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In Nürnberg hat die Stadtmission in St. Johannis das Modell vor gut einem Jahr übernommen; das Projekt ist voraussichtlich bis 2012 finanziert, und schon jetzt zeigt sich: Das Angebot kommt an. „Der Zugang zu den Menschen ist am Anfang schwer“, sagt Projektleiterin Sandra Härtl, „aber wenn man die Familien erst einmal erreicht hat, nehmen sie die Hilfe gerne an.“ Ab diesem Punkt haben die Sozialpädagogin und die fünf Stadtteilmütter geschafft, was sie sich zum Ziel setzen: jenen Familien zur Seite zu stehen, die nicht willens oder in der Lage sind, selbst eine Anlaufstelle aufzusuchen. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Oft handelt es sich um Migranten, die schlecht Deutsch sprechen und von der Außenwelt abgeschottet sind: „An diese Frauen kommen wir kaum heran“, sagt Härtl, „im Gegensatz zu den Kindern.“
Denn die Sozialpädagogin, die in der Spiel- und Lernstube Lobsinger im Kirchenweg arbeitet, hat schnell bemerkt: Es ist einfacher, die jeweiligen Mädchen und Jungen mit Nachmittags- und Hausaufgabenbetreuung zu unterstützen als die oft völlig isolierten Mütter. „Es gibt mit Kindergarten, Schule und Hort zwar ein engmaschiges Netz, um Kindern aus sozial benachteiligten Familien zu helfen“, sagt Härtl. Die Mütter aber blieben oft auf der Strecke, außer sie suchen entsprechende Anlaufstellen für verschuldete, süchtige oder allein erziehende Menschen von sich aus auf; das aber machen die wenigsten.
Wenn die betroffene Mutter nicht zur Beraterin kommt, kommt die Beraterin eben zur Mutter. Zu einigen der derzeit sieben betreuten Familien hat die Stadtmission Kontakt über die Kinder geknüpft; etliche besuchen bereits am Nachmittag die Spiel- und Lernstube Lobsinger. Andere wiederum wurden von Ämtern vermittelt; die effektivste Werbung sei aber die „Mund-zu-Mund“-Propaganda, betont Härtl: „Wenn Bekannte den Frauen sagen, dass sie keine Angst haben müssen, ist das am besten.“
Nargis Ghobeiti und Lilie Schlecht kennen die anfänglichen Bedenken der Frauen nur zu gut. Seit März besuchen sie mindestens ein Mal pro Woche eine Familie. Dann haben sie oft eine große Tüte mit Spielsachen und Büchern für die Kinder dabei sowie einen dicken roten Ordner für die Mutter. Darin befinden sich Erläuterungen zu Fragen wie häuslicher Gewalt, Gesundheitsvorsorge, Schule oder Freizeitangeboten sowie Informationen und Adressen von Ärzten oder Krippen. Die Stadtteilmütter freilich mussten für die Tätigkeit ebenfalls erst geschult werden. Immerhin sind sie keine Sozialarbeiter oder Jugendamtsmitarbeiter, sondern „nur“ Frauen und Mütter – und das ist ihr Vorteil.
Die Frauen müssen spüren, dass sie nicht beobachtet, begutachtet oder kontrolliert werden. Bis sie zu ihren Stadtteilmüttern ausreichend Vertrauen geschöpft haben, dauert es eine Zeit. Diese Erfahrung hat auch Nargis Ghobeiti gemacht: Sie musste eine vierfache Mutter erst davon überzeugen, dass sie ihr nicht die Kinder wegnehmen will. Schritt für Schritt, erzählt Ghobeiti, hätten sich die beiden einander angenähert. „Ich habe gesagt, dass ich ihre Lage als Mutter gut verstehen kann, weil ich selbst zwei Kinder habe“.
Freilich gehen die Schwierigkeiten, mit denen Ghobeitis „Klientin“ zu kämpfen hat, weit über übliche Erziehungsprobleme hinaus. Nun aber ist sie endlich bereit, professionelle Hilfe zu akzeptieren. Inzwischen betone die Frau sogar immer, dass sie den Sprung aus ihrer Situation ohne die Stadtteilmütter niemals gewagt hätte, berichtet Ghobeiti und fügt hinzu: „Wenn es ein solches Projekt schon vor Jahren gegeben hätte, wäre mir einiges erspart geblieben.“ Denn Nargis Ghobeiti ist selbst Zuwanderin. Sie weiß, was es bedeutet, als Migrantin nach Deutschland zu kommen: Vor über zehn Jahren hat sie Tadschikistan verlassen, und niemand half ihr beim Eingewöhnen in die neue Heimat.
