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Wunschzettel (7): Wo Männer auf die Beine kommen

Das Haus Großweidenmühlstraße in Nürnberg - 06.12. 07:12 Uhr

NÜRNBERG  - Nun sind die Plätze wieder begehrt. Je kälter es wird, desto größer ist der Ansturm auf die 20 Notschlafstellen. Hier, im Untergeschoss des Männerwohnheims „Großweidenmühlstraße“, stehen in einem Mehrbettzimmer ausreichend frisch bezogene Liegen bereit. Die wohnungs- und obdachlosen Männer, die sich vor der klirrenden Kälte in die städtische Anlaufstelle flüchten, können sich dort aufhalten und waschen; morgens erhalten sie noch ein Frühstück – bevor sie sich wieder auf- und davon machen. Hinaus auf die Straße, die Siebensachen in der Hand.


Die Bewohner des Haus Großweidenmühlstraße schätzen das Nürnberger Männerwohnheim und seinen Leiter Peter Mertel (Mitte): Im Gewächshaus finden Hans (links) und Thomas Beschäftigung und Entspannung zugleich.
Die Bewohner des Haus Großweidenmühlstraße schätzen das Nürnberger Männerwohnheim und seinen Leiter Peter Mertel (Mitte): Im Gewächshaus finden Hans (links) und Thomas Beschäftigung und Entspannung zugleich.
Foto: Roland Fengler
Die Bewohner des Haus Großweidenmühlstraße schätzen das Nürnberger Männerwohnheim und seinen Leiter Peter Mertel (Mitte): Im Gewächshaus finden Hans (links) und Thomas Beschäftigung und Entspannung zugleich.
Die Bewohner des Haus Großweidenmühlstraße schätzen das Nürnberger Männerwohnheim und seinen Leiter Peter Mertel (Mitte): Im Gewächshaus finden Hans (links) und Thomas Beschäftigung und Entspannung zugleich.
Foto: Roland Fengler

In den Obergeschossen des weitläufigen Gebäudes tobt aber noch weit in die Mittagsstunden hinein das Leben. Dort wohnen jene, die in der Wohnungslosen-Einrichtung ein Zuhause auf Zeit gefunden haben. 45 Männer nimmt die Einrichtung auf – und hilft ihnen somit, aus einer Notsituation heraus bald wieder auf die Beine zu kommen. Viele Bewohner haben Alkoholprobleme, psychische Erkrankungen oder es einfach nie gelernt, mit Niederlagen umzugehen. Die Unfähigkeit, auf Konflikte angemessen zu reagieren, ist oft zurückzuführen auf ein Elternhaus, in dem die Erziehungsberechtigten ihren Kindern wenig Zuneigung gezeigt und ihnen kein Verantwortungsbewusstsein gelehrt haben.

Arbeit in der Werkstatt gibt dem Tag eine Struktur

„Es ist ein Sammelsurium an Gründen, weshalb die Betroffenen in ihrem Leben vom Weg abkommen“, sagt Verwaltungsleiter Peter Mertel. Daher will er auch nicht vom „typischen Wohnungslosen“ reden. Trotz aller Gemeinsamkeiten sind die Biografien doch sehr unterschiedlich, sagt er. Eines aber ist bei allen gleich: Irgendetwas hat sie in ihrem Leben aus der Bahn geworfen. Das kann der Verlust des Arbeitsplatzes sein, eine gescheiterte Beziehung oder eine hohe Verschuldung, erklärt er; meistens zieht in einer Art Kettenreaktion ein Unglück das nächste nach sich. Am Ende dieser Entwicklung steht häufig die Obdachlosigkeit – der Punkt, an dem das Männerwohnheim für viele der letzte Rettungsanker ist.

In dem Haus erwartet die Männer ein engmaschiges Netz an Hilfsangeboten: Erzieher, Sozialpädagogen und Hauswirtschafter arbeiten Hand in Hand. Falls Probleme auftauchen, ist für die Betroffenen immer ein Gesprächspartner vor Ort. Um ihrem Tagesablauf wieder Struktur und Rhythmus zu verschaffen, sind die meisten tagsüber in einer angegliederten Werkstatt tätig oder im Garten und Gewächshaus. Zudem sind die Bewohner angehalten, sich bis zu einem gewissen Grad in die Gemeinschaft zu integrieren: „Die Bewohner müssen ihre Zimmer in Ordnung halten und sich regelmäßig waschen.“

Körpergefühl und das Bedürfnis nach Hygiene haben die meisten Obdachlosen verloren und verlernt. Die Umstellung ist für einige also gar nicht so einfach; die Freude über den Erfolg dafür umso größer: „Wir sind schon zufrieden, wenn die Männer von der Straße weg sind, sich anständig anziehen und regelmäßig duschen“, sagt Mertel. Nach rund zwei Jahren sind die meisten dann wieder so stabil, dass sie ausziehen und im besten Fall einen eigenen Haushalt führen können.

