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Begeistert beteiligen sich die Schüler an der Diskussion, vor ihnen liegen dicke Ordner auf den Tischen. „Wenn sich der Patient noch selbst pflegt, spricht man von Selbstpflege“, sagt eine Schülerin. Eine andere ergänzt: Sobald ein Verwandter oder Bekannter aushilft, handelt es sich um Informelle Pflege. „Und wenn eine Fachkraft kommt?“, will Draxel wissen. „Dann spricht man von formeller Pflege“, antwortet eine Dritte. Theoretisch haben es die jungen Erwachsenen drauf, aber auch in der Praxis wissen sie Bescheid.
In Rollenspielen zeigen die Frauen und Männer, was es heißt, Kranker und Pfleger zu sein. Sophie Lorenz und Theresa Schwab „spielen“ informelle Pflege. Die beiden begrüßen sich herzlich, vorsichtig kämmt Pflegerin Sophie ihrer „Patientin“ Theresa erst einmal das Haar. Tanja Tischler hingegen hat weniger Zeit; ein Clipboard unter den Arm geklemmt, begutachtet sie den Patienten – ihren Mitschüler Marco Schumann – kurz und kritisch, eben professionell.
Die Unterschiede, die die Klasse herausarbeitet, sind offensichtlich: Angehörige bringen mehr Gefühl auf, dafür fehlt ihnen häufig das Fachwissen. Darüber hinaus sind sie ihren Angehörigen gegenüber fast immer in der Pflicht, oft 24 Stunden am Tag.
Lehrerin Draxel erkundigt sich bei den Schülern nach eigenen Erlebnissen, sei es auf Station oder innerhalb der Familie. Die Frage trifft bei den Frauen und Männern ins Schwarze. Sie berichten von sterbenden Großmüttern und Erfahrungen in der Klinik. Sie habe im Krankenhaus eine junge krebskranke Frau erlebt, die noch kleine Kinder hatte, berichtet eine Schülerin. „Das ist mir sehr nahe gegangen.“
Solche Situationen werden die Schüler der Eingangsklasse nach ihrer Ausbildung immer wieder erleben. Wie die Kranken- und Gesundheitspfleger aber dann damit umgehen, lernen sie hier, in dem alten Gebäude an der Universitätsstraße. Dabei geht es Draxel nicht um reine Fakten. Die Fachkrankenschwester für Intensiv- und Anästhesiepflege, die vor ihrer pädagogischen Weiterbildung mehrere Jahre in dem Beruf tätig war, will mehr vermitteln – Einfühlungsvermögen und Mitgefühl. Die Schüler sollen sich in verschiedene Personen hineinversetzen, die Perspektive eines Kranken übernehmen, dann die eines Pflegers.
Für Lehrerin Draxel sind Emotionen wichtig. Wertvoller womöglich als pure Fachinformationen. Deshalb steht sie der geplanten Anhebung der Zugangsvoraussetzungen kritisch gegenüber. Vor EU-weiten Änderungen der üblichen Ausbildungsrichtlinien, die abwechselnd praktische Einsätze und Schulbesuch vorsehen, sollten die Lehrpläne erst einmal innerhalb Deutschlands angeglichen werden. „Noch gibt es kein einheitliches Ausbildungs- oder Berufsbild“, sagt Drexel. Die Schwächen sollten zuerst behoben werden.
Gerade in der Pflege seien Schlüsselqualifikationen wie soziale Kompetenz oder Teamfähigkeit mehr gefragt als gute Noten. Freilich habe sie in den vergangenen zehn Jahren, in denen sie an der Erlanger Schule lehrt, zwischen Auszubildenden mit und ohne Abitur manchmal Unterschiede entdeckt; diese aber sagen ihrer Meinung nach nichts aus über die Eignung für den Beruf. „Es mag sein, dass Abiturienten mit dem Lernstoff zügiger vorankommen als Realschüler“; im Gegenzug aber würden sich diese bisweilen kreativer an den Unterrichtsstoff heranwagen. Letztlich aber spielten solche Dinge keine Rolle: „In der Praxis merkt man keine Unterschiede.“
In dieser Klasse zumindest lassen sich an der Mitarbeit tatsächlich keine Wissensvorsprünge festmachen. Seit Oktober befinden sich die 25 Schüler in der Ausbildung, darunter 15 mit allgemeiner Hochschulreife und Fachabitur. Einige von ihnen nehmen am dualen Studiengang „Pflege“ teil und erreichen somit gleichzeitig eine akademische Ausbildung (siehe Kasten links).
