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Wunschzettel (5): Ein neuer Haarschnitt zum Nulltarif

Das Frauenzimmer in Nürnberg - 29.11. 18:26 Uhr

NÜRNBERG  - Zu Weihnachten gibt es Geschenke, aber nicht für jeden. Immer mehr Menschen haben nicht einmal Geld für das Nötigste. Wollen Sie helfen? Wir haben in karitativen und sozialen Einrichtungen nachgefragt, was sie brauchen. Heute stellen wir das Nürnberger Frauenzimmer vor, einen betreuten Tagestreff für Frauen in Notlagen.


Schnell ist der Telefonraum im Nürnberger Frauenzimmer zum Frisierstübchen umfunktioniert: Friseurin Astrid Theiß holt Kamm und Schere heraus – und zaubert Luise einen neuen Haarschnitt.
Schnell ist der Telefonraum im Nürnberger Frauenzimmer zum Frisierstübchen umfunktioniert: Friseurin Astrid Theiß holt Kamm und Schere heraus – und zaubert Luise einen neuen Haarschnitt.
Foto: Roland Fengler
Schnell ist der Telefonraum im Nürnberger Frauenzimmer zum Frisierstübchen umfunktioniert: Friseurin Astrid Theiß holt Kamm und Schere heraus – und zaubert Luise einen neuen Haarschnitt.
Schnell ist der Telefonraum im Nürnberger Frauenzimmer zum Frisierstübchen umfunktioniert: Friseurin Astrid Theiß holt Kamm und Schere heraus – und zaubert Luise einen neuen Haarschnitt.
Foto: Roland Fengler

Luise braucht einen neuen Haarschnitt. Die 55-Jährige ist an diesem Vormittag extra von Schniegling Richtung Gostenhof aufgebrochen: in die Hessestraße 10, dorthin, wo Friseurin Astrid Theiß jeden Montag ihre Dienste anbietet. In dem Gebäude aber ist kein Frisierstübchen und kein Schönheitssalon, sondern das Frauenzimmer, ein betreuter Treff für Frauen in Notlagen.

Luise befindet sich zwar nicht in einer lebensbedrohlichen Notlage, aber zumindest in einer finanziell äußerst prekären Situation. Mit einem Ein-Euro-Job verdient sie sich zu ihrem Hartz IV ein wenig dazu, viel bleibt ihr aber dennoch nicht. „Ich komme mit dem Geld gerade so aus, dass es vom ersten des Monats bis zum nächsten reicht“, erzählt sie. Schuhe könne sie sich davon jedenfalls nicht leisten, ebenso wenig eine gute Jacke: „Dafür gehe ich in die Kleiderkammer“, sagt sie. Auch ein Friseurbesuch ist angesichts dieses Budgets nicht drin; außer sie geht ins Frauenzimmer und erhält hier ihren Schnitt zum Nulltarif. Denn der Frauentreff kommt für das Honorar vollständig auf – und stellt einen ihrer kleinen Räume gern zur Verfügung.

Besucherinnen mit bewegten Lebenswegen

Astrid Theiß hat das Büro schnell zum Friseurladen umfunktioniert, aus ihrer Tasche holt sie Kamm und Schere hervor, behände schiebt sie einen Spiegel an die Wand. Die Gesellin hat sich unter den Besucherinnen des Hilfsprojekts, das die Heilsarmee trägt und die Stadt zum überwiegenden Teil finanziert, eine treue Stammkundschaft aufgebaut. Auch Luise hat sich schon öfter die Haare richten lassen: „Ich war immer zufrieden“, lobt sie, „Frau Theiß schneidet sehr schön.“ Vor allem aber macht Frau Theiß keinen Unterschied zwischen Kundinnen in einem „normalen“ Salon und jenen im Frauenzimmer. Im Gegenteil: Womöglich sind ihr diese viel lieber, ins Herz hat sie diese auf jeden Fall längst geschlossen: „Die Frauen hier brauchen ein wenig länger, bis sie genug Vertrauen haben und mir von sich erzählen“.


Kein Wunder: Die Besucherinnen der Anlaufstelle haben oft bewegte Lebenswege hinter sich. Viele leiden an schweren Erkrankungen, haben Gewalt am eigenen Leib erfahren, sind psychisch angeschlagen, antriebsschwach und isoliert. Enttäuschungen haben sie misstrauisch gemacht gegenüber Fremden. Im Frauenzimmer aber fühlen sie sich heimisch und geborgen. Hier erhalten sie eine warme Mahlzeit, die ihnen in großen Töpfen direkt am Tisch serviert wird. Niemand muss sich mit dem Teller in der Hand anstellen: „Bei uns ist es anders als in den Obdachlosen-Einrichtungen“, sagt Leiterin Heidi Weißbeck, „die Frauen sollen sich wie zu Hause fühlen.“

