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Warum die Gewalt dem Militär nutzt

Erlanger Politologe über Vorfälle in Ägypten - 02.02. 19:00 Uhr

NÜRNBERG  - Was bedeuten die tödlichen Ausschreitungen in Port Said für Ägyptens junge Demokratie? NZ-Redakteur Ulrich Künzel hat bei Christian Wolff nachgefragt. Der Erlanger Politologe erforscht die Rolle der Muslimbruderschaft in Ägypten.

Christian Wolff
Christian Wolff
Christian Wolff
Christian Wolff

NZ: Herr Wolff, Sie waren mehrfach zu Forschungsaufenthalten in Kairo. Haben Sie dort auch einmal ein Fußballspiel angeschaut?

Christian Wolff: Beinahe. Ich wollte mit einem Kollegen 2009 das WM-Qualifikationsspiel zwischen Ägypten und Algerien ansehen. Wir haben uns dann zwar anders entschieden, aber in der Nähe der algerischen Botschaft haben wir genau mitbekommen, wie das Nachspiel ablief – mit Straßensperrungen und brennenden Fahnen.

NZ: Ägyptens Fußball-Szene gilt als hochexplosiv. Dennoch scheint es undenkbar, dass Fans einer siegreichen Mannschaft eine tödliche Hetzjagd anzetteln...

Wolff: Im ägyptischen Fußball gibt es ein generelles Gewaltpotenzial. Das war auch schon unter Mubarak so. Fußball war stets ein Ventil für die Jugend, um Druck abzulassen. Da geht es durchaus zur Sache. Warum jetzt die Fans von Port Said losgelegt haben, darüber kann man vorerst nur spekulieren. Es hat immer eine gewisse Relevanz, wenn Al-Ahly Kairo auswärts spielt. Das ist, wie wenn Bayern München irgendwo hinkommt, die sind nicht beliebt. Und dann gibt es die Theorie, dass die Ausschreitungen angestachelt wurden seitens der Sicherheitskräfte und des Militärregimes. Wahrscheinlich kam beides zusammen: das vorhandene Gewaltpotenzial und das Wegschauen der Sicherheitskräfte.



NZ: Die Ultras von Al-Ahly sind gut organisiert. Vor einem Jahr leisteten sie Mubaraks Anhängern und der Armee Widerstand. So ist es wohl kein Zufall, dass es gerade Al-Ahly-Fans traf...

Wolff: Es drängt sich der Eindruck auf, dass da alte Rechnungen beglichen wurden. Die Ultras haben bei der Verteidigung der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz eine wichtige Rolle gespielt. Das sind starke Jungs. Doch man muss aufpassen, dass da nicht zuviel hineininterpretiert wird.

NZ: Sie sind nicht überzeugt davon, dass hier Rache genommen wurde an Gegnern des Mubarak-Regimes?

Wolff: Ich halte das durchaus für wahrscheinlich, aber eben nicht für die alleinige Motivation. Offenbar haben sich die Sicherheitskräfte tatsächlich extrem zurückgehalten und teils schon vor Spielende das Stadion verlassen. Das Umfeld aber war gut gesichert. Das deutet darauf hin, dass man diesen Konflikt bewusst eskalieren lassen wollte. Dem Militärrat kommt der Zwischenfall ja sehr gelegen: Er sieht jetzt die Chance, seine Macht auszubauen und die Notstandsgesetzgebung weiter zu verschärfen.

NZ: Wäre es dann vorbei mit der Hochzeit islamischer Parteien?

Wolff: Da bin ich mir nicht sicher. Die Muslimbrüder und die anderen Parteien erhielten dann starken Rückhalt von den oppositionellen Teilen der Bevölkerung. Der Militärrat wird nicht wieder ein solch autoritäres Regime aufbauen können, wie es unter Mubarak bestand. Sein Sturz war ein zu großer Erfolg für die Demonstranten, als dass sie sich das noch einmal nehmen lassen würden. Es könnte eine Mischform geben: Der Militärrat würde, so zumindest die Argumentation, für Stabilität und Ordnung sorgen und den Demokratisierungsprozess überwachen – und erheblich verlangsamen.

NZ: Eine Demokratie von Gnaden des Militärrats also?

Wolff: Ja. Das Militär setzt darauf, sich als Wahrer der Ordnung aufspielen zu können wie einst Mubarak. Es verkauft dem Westen die Botschaft, dass Ägypten im Chaos versinkt, wenn das Militär erst einmal weg ist. Man hofft darauf, dass der Westen diese Kröte schluckt, wenn das Land dafür stabil ist. Außerdem wird es darum gehen, die Pfründe des Militärs in der neuen Verfassung zu sichern. Das Militär hat sehr starke wirtschaftliche Interessen. Und obendrein war es ja auch am Mubarak-Regime beteiligt. Man will verhindern, dass diese Vergangenheit aufgeklärt wird.

Mehr von Christian Wolff im Blog www.fokus-nahost.de.
  



Ulrich Künzel

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