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Warum sich Ehrenamtliche engagieren

"Wir sind ja nicht allein auf der Welt" - 23.12. 18:04 Uhr

NÜRNBERG  - "Ich möchte ja nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen." Barbara Henry gibt zu, selbst am meisten von ihrem ehrenamtlichen Engagement zu profitieren. Gerade als die Familienmutter noch in einem kleinen Ort vor den Toren Augsburgs wohnte, war es ihr wichtig, noch einmal etwas anderes um sich herum zu sehen. Nur die eigenen vier Wände oder der Garten genügten ihr nicht. Ihr Mann wurde alle paar Jahre versetzt, so dass sie nach der Kinderpause nicht mehr richtig beruflich Fuß fassen konnte.

Café mit eigener Kinderbetreuung: Monika Schmidt gibt Eltern eine Auszeit.
Café mit eigener Kinderbetreuung: Monika Schmidt gibt Eltern eine Auszeit.
Foto: Susanne Borée
Café mit eigener Kinderbetreuung: Monika Schmidt gibt Eltern eine Auszeit.
Café mit eigener Kinderbetreuung: Monika Schmidt gibt Eltern eine Auszeit.
Foto: Susanne Borée

Und da „ich es mir leisten konnte“, engagierte sie sich ehrenamtlich. Als sie nach Nürnberg zogen, fand sie den Weg zur Evangelischen Familienbildungsstätte. Dort arbeitet sie regelmäßig mindestens zwei Mal pro Woche mit. Denn ihre Familie blieb schließlich in der Frankenmetropole hängen. Bereits seit 20 Jahren gibt sie Deutschkurse für Asylbewerber.

„Wir sind so gerne mit Menschen zusammen. Das bedeutet für uns einen Ausgleich zum Alltag, um neue Energien zu tanken. – Wir sind doch nicht allein auf dieser Welt.“ So beschreiben andere Freiwillige, die sich in der Familienbildungsstätte oder ganz in der Nähe im Seniorenzentrum am Tiergärtnertor engagieren, die Motive für ihren Einsatz.



Denn mit ihrem Engagement ist Barbara Henry nicht allein. Sie trifft in der Familienbildungsstätte auf weitere Frauen, die sich gegenseitig ihren Einsatz vorstellen. Jede von ihnen eilt schon seit vielen Jahren durch die Glastür in der Leonhardstraße unweit vom Plärrer. Doch dies geschieht zu ganz unterschiedlichen Zeiten und Wochentagen. Und sie streben dann in verschiedene Etagen und Räume.

Eins eint sie: Sie bieten anderen Menschen vor Ort durch soziale oder kulturelle Impulse neue Perspektiven – ganz gleich, ob es sich um Familien mit Kindern oder Außenseiter der Gesellschaft handelt. Die Evangelische Familienbildungsstätte koordiniert und vernetzt die Angebote, damit sie passgenau ineinander greifen.

Der ehrenamtliche Einsatz Barbara Henrys kann natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein bei den vielen Hilfsbedürftigen sein. Doch gleichzeitig ist er äußerst wichtig. Da muss die Familienbildungsstätte nicht alle Asylbewerber vertrösten, die Deutsch lernen wollen. Gerade für sie sind die üblichen Integrationskurse nicht bezahlbar – und werden sowieso erst nach der Anerkennung gefördert.

Bei dem Treffen der Engagierten bemerkt Barbara Henry dann schnell Schnittpunkte zum Einsatz von Hannelore Zeus: Mit einer Gruppe von Ausländern, die die Sprachprüfung der Integrationskurse bestanden haben, ihre neuen Kenntnisse aber kaum anwenden können, erforscht sie die kulturellen Möglichkeiten der Frankenmetropole. Oder sie entdeckt mit ihnen, was einen Bio-Laden von einem Supermarkt unterscheidet. „Ich mache mit ihnen, was mir selbst Spaß macht.“

Genauso will die ehemalige Kindergärtnerin Renate Behr selbst im Ruhestand nicht von ihrer Berufung lassen: Als Familienpatin unterstützte sie für die Familienbildungsstätte eine Mutter, die Zwillinge bekam, während bereits zwei nur unmerklich ältere Kinder durch die Wohnung toben. Mal schob die erfahrene Erzieherin die Babys im Doppelpack spazieren. Dann konnte sich deren Mutter einmal ganz um die Geschwister kümmern. Oder Behr ging mit dem Dreijährigen zum Arzt. „Die Oma kommt“, hieß es, sobald sie klingelte.

