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"Wir alle sind zu gierig gewesen"

Ethik bei der Geldanlage ist gefragt - 05.01. 19:53 Uhr

NÜRNBERG  - Getreide, das noch nicht einmal angebaut worden ist, wird mit Hilfe von so genannten Derivaten im späteren Preis beeinflusst. Kaufen muss der Anleger den Weizen oder die Gerste nicht – er spekuliert nur damit und macht eine Rendite, die im „Idealfall“ höher ist als die derzeit für verschiedene Anlageformen gezahlten Zinsen von zwei bis vier Prozent.

Die Macht des Geldes ist allzu oft stärker als das christliche Gewissen: Marinus Claes van Roymerswaele geißelte in seinem 1539 entstandenen Gemälde „Der Steuereinnehmer und seine Frau“ menschliche Habgier.
Die Macht des Geldes ist allzu oft stärker als das christliche Gewissen: Marinus Claes van Roymerswaele geißelte in seinem 1539 entstandenen Gemälde „Der Steuereinnehmer und seine Frau“ menschliche Habgier.
Foto: AKG
Die Macht des Geldes ist allzu oft stärker als das christliche Gewissen: Marinus Claes van Roymerswaele geißelte in seinem 1539 entstandenen Gemälde „Der Steuereinnehmer und seine Frau“ menschliche Habgier.
Die Macht des Geldes ist allzu oft stärker als das christliche Gewissen: Marinus Claes van Roymerswaele geißelte in seinem 1539 entstandenen Gemälde „Der Steuereinnehmer und seine Frau“ menschliche Habgier.
Foto: AKG

Dies mag ein extremes Beispiel für das sein, was Kritiker des internationalen Finanzsystems meinen, wenn sie sagen, die Banken hätten keinen Bezug mehr zur Realwirtschaft. Es macht aber deutlich, was Christen sich bewusst machen sollten, wenn sie ihre Geldanlage planen. „Wenn wir derzeit einen durchschnittlichen Zins von bis zu vier Prozent für langjährige Geldanlagen haben, und ein Anlageberater verspricht deutlich mehr, dann muss ich mich schon fragen, woher kommt dieses Mehr“, sagt Claus Meier, Finanzreferent der Evangelischen Landeskirche. Der Finanzprofi trägt unter anderem dafür Verantwortung, dass die Pensionsrücklagen der bayerischen Pfarrerinnen und Pfarrer in Höhe von 1,2 Milliarden Euro vernünftig angelegt werden.



Er hält wenig davon, die Banken pauschal für die Finanzkrise verantwortlich zu machen und „allein den Banken Gier vorzuwerfen“. Vielmehr sei es doch so gewesen, dass den Sparern die Zinsen in jahrelangen Niedrigzinsphasen zu gering gewesen seien und sie mehr verlangt hätten. „Wir alle sind gierig gewesen, das ist doch das Problem“, sagt Meier. Diese Gier habe die Finanzwirtschaft „in eine völlig falsche Richtung“ gelenkt – weg von der Realwirtschaft „hin zur Finanzierung von Wettgeschäften“. Bei diesen aber könne immer nur einer gewinnen – und zwar auf Kosten des anderen, der verliert.

Die Habgier, auf die Meier Bezug nimmt, spielt auch eine wichtige Rolle in der Bibel, etwa im Lukas-Evangelium, wo die Geschichte von Jesus erzählt wird, der einen reichen Kornbauern ermahnt: „Seht zu und hütet euch vor aller Habgier, denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“

Die Landeskirche habe die Orientierung an realistischen Renditen – und eben nicht an der Gier nach dem großen Gewinn – nie aus dem Auge verloren. Sie sei deshalb sogar aus dem schlimmsten Jahr der Finanzkrise 2008 noch mit einem leichten Plus von einem Prozent herausgekommen.

Doch reicht es, sich am durchschnittlichen Niveau von Marktzinsen zu orientieren, um bei seinen Geldgeschäften christlich zu handeln? Der „Initiativkreis 9,5“ hat mit einer spektakulären Aktion im Jahr 2009 darauf aufmerksam gemacht, dass Christen laut Bibel überhaupt keine Zinsen nehmen sollten. In Anspielung auf den Anschlag der 95 Thesen an der Wittenberger Schlosskirche durch Martin Luther im Jahr 1517 schlug die Initiative vor zwei Jahren ihre 9,5 Thesen an die Frankfurter Paulskirche. Ihre Kernbotschaft: Christen sollten aus dem aktuellen Finanzsystem am besten ganz aussteigen – und die Kirche eine kirchliche Zweitwährung einführen.