Alle Stadtteilmütter haben einen sogenannten Migrationshintergrund, sind mit den Problemen von Einwanderern also bestens vertraut. Die Bereitschaft, sich zu öffnen, ist bei den betroffenen Frauen größer als bei Deutschen, vermutet Projektleiterin Härtl. Die Skepsis, jemand „Fremden“ in die Wohnung zu lassen, ist am Anfang immer groß. Die schwierigsten Startbedingungen hatte wohl Lilie Schlecht. Sie ist die einzige Stadtteilmutter, die einen alleinerziehenden Vater betreut. Der gläubige Muslim aus Eritrea hat sich zu Beginn mächtig gewehrt gegen die „weibliche Einmischung“ von außen. Behutsam tastete sich die aus Kasachstan stammende Stadtteilmutter vor; seit dem ersten Treffen auf neutralem Boden in einem Café ist ein dreiviertel Jahr vergangen. Nun empfängt der afrikanische Flüchtling Lilie Schlecht sehr gerne bei sich zu Hause, weil er merkt: Sie will helfen.
Manchmal greift die Spätaussiedlerin, die als Witwe drei Kinder allein aufziehen musste, auch zu sehr pragmatisch-gewitzten Maßnahmen – etwa beim Thema Geburtstage. „Er wollte partout nicht, dass seine Kinder feiern“, erzählt sie. Man dürfe sich nicht über Allah stellen, sei seine Begründung gewesen. Da Lilie Schlecht ihn mit Argumenten nicht überzeugen konnte, hat sie an einem Geburtstag der Kinder einfach Luftschlangen und Kuchen mitgebracht und mit den Kindern „Happy Birthday“ gesungen. „Danach hatte er vor Freude Tränen in den Augen“, erinnert sie sich. Er habe nicht gewusst, wie schön das sei, gab er danach unumwunden zu.
In diesen Tagen führt sie mit ihm eine ähnliche Debatte über Weihnachten. Auch das christliche Fest lehnt der Muslim kategorisch ab. Für Lilie Schlecht ist das letzte Wort noch nicht gesprochen: „Dann bringe ich meine Geschenke einfach trotzdem vorbei.“
WUNSCHZETTEL:
Die Stadtteilmütter bringen bei ihren Besuchen gerne Geschenke mit: z. B. kleine Spiele, Bücher mit kurzen Geschichten, Bastel- und Malsachen, Window-Colour-Farben (damit können die Familien mit ihren Kindern etwas gemeinsam machen), Federballspiele („Viele Mütter kommen vor Sorgen gar nicht auf die einfachen Dinge“, sagt Projektleiterin Sandra Härtl), Bälle aller Art, Schulmaterial, Winterkleidung für Kinder (Mützen, Schals) Für die Lern- und Spielstuben Ebenfalls Schulmaterial aller Art Window-Colour-Farben Kinder- und Jugendbücher, vor allem für Sechs- bis Zwölfjährige Für die Mütter Kosmetika (bitte hochwertige) “Irgendetwas für die Seele“, wie Härtl sagt: z. B. Entspannungsbäder Badeartikel wie Duschgels und Cremes Kleine Geschenkartikel Scheine fürs Bildungszentrum Bettwäsche und Handtücher („In den Familien wird hier oft am meisten gespart“, sagt Härtl)
Die Stadtmission freut sich über jede Geld- und Sachspende. Spendenkonto: 1002507501 bei der Evang. Kreditgenossenschaft eG, BLZ: 52060410, Stichwort: Stadtteilmütter. Mit diesem Aufruf wollen wir die Stadtteilmütter und die Spiel- und Lernstube Lobsinger sowie eine ähnliche Einrichtung in der Dianastraße in Nürnberg unterstützen. Sachspenden können in der Spiel- und Lernstube Lobsinger, Kirchenweg 58, Mo.-Fr., zu den Bürozeiten abgegeben werden, bitte unbedingt vorher unter 0911/1809744 anrufen. Zwischen 23. Dezember 2010 und 9. Januar 2011 ist die Einrichtung geschlossen.
Do. 12.01.12
Mo. 19.12.11
Di. 13.12.11
Fr. 09.12.11
Di. 06.12.11