Die Familienbildungsstätte organisiert das Projekt „wellcome“ – auf Deutsch ein Wortspiel aus „gut“ und „willkommen“. Dort können sich Familien melden, die eine Patin suchen. Die Wohnlage der Familien und ihrer Helfer sind da ebenso zu berücksichtigen wie auch besondere Anforderungen. Praktisch alle der 18 engagierten Familienpatinnen haben selbst Kinder groß gezogen oder können gar auf entsprechende berufliche Erfahrungen zurückblicken. Doch wenn dann das Baby seinen ersten Geburtstag feiert, muss es von seiner „wellcome“-Patin Abschied nehmen. Auch Renate Behr trennte sich dann von „ihren“ Zwillingen, war aber selbstverständlich zur Taufe eingeladen.

Natürlich stellt die Familienbildungsstätte gerade für junge Eltern mit ihren Kindern viele weitere Hilfsangebote bereit. Doch ein ganz besonderer Treffpunkt sei da herausgestellt. Das „Café Auszeit“ hat Monika Schmidt zusammen mit einem engagierten Team aufgebaut. Jeden Sonntagvormittag gibt es in den Räumen der Familienbildungsstätte ein gemütliches Frühstück und eine Kinderbetreuung.

Dann können die alleinerziehenden Mütter und Väter einmal ungestört miteinander plaudern. Impulse zur Erziehungsarbeit, ein Kleiderflohmarkt oder Bastelideen runden das Angebot ab. „Schließlich gibt es sonntags in ganz Nürnberg kein ähnliches bezahlbares Angebot, damit die Alleinerziehenden mit ihren Kindern einmal herauskommen können“, erklärt Monika Schmidt. 500 Erwachsene und 600 Kinder fanden im vergangenen Jahr den Weg ins „Café Auszeit“.

Regelmäßig kommt etwa Gaby Gehrold – allerdings, um mitzuhelfen. Die ehemalige Chefsekretärin Gehrold hat dort eine Äthiopierin mit zwei Kindern kennengelernt. Zunächst half sie den Kindern bei den Hausaufgaben. Nun ist sie für viele Kontakte der Familie nach draußen zuständig. Sie schlägt sich für die kleine Familie selbst im Ruhestand mit Antragsformularen und Bewilligungsstellen herum. „Niemand fühlt sich verantwortlich“, fasst sie ihren Einsatz bei Ämtern und Fürsorgestellen zusammen. Ihr selbst schlug zunächst ebenfalls großes Misstrauen entgegen.

Besonders stolz ist sie darauf, der Äthiopierin eine Müttergenesungs-Kur vermittelt zu haben – das muss ein harter Kampf gewesen sein. Gleichzeitig engagiert sie sich in dem Mehrgenerationenprojekt, in das sie kürzlich gezogen ist. „Ihre“ Äthiopierin gestaltet da schon mal für die anderen Senioren eine „echte“ äthiopische Kaffee-Zeremonie.

Genauso wird drei Trambahnstationen weiter im Seniorenzentrum am Tiergärtnertor, das von der Stadtmission unterstützt wird, an einem engmaschigen Netz von Hilfsangeboten geknüpft. Der „Kulturführerschein“ befähigt Senioren zu einem Engagement für andere. Durch ihn kam auch Christa Berger auf die Idee, sich als Lesepatin in der Insel-Schütt-Grundschule zu engagieren. Damit hat sie endlich ihre „Lebensaufgabe gefunden“ – und das mit 66 Jahren, nachdem sie lange Zeit ihre eigene Mutter gepflegt hatte, ihre Kinder schon längst außer Haus sind und „ich mit meinem Geld auskomme“.