Das ist in der kleinen, aber feinen Anlaufstelle nicht schwer: Mit viel Liebe zum Detail hat das Team die Anlaufstelle gestaltet. Bücherregale, Blumensträuße und bunte Bilder an den Wänden verbreiten Wohnzimmer-Atmosphäre. Für die ernsten Gespräche gibt es separate Zimmer. In diesen abgetrennten Räumen nehmen sich die Frauenzimmer-Mitarbeiterinnen der Probleme ihrer Gäste an. Und diese werden immer gravierender, beobachtet Weißbeck. „Es zeichnen sich die Langzeitfolgen von Hartz IV ab“, erzählt sie. Das ständige Leben am Existenzminimum hinterlasse Spuren: „Die körperlichen und seelischen Beeinträchtigung fallen viel schlimmer aus als noch vor einigen Jahren.“

Auch bei Behördengängen oder der Vermittlung zu anderen Ämtern ist die Anlaufstelle behilflich. Sogar an ein Telefonzimmer haben die Mitarbeiterinnen deshalb gedacht. Hier können die Besucherinnen in Ruhe und kostenlos telefonieren. Montags aber wird dieses Zimmer für zwei Stunden „zweckentfremdet“. Etwa eine halbe Stunde setzt Theiß e pro Kundin an. Vier Frauen kommen also dran. Meistens fünf, denn Friseurin Theiß möchte, dass möglichst viele „Damen“ – wie sie die Kundinnen respektvoll nennt – einen neuen Schnitt bekommen. Der Ansturm auf einen Friseurtermin ist in der Regel allerdings noch viel größer: „Wir lassen Lose ziehen, damit jeder eine Chance hat“, erklärt Weißbeck.

Luise jedenfalls ist an diesem Tag die Erste. Friseurin Theiß nimmt sich Zeit, fragt, wie sie die Frisur haben möchte und legt ihr einen Umhang an. „Der Pony darf weg“, sagt diese – und Astrid Theiß legt los. „Ich habe erst hier bemerkt, wie viel Armut es bei uns gibt.“ Viele lassen es sich aber nicht nehmen, ihr als Zeichen der Dankbarkeit doch noch ein Trinkgeld zuzustecken; solche Gesten berühren Astrid Theiß am allermeisten. Sie ist froh, dass sie diesen Frauen mit ihren bescheidenen Mitteln helfen könne, meint sie; und sei es nur mit einer schicken Frisur zu einem festlichen Anlass – wie das bevorstehende Weihnachtsfest.

Heiligabend und die Adventszeit sind für die meisten der täglich rund 15 Besucherinnen nur schwer zu ertragen: „Sie fühlen sich einsam und sind wehmütig“, sagt Weißbeck. Die wenigsten haben mehr irgendwelche verbindlichen Kontakte oder Freundschaften. Viele blicken in dieser Zeit daher zurück in die Vergangenheit, auf glücklichere Tage, an denen sie womöglich noch eine richtige Familie hatten. Damit der Kummer nicht ins unermessliche steigt, holt das Frauenzimmer-Team den Weihnachtszauber, so gut es nur geht, in den betreuten Treff. Weihnachten soll auch für jene, die niemanden haben, zum fröhlichen Fest werden. Schon Wochen vorher riecht es in der Anlaufstelle nach frisch gebackenen Plätzchen; auch Weihnachtsdeko ziert die Räume. Das sei wichtig, erklärt Sozialpädagogin Weißbeck. Andere Leute schmücken ihr Wohnzimmer weihnachtlich, deshalb müsse das Frauenzimmer das auch tun: „Wir sind für die meisten das Wohnzimmer.“

Nach der stimmungsvollen Adventszeit ist die kleine Weihnachtsfeier für die Besucherinnen tatsächlich der Höhepunkt; schon jetzt freuen sich die Frauen auf das Fest am 21.Dezember mit Christbaum, Weihnachtsliedern, Geschenken, Gedichten und einem richtigen Festmahl. Natürlich wollen sich die meisten Frauen für diese Zeremonie noch einmal schönmachen lassen – auch Luise hat ihr Kommen schon angesagt.
 

Wunschzettel:

Wer möchte, kann für die Weihnachtsfeier im Frauenzimmer am 21. Dezember Geschenke bringen, diese aber bitte bis spätestens Donnerstag, 16. Dezember, abgeben:


   1. Kleine Geschenkartikel, die mit Weihnachten zu tun haben; außerdem können diese Sachen auch gut zum Geburtstag verschenkt werden. Auch hier bekommen die Frauen Präsente: Kerzen, Seifen, Modeschmuck, Halstücher, Bücher, hochwertige Kosmetika 
 

   2. Einkaufsgutscheine für City-Point
 

   3. Einkaufsgutscheine für DM-Markt (für Pflegemittel und Kosmetika)
 

   4. Bücher-Gutscheine 
 

   5. Gutscheine für Baumarkt
 

   6. Gutscheine für Lidl/Norma
 

   7. Eintrittskarten für Kulturveranstaltungen oder den Tiergarten
 

   8. Der Treff hält auch „Notessen“ bereit, die die Frauen mitnehmen können, wenn sie zu Hause nichts mehr haben. Hierfür werden haltbare Lebensmittel wie Spaghetti, Suppen oder Reis gerne entgegengenommen.
 

 Das Nürnberger Frauenzimmer, Hessestraße 10, freut sich über jede Geld- und Sachspende. Nähere Informationen unter Tel. 0911/266956. Spendenkonto: 1902114 bei der Sparkasse Nürnberg, BLZ: 76050101, Stichwort: „Frauenzimmer“.




  



Sharon Chaffin

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