Theresa Schwab beispielsweise hat in der Mischung für sich genau das Richtige entdeckt. Nur studieren wollte die 20-Jährige nicht, die am Helene-Lange-Gymnasium in Fürth das Abitur gemacht hat. Die Möglichkeit, Ausbildung mit einem akademischen Abschluss zu verknüpfen, kam ihr daher gerade recht. Dass es ab 2015 EU-weit zusätzlich zur klassischen Ausbildung noch einen extra Bachelor geben soll, findet sie gut. Denn somit könnten die Bachelor-Absolventen womöglich qualifiziertere Aufgaben übernehmen, als eine Art Bindeglied zwischen Ärzten und Krankenpflegern fungieren. Wer jedoch mehr Zeit in seine Ausbildung investiert, sollte später auch mehr Geld haben, meint sie – und spricht damit ihrer Rektorin aus der Seele.
„Was ist uns die Pflege wert?“, fragt Gunda Kramer rhetorisch in die Klasse. Die Schulleiterin steht wie die Mehrheit ihrer Kollegen voll hinter den EU-Plänen. Bis zu 400 Euro, schätzt sie, werden die Abgänger des neuen Zweigs wohl mehr verdienen als herkömmliche Krankenpfleger. Wenn es Frauen und Männer gibt, die neue Tätigkeiten übernehmen, müsse man auch über andere Einstufungen nachdenken, sagt sie.
Zudem seien – wie die steigende Zahl an Demenzkranken zeigt – gerade in der Pflege spezialisiertere Fachkräfte nötig. Der europäische Weg biete darüber hinaus Durchlässigkeit und Aufstiegschancen. Dieser Aspekt liegt der 56-Jährigen besonders am Herzen: „Bildungsfeindlichkeit wird den Pflegenotstand nur noch verschärfen.“ Als Kramer ihre Ausbildung 1972 an eben jener Schule begonnen hat, der sie nun als Schulleiterin vorsteht, habe es diese Möglichkeiten nicht gegeben. Dennoch bildete sie sich immer weiter – und schaffte es bis zur Rektorin. Durch die Möglichkeit, an den EU-genormten Abschluss ein Hochschulstudium anzuhängen, steige das Image der Pflegeberufe. „Wir werden gegen die geplanten Änderungen keine Stimme erheben“, sagt Kramer, „denn sie kommen unseren Schülern entgegen.“
Diese sehen das weitgehend ähnlich, wie nicht nur Theresa Schwab betont. Allerdings hält sie es für wichtig, dass die bisherigen Zugänge erhalten bleiben, also Realschüler oder Hauptschüler mit Berufsausbildung in die Krankenpflege gehen können. Die junge Frau ist überzeugt: „Das ist eine Tätigkeit, bei der Einfühlungsvermögen mehr zählt als Abitur.“
Theresa Schwab selbst fand ihr Berufsziel schnell heraus. Im Rettungsdienst hat sie dafür bereits Erfahrung gesammelt, auch eine behinderte Schwester brachte ihr den Umgang mit Kranken früh nahe. Und: Ihre Mutter ist ebenfalls Krankenschwester. Die sei am Anfang dem Wunsch ihrer Tochter noch skeptisch gegenübergestanden. Inzwischen sei ihre Mutter auf sie aber richtig stolz.
Auch Sophie Lorenz stammt aus einem klassischen Pflegehaushalt. Die Mutter arbeitet im Gesundheitswesen, die Großmutter kommt ebenfalls aus dem Bereich. Die 21-Jährige, die wie Theresa den dualen Studiengang Pflege absolviert, hat ihren Traumberuf gefunden. Auch sie hat bei Einsätzen für das Rote Kreuz gemerkt, dass ihr die Arbeit liegt. „Ich finde es schön, in der Pflege zu arbeiten“, erzählt die Coburgerin, die für ihre Ausbildung ins Schwesternwohnheim nach Erlangen gezogen ist.
Uneingeschränkt positiv sieht sie die angepeilten Veränderungen jedoch nicht. Schon jetzt denkt sie an jene, die nach 2015 keine Zusatzqualifikationen aufweisen: „Bei den normalen Krankenpflegekräften kann es sein, dass sie im öffentlichen Ansehen noch abrutschen“, befürchtet Sophie. Die Diskrepanz zwischen besser und schlechter qualifiziertem Personal klaffe dabei womöglich weiter auseinander, befürchtet Sophie Lorenz.
Wie auch immer die Ausbildung aussieht – eines steht für die junge Frau fest: „Wir dürfen die Kranken nicht nur als Objekt sehen, sondern als Menschen“, sagt Sophie Lorenz bestimmt – und freut sich schon auf ihre nächste Ausbildungseinheit. Dann geht es aus dem Klassenzimmer wieder hinaus in die Klinik. Vom Rollenspiel zur Realität.