Mindestens drei Vormittage pro Woche verbringt sie wieder in der Schule. Ihr Einsatz geht schon längst über das bloße Vorlesen hinaus: Sie übt mit den Erst- und Zweitklässlern Lernstoff ein, begleitet sie zu Ausflügen oder gestaltet mit ihnen die Pausen. „Meine Schüler sind so liebe Wesen, die einen so viel geben“, so beschreibt sie ihre Motivation. Und dann ergänzt sie: „Ich hoffe nur, noch lange aktiv sein zu können.“ Vor ihrer Pensionierung traf sie in einem Assessment-Center Personalentscheidungen. „Die Herren dort waren deutlich schwieriger als meine Schüler.“

Leiterin Gerlinde Knopp vom Seniorenzentrum am Tiergärtnertor hat den „Kulturführerschein“ für Nürnberg auf den Weg gebracht. Es gelte, auszutesten, welche Rollen nach dem Berufsleben wieder neu gefüllt werden können. Über neun Monate hinweg – so, als wenn sie damit schwanger gehen sollten – vermittelt die Fortbildung Qualifikationen, um im kulturellen Bereich Gruppen aufzubauen und anzuleiten.

Das Angebot richtet sich an engagierte Frauen und Männer, die nicht mehr im Arbeitsleben stehen und neue Verantwortung suchen. Gleichzeitig sind die Senioren dadurch bei ihrem Einsatz versichert. Maria Bock unterstützt dies tatkräftig als freiwillige Co-Leiterin, nachdem sie selbst vor Jahren den „Kulturführerschein“ absolviert hat. Außerdem organisiert sie für das Seniorenzentrum Tagesreisen zu kulturell spannenden Zielen, Stadtführungen oder das Literatur-Café. Oder sie spielt zusammen mit ihrer Mitstreiterin Susanne Gruhl „auch mal Feuerwehr“, wenn irgendwo Not am Mann ist und etwa ein Referent ausfällt. Letztens erst war sie dabei in einem jüdischen Seniorenheim unterwegs. Zwölf Projekte allein in diesem Jahr hat sie auf die Beine gestellt – das hat sie nachgezählt.

Auf kulturellem Gebiet lassen sich gerade generationenübergreifende Begegnungen intensiv miteinander verknüpfen. „Altenarbeit beginnt im Kindergarten“, formuliert das Zentrum provokativ. Ein Ehrenamtsprojekt ist eigens auf die Arbeit mit Kindergärten ausgerichtet. Die Einrichtung „Olgastraße“ liegt in einem sozial benachteiligten Stadtteil. Eine Gruppe konnte nun mit ihrer Kulturpatin das Kindertheater „Mummpitz“ besuchen. Sie griff ihr unter die Arme, als sie die Geschichte mit einem Kinderbuch vorbereiteten und anschließend selbst nachspielten.

Die Engagierten finden sowohl im Seniorenzentrum als auch in der Familienbildungsstätte eine erfüllende Aufgabe. Sie können da ihre Kapazitäten zum Wohle anderer einbringen, denen dadurch geholfen wird – und gewinnen auch für ihr eigenes Leben ganz neue Perspektiven. Die biblische Aufforderung „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Galater 6, 2) bringt da einen Gewinn für beide Seiten. 



Susanne Borée

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Kurzbeschreibung:
Eine gemeinsame Aktion der Nürnberger Zeitung mit dem Evangelischen Sonntagsblatt.
Worauf kommt es wirklich an? Zu Beginn der Advenszeit 2011 startet die NZ mit der Serie: Experten und Gastautoren kommen zu ethischen Fragen nach dem richtigen Leben und Wirtschaften, nach Gesundheit, Krankheit und Tod, zu Wort.