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„War das wirklich so?“, fragte er und meinte vor allem den lodernden Busch, der dann doch nicht verbrennt. Pfarrerin Petersen suchte nach einer Antwort. „Auch Dir kann Gott sich zeigen, das geschieht aber vielleicht auf eine ganz andere Art und Weise.“ Der Junge schaltete schnell. „Das ist wie in Mathe, wo es viele Rechenwege gibt, die alle zum Ziel führen können!“
Die Episode, die Griet Petersen als Religionslehrerin an der Grundschule in Langwasser erlebt hat, erzählt viel von ihrer Vorstellung von christlicher Erziehung – auch wenn sie das Wort nicht besonders mag. „Es geht darum, Räume zu öffnen, Erfahrungen zu ermöglichen, eine Haltung vorzuleben, und nicht nur darum, bestimmte Punkte abzuarbeiten.“ Am besten geschieht das ihrer Meinung nach im Gespräch miteinander, ohne verordnete Wahrheiten. Sie denkt gerne an den mathematisch begabten Jungen zurück. „Der Austausch mit anderen Sichtweisen ist spannend und bereichernd.“
Man muss keine Pfarrerin sein, um christliche Werte wie Solidarität und Gerechtigkeit weiterzugeben. Auch Eltern könnten ihren Kindern ganz leicht Räume öffnen, ihnen helfen, zur Ruhe zu kommen – zum Beispiel abends beim gemeinsamen Gebet. „Wenn man am Bett zusammensitzt, ohne Störung, ohne Fernsehen, und sich erinnert, was man tagsüber gemacht hat und für das, was schön war, dankt – dann ist das ein Moment größter Geborgenheit.“ Auch das gemeinsame Singen und Erzählen biblischer Geschichten ist für Petersen ein wichtiger Bestandteil christlicher Erziehung. „Die Worte und Geschichten müssen aber zu einem selber passen – das ist ganz wichtig.“
Mit Zwang und Druck – da ist sich Petersen sicher – lassen sich christliche Werte nicht vermitteln. „Wer Druck ausübt, richtet Schaden an, Glaube darf niemals Zwang sein.“ Davon ist auch Peter Bubmann überzeugt. Der Professor für Praktische Theologie an der Uni Erlangen-Nürnberg erinnert sich mit Grausen an das Buch von Amy Chua, der chinesischen „Tigermutter“, die mit ihren kruden Ansichten zur Erziehung auch Deutschland schockierte. „Wer seine Kinder nur auf die strikte Befolgung von Gesetzen drillt, der ist auf dem besten Weg, Werte zu vernichten“, glaubt er. „Wenn Erziehung nur auf Drill basiert, dann wird die Urzustimmung zum Leben zerstört.“
Bubmann plädiert keineswegs für eine antiautoritäre Erziehung. Im Gegenteil: „Eltern müssen auch einmal klare Kante zeigen!“ Doch die Grundhaltung müsse stets absolute Anerkennung sein. „Werteerziehung darf nicht mit der Einforderung von Verhaltensregeln, sondern muss mit Liebeserfahrung beginnen, mit dem Gefühl des Getragenseins, des Beschütztseins und mit unbedingter Zuwendung.“
Pfarrer Bubmann, der sich an seinem Lehrstuhl mit den Grundfragen christlicher Bildungstheorie und Religionspädagogik beschäftigt, macht drei „Zutaten“ für ethisches Verhalten aus: Regeln, Tugenden und Güter. Unter Regeln versteht er Pflichten und Normen, wie sie etwa in den Zehn Geboten formuliert sind. „Das sind die Prüfregeln für unser Verhalten.“ Die Tugenden teilen sich in drei theologische und die vier philosophischen Kardinaltugenden. Theologische Tugenden sind Glaube, Liebe und Hoffnung; philosophische Tugenden sind Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung.
Doch noch etwas gibt es, und das wird laut Bubmann gern vergessen: Der 49-Jährige nennt es Güter oder Visionen. „Werteerziehung darf nie auf Visionen verzichten.“ Ihm kommt das Bonmot von Ex-Kanzler Helmut Schmidt in den Sinn, wonach, wer Visionen habe, lieber gleich zum Arzt gehen soll. Doch das sei Quatsch: „Nur wer Visionen für die Welt hat, nur wer Hoffnung, wer starkes Vertrauen in die Zukunft hat, nur wer eine Zielvorstellung vom gelingenden Leben besitzt, der wird auch Werte finden und Grundhaltungen entwickeln.“ Anders ausgedrückt: „Gott schenkt uns Tugenden und Liebe, fordert im Gesetz Verhaltensweisen ein und verheißt uns eine Vision für die Zukunft.“
Der studierte Kirchenmusiker und Mitherausgeber der Zeitschrift „Musik und Kirche“ hat einen Bereich ausgemacht, der perfekt ist für die christliche Wertevermittlung: die musische Aktivität. „Musik ist eine große Chance zur Werteerziehung.“ Wer ein Instrument spiele und zusammen mit anderen musiziere, lerne automatisch Achtsamkeit und Rücksicht und mache zudem eine starke Gemeinschaftserfahrung. „Beim gemeinsamen Musizieren lassen sich wichtige Sekundärtugenden ganz von alleine einüben.“
Und noch etwas ist wichtig, wenn Eltern oder Großeltern christliche Werte an Kinder weitergeben wollen: Sie müssen Vorbild sein. „Nichts kann so viel bewirken wie das Vorbild der Menschen, mit denen man zusammen ist“, sagt Maria Siegel, Leiterin der Evangelischen Familien-Bildungsstätte Nürnberg (FBS). Um Eltern Anregungen für die Werteerziehung zu geben, haben Siegel und ihr Team immer wieder die passenden Kurse im Angebot, erst neulich einen Abend zum Thema „Religiöse Erziehung – wie geht das?“.
Dass Eltern perfekt sein müssen, daran glaubt Siegel nicht. „Es reicht schon, wenn man sich jeden Tag auf den Weg macht und den Kindern die Möglichkeit gibt, sich zu entfalten.“ Den Kindern etwas einzutrichtern, habe keinen Sinn. „Man muss ihnen Sicherheit und Vertrauen schenken, dann sind sie auch in der Lage, in die Welt hinauszugehen.“
Sa. 28.04.12
Fr. 20.04.12
Fr. 20.04.12