrazins These weiterhin, würden vererbt. Selbstverständlich, meint Weiss, sei ein gewisser Teil der Intelligenz erblich. „Die Frage ist nur, wie groß diese Komponente ist.“ Die Befunde seien hier teilweise widersprüchlich und die Angaben schwanken drastisch. „Das familiäre und schulische Umfeld, in dem Kinder aufwachsen, spielt hier ebenfalls eine wichtige Rolle.“
Auch Sarrazins Aussage, Menschen verschiedener Herkunft hätten jeweils verschiedene Gene, die sie wiederum von anderen unterscheiden, lässt sich nicht halten. Schon der bekannte Humangenetiker Luca Cavalli-Sforza fand heraus, dass die Unterschiede innerhalb einer Gruppe viel größer sind als zwischen verschiedenen Volksgruppen. Das heißt im Umkehrschluss: Ein Brite kann sich von einem anderen Briten stärker unterscheiden als etwa von einem Chinesen. „Tatsächlich hat man bei der Betrachtung von Genomen herausgefunden, dass es kleine Unterschiede in der jeweiligen Genomsequenz gibt“, erläutert Elisabeth Weiss. „Der überwiegende Anteil der genetischen Vielfalt beruht aber auf Unterschieden innerhalb einer Bevölkerung.“
Und ja, sagt sie, es treten bestimmte Genvarianten innerhalb eines Volkes häufiger auf als bei anderen. „Zum Beispiel ist die Blutgruppe B in der asiatischen Bevölkerung häufiger vertreten als etwa in Europa.“ Dies sei allerdings nur die logische Konsequenz daraus, dass die einzelnen Völker untereinander häufiger Nachkommen zeugen als mit anderen Volksgruppen. Ein „Basken-Gen“ oder „Juden-Gen“, von dem Sarrazin in einem Interview kürzlich sprach, gebe es jedenfalls nicht, betont Weiss.
Zweifelhaft, meint die Genetikerin, sei es weiterhin, dass Sarrazin die Juden in seinen Aussagen überhaupt als eigenes Volk bezeichnet. „Für mich ist das Judentum über den Glauben definiert, nicht über eine bestimmte genetische Zugehörigkeit.“
Bei seinen Aussagen über eine genetische Identität der Juden hat sich Sarrazin unter anderem auf Forschungsergebnisse der University of New York bezogen: Die Forscher hatten die DNS von 237 Menschen untersucht, deren Familien schon seit mehreren Generationen jüdisch sind und die die großen Gruppen der Diaspora repräsentieren. Ein Vergleich mit knapp 3000 Nichtjuden aus den gleichen Regionen hatte zwar durchaus ergeben, dass die Juden ein gemeinsames biologisches Erbe miteinander verbindet. Diese umfassende und diffizile Studie allerdings auf den Satz zu schrumpfen „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen“, erscheint dann doch etwas weit hergeholt, zumal der Studienleiter Doron Behar selbst darauf hinweist, dass es „keinen metaphysischen Unterschied gibt zwischen jemandem, der jüdisch geboren, und jemandem, der zum Judentum konvertiert ist“.
Zumindest in diesem Punkt ist Sarrazin inzwischen zurückgerudert. Er habe sich in dieser Sache nicht hinreichend präzise ausgedrückt, gab er jüngst zu Protokoll. Dass er sich hierbei an ein Sprichwort aus Fernost erinnert hat, darf allerdings wohl bezweifelt werden. „Die Selbsterkenntnis“, heißt es da, „ist die Tugend, die von den Menschen am schwersten erkämpft werden muss.“