Manchmal aber gelingt das Leben auf eigenen Beinen nur kurz. Thomas etwa wohnt bereits zum zweiten Mal in der Einrichtung. Der 33-Jährige hat alle Höhen und Tiefen eines Alkoholikers durchgemacht. Vor acht Jahren kam er nach einer Entziehungskur in die Großweidenmühlstraße. Seine Abhängigkeit hatte dem Elektriker zu diesem Zeitpunkt bereits alles genommen: die Arbeit, die Familie, die Freundin. In dem Wohnheim fühlte er sich aufgehoben, sicher. „Draußen aber war es schwer“, erzählt er. Und mit „draußen“ meint er das Leben jenseits der dicken Mauern, die das frühere Sebastianspital umgeben.

Der Rückfall hat deshalb nicht lange auf sich warten lassen. Anfangs konnte er seinen Zustand noch verheimlichen. Nicht aber vor den Mitarbeitern im Männerwohnheim. Sie erkannten seine Lage – und drängten ihn zur Rückkehr. Nach einem erneuten Entzug ist er nun wieder da, „in seiner Familie“, wie er die Gemeinschaft liebevoll nennt – und sich über eines im Klaren: „Dieses Mal verlasse ich das Haus nicht zu früh.“

Manche verlassen das Haus für Männer sogar nie. So wie Hans. Er wohnt seit über 20 Jahren hier; der 69-Jährige gehört längst zum Inventar. Krankheiten haben den ebenfalls gelernten Elektriker schon vor langer Zeit arbeitsunfähig gemacht, es folgte eine Scheidung – und schließlich der soziale Abstieg. Als er obdachlos wurde, war er noch keine 40 Jahre alt. In dem Wohnheim hat er ein neues Zuhause gefunden. Das zeigt sich auch daran, dass er seit seinem Einzug ein und dasselbe Zimmer belegt. Reue oder Verbitterung spürt er nicht. Vielleicht nicht mehr. Er nimmt es so, wie es kommt: „Die Vergangenheit ist für mich kein Thema“, sagt er und fügt hinzu: „normal nicht.“ Zu jenen Stunden, die für ihn aus dem Alltag herausfallen und nicht „normal“ sind, gehört für Hans sicher die Adventszeit. Er sei dann schon nachdenklicher, räumt er ein: „Es kommen die Erinnerungen an früher, aber meistens verdränge ich sie.“

Gefühle an die eigene Kindheit, vielleicht an eine noch heile Welt, empfinden die meisten, berichtet Verwaltungsleiter Mertel. Daher ist es wichtig, dass sie in der besinnlichen Zeit besonders abgelenkt werden – mit Weihnachtsliedern, Festmenü und vielen Geschenken. Auch Hans wird in diesem Kreis wieder Heiligabend verbringen. Wie all die Jahre davor – und sicher auch viele danach.
 

Wunschzettel:

Für das Wohnheim und die Notschlafstelle:

1. Bettwäsche, Handtücher, Decken und Spannbetttücher (bitte neu)

2. Hausschuhe (sind oft ausgetreten)

3.Trainings- und Schlafanzüge (Männergrößen)

4. Winterkleidung

5. Winterstiefel

6. Hygieneartikel

7. Einwegrasierer

8. Haushaltsartikel: Kaffeemaschinen (bekommen die Bewohner zur Belohnung für ihr Zimmer), Wasserkocher, Toaster und Kocher

9.Radio-Wecker

10.DVD-Player

11.Dart-Pfeile (für Turniere)

12.Gerne auch gebrauchte TV-Geräte oder Computer

13.Spielkarten (z.B. Canasta)

14.DVDs

15. Kinogutscheine (bekommen Bewohner zum Geburtstag)

16. Besonders begehrt: Geldbeutel, Rucksäcke und Sporttaschen

Für die Kunsttherapie:

Bastelartikel, Farbkasten, Zeichenblöcke, Bilderrahmen

Für die Weihnachtsfeier am 15.  Dezember bzw. die Adventszeit und Heiligabend:

wer will kann hierfür Geschenke in kleinen Säckchen bringen: Lebkuchen, Mandarinen, Schokolade, Gebäck

Für das „Notessen“, das sich Obdachlose nach einer Übernachtung mitnehmen können:

Konservendosen, Wurstdosen Außerdem haltbare Lebenmittel jeglicher Art, z. B. Tee, Cappuccino, Kaffee (Filter und löslich), Nudeln

Für das benachbarte Haus für Frauen, das wir in unserer vergangenen Weihnachtsserie vorgestellt haben:

Neuwertige große Handtücher, Bettwäsche, moderne Nachttischlampen, gut erhaltene Gesellschaftsspiele, Mützen und Schals, original verpackte Kosmetikartikel


Das Nürnberger Haus Großweidenmühlstraße (Haus für Männer), Großweidenmühlstraße 33/43, freut sich über jede Geld- und Sachspende. Nähere Informationen gibt es unter 0911/2312462 bzw. 2315538. Spendenkonto: 1037979 bei der Stadtsparkasse Nürnberg, BLZ: 76050101, Stichwort: „Haus für Männer.“

  



Sharon Chaffin

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