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Für die Diakonie Bayern in Nürnberg war der zweite Vorsitzende Jörg Kruttschnitt daran beteiligt. Zum Jahresende wechselt er in den Vorstand des Bundesverbands der Diakonie nach Berlin. Ein Gespräch.
Als Jörg Kruttschnitt Anfang 2000 in die Zentrale des Diakonischen Werks Bayern in die Pirckheimerstraße in Nürnberg kam, „hatte ich ganz andere Themen auf dem Schirm“, wie der promovierte Theologe und Jurist bekennt. Die Diakonie hatte, wie auch andere Wohlfahrtsverbände, damit zu tun, sich als Träger sozialer Leistungen in einem immer schwierigeren wirtschaftlichen Umfeld zu positionieren – zum Beispiel mit der Einführung der Pflegeversicherung. Als aber 2006 die Debatte um die Leiden der ehemaligen Heimkinder an Fahrt gewann, war schnell klar, dass die Aufarbeitung des Geschehenen ebenfalls zu Kruttschnitts Arbeit gehören würde.
Aus dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags war die Anregung gekommen, einen Runden Tisch einzuberufen, um das Geschehende aufzuarbeiten. „Es war relativ schnell klar, dass man da etwas tun muss“, erinnert sich Kruttschnitt.
Klar war von Anfang an aber auch, so Kruttschnitt, dass „sämtliche juristische Ansprüche unstrittig verjährt“ waren. Doch ein Bestreben, das Geschehene kleinzureden „war am Runden Tisch niemals vorhanden“, betont er. Es habe von Anfang an keinen Zweifel daran gegeben, dass das, was den Betroffenen als Kindern und Jugendlichen widerfuhr, schrecklich war, aus heutiger Sicht völlig unvorstellbar.
Kruttschnitt bezeichnet die damals den Kindern angetane Pädagogik als „organisierten Liebesentzug“. Zwischen Betreuer und Kind sollte keinerlei langfristige Bindung aufkommen. Die Kinder seien völlig ohne Bezugsperson gewesen, also das genaue Gegenteil von dem, was Pädagogen heute als wichtig erachten. Kruttschnitt: „Man hat die Kinder spüren lassen, dass sie eigentlich unerwünscht sind, das bekamen sie auf allen Kanälen gesagt.“
Wieviele Menschen in jungen Jahren in Einrichtungen der bayerischen Diakonie möglicherweise misshandelt wurden, „wissen wir bis heute nicht genau“, sagt der scheidende bayerische Diakonievorstand. Kruttschnitt geht von deutlich unter 3000 aus. An ihn persönlich hätten sich „mit Sicherheit nicht mehr als zehn Betroffene“ gewendet.
Kaum exakt bezifferbar sei die Zahl Betroffener nach Kruttschnitts Meinung vor allem deshalb, weil viele Scheu hätten sich zu offenbaren. „Das Brutalste in diesem Zusammenhang ist die Scham“, meint Kruttschnitt. „Das hätte ich vorher nicht geglaubt.“ Doch Kruttschnitt berichtet von Menschen, die bis heute nicht einmal ihrem Ehepartner erzählt haben, was ihnen als Kind widerfahren ist.
„Das Wichtigste, was der Runde Tisch erreicht hat, ist die Rehabilitation, die Entstigmatisierung der Betroffenen“, stellt Kruttschnitt zufrieden fest. Dazu kommt die monetäre Entschädigung, die Kruttschnitt als „typischen Kompromiss“ bezeichnet, weil keiner der Beteiligten zu einhundert Prozent damit zufrieden sei – nicht die Vertreter der Betroffenen und nicht die, die heute die Verantwortung für die Untaten von damals übernehmen müssten. Gerade weil das so ist, spricht Kruttschnitt von einem „guten Kompromiss“.
Die bayerische Diakonie beteiligt sich mit einer Million Euro am Entschädigungsfonds, der ein Gesamtvolumen von 120 Millionen Euro umfassen wird. Die Mitgliederversammlung hat beschlossen, dass sich alle etwa 1350 Mitglieder der bayerischen Diakonie mit einer an ihrem jeweiligen Umsatz bemessenen Umlage beteiligen. Bei manchem mache das zusätzlich 60 Prozent vom Mitgliedsbeitrag aus, was nicht leicht zu stemmen sei. Dennoch sei die Entscheidung in der Mitgliederversammlung ohne Gegenstimme gefallen, wenn auch mit ein paar Enthaltungen. Dies sei „eine Frage der Verantwortung“ gewesen, meint Kruttschnitt.
Entschädigung soll demnach bekommen, wer mit Fakten glaubhaft belegen kann, dass er/sie zu den Betroffenen gehört. Die Obergrenze soll voraussichtlich bei 10000 Euro liegen. Verwaltet wird der Fonds vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (früher Bundesamt für Zivildienst).
Strafrechtliche Folgen für die „Täter“ von damals wird es nicht geben, weil die Taten verjährt sind. Unter anderem deshalb baten die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) und die Diakonie die misshandelten Heimkinder in einer offiziellen Erklärung nicht um Entschuldigung, sondern um „Verzeihung“, übrigens „auf Wunsch eines der Betroffenen“, erklärt Kruttschnitt. Außerdem hätte der Terminus „Entschuldigung“ juristische Probleme bereiten können.
Ab Januar wird Jörg Kruttschnitt im Vorstand des Diakonie-Bundesverbandes dazu beitragen, „die Organisation so weiter zu entwickeln, dass die Arbeit der Diakonie weiterhin optimal gefördert wird“. Sorgen macht ihm dabei die sogenannte Instrumentenreform, mit der Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) die Förderinstrumente der Bundesagentur für Arbeit auf die Integration in den ersten Arbeitsmarkt konzentrieren will. Nicht nur die Diakonie befürchtet, dass Langzeitarbeitslose darunter leiden. Kruttschnitt will verhindern, dass „spezialisierte und sehr hilfreiche Strukturen“ zerschlagen werden, die über Jahre hinweg aufgebaut worden sind.