Die EKD reagierte seinerzeit kritisch auf solche Forderungen und hielt die Vorschläge für reichlich abstrus. Auf die Finanzkrise und das gleichfalls abstruse Gebahren auf den Finanzmärkten antwortete die Institution aber trotzdem – mit Leitlinien für christliche Geldanlagen. Thomas Striegler, Vorsitzender des Arbeitskreises Kirchliche Investments, stellt in dem Leitfaden heraus, dass man neben ökonomischen Kriterien einer Geldanlage auch das Kriterium „Ethik/Nachhaltigkeit“ beachten müsse. Denn unter Berücksichtigung der christlichen Werte führt kein Weg daran vorbei, sich auch mit den Wirkungen einer Geldanlage auf andere Menschen, auf die Umwelt und die Nachwelt zu befassen. Die Anlage sollte deshalb sozialverträglich, ökologisch und generationengerecht sein. Folglich wird in Unternehmen, die diesen Kriterien nicht genügen, am besten nicht investiert. Auf einer solchen Ausschlussliste stehen damit zum Beispiel Firmen, die an der Entwicklung oder Herstellung von Rüstungsgütern beteiligt sind, die Spirituosen mit über 15 Prozent Alkoholgehalt, gentechnisch verändertes Saatgut oder Produkte herstellen, die die Menschenwürde durch erniedrigende Darstellung verletzten – um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Evangelische Landeskirche beispielsweise investiert nicht in Firmen, die Nukleartechnologie produzieren oder Atomstrom anbieten. Claus Meier betont aber, dass sich jeder private Anleger, der christlich handeln möchte, grundsätzlich zwei Fragen stellen sollte: für welchen Zeitraum er anlegen möchte und wie viel Geld er verlieren kann, ohne dass dadurch Zahlungsverpflichtungen eingeschränkt würden. Die nächste Frage sollte lauten, in was man investieren möchte. Und hier sieht er das größte Problem. Denn jeder Anleger sei zunächst selbst verantwortlich dafür, was er mit seinem Geld unterstützt. Mit anderen Worten: Wer bei seinem Bankberater oder seiner Onlinebank nicht nachfragt, was mit dem Tagesgeld oder der Festanlage für mehrere Jahre geschieht, also was die Bank damit finanziert, der komme seiner Verantwortung nicht nach. „Es sei denn, er akzeptiert, dass die Bank selbst entscheidet, was sie mit dem Geld tut“, so Meier.

Ganz genau nachfragen, was mit ihrem Geld passiert – das tun zum Beispiel die Anleger, die bei Oikocredit investieren. Die internationale Entwicklungsgenossenschaft vergibt Mikrokredite an arme Menschen, die durch eigenen Fleiß dem Teufelskreis der Armut entrinnen wollen. Und sie tun das oft sehr erfolgreich, wie Susann Mayer-Höcht, Geschäftsstellenleiterin des Oikocredit Förderkreises Bayern sagt, der seinen Sitz in Nürnberg hat. Ob es darum geht, landwirtschaftliche Kleinkredite in Mali zu vergeben oder eine ökologisch arbeitende Kaffee-Erzeugergenossenschaft in Mittelamerika zu unterstützen – aus Bayern kommen derzeit über 33 Millionen Euro, die als Kleinkredite vergeben werden können. Bayerische Investoren sind die drittgrößten Geldgeber in Deutschland. Die Rendite, die die Anleger bekommen, erscheint mit zwei Prozent für eine einjährige Anlage zwar niedrig – aber den Kriterien einer nachhaltigen, ethischen und ökologischen Wirkung entspricht dieses Investment in hohem Maße. Die Rückzahlungsmoral der armen Kreditnehmer sei übrigens höher als in der regulären Finanzwirtschaft, sagt Mayer-Höcht.

Genau nachfragen, was mit dem Geld geschieht, das für die Altersvorsorge der bayerischen Pfarrer in sicheren Geldanlagen zurückgelegt werden muss, das ist auch für Claus Meier das A und O. Gemeinsam mit verschiedenen Banken wurden Spezialfonds aufgelegt. Die Firmen, in die dort investiert wird, werden zuvor von der Firma Öconom Research auf Nachhaltigkeit überprüft. Die Evangelische Landeskirche entscheidet aufgrund dieses Nachhaltigkeitsberichts, in welche Firmen aus ethischen Kriterien investiert werden kann – und in welche nicht. Eine rein ethische Geldanlage, die keine Rendite abwirft, würde aber den Kriterien der Landeskirche nicht genügen. „Denn ich kann den Pfarrern im Ruhestand nicht erzählen, dass ihre Altersversorgung zwar ethisch angelegt wurde, aber leider nur noch 80 Prozent des Anlagevolumens vorhanden ist“, sagt Claus Meier.

Leitfaden für ethisch nachhaltige Geldanlage in der evangelischen Kirche: www.ekd.de/EKD-Texte/ekdtext_113.html; Infos über Oikocredit: www.oikocredit.org/de


  



Stephanie Rupp

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Kurzbeschreibung:
Eine gemeinsame Aktion der Nürnberger Zeitung mit dem Evangelischen Sonntagsblatt.
Worauf kommt es wirklich an? Zu Beginn der Advenszeit 2011 startet die NZ mit der Serie: Experten und Gastautoren kommen zu ethischen Fragen nach dem richtigen Leben und Wirtschaften, nach Gesundheit, Krankheit und Tod, zu Wort.