|
Anmeldung
Diese Funktion steht nur registrierten Usern zur Verfügung.
Loggen Sie sich bitte hier ein oder registrieren Sie sich kostenlos! |
![]() |
Passwort vergessen
Wenn Sie Ihr Passwort vergessen haben können Sie hier ein neues Passwort anfordern. Geben Sie bitte hierzu Ihre E-Mail-Adresse ein!
|
Seine zwei Hunde waren ihm so wichtig: ihre Nähe, ihre warmen Körper, das Fell und dieser spezielle Tiergeruch. Als der ältere Mann starb, da waren seine zwei Lieblinge bei ihm im Bett. Mit Hilfe des Erlanger SAPV-Teams, der gemeinnützigen Palliavita GmbH, konnte er die letzten Momente seines Lebens daheim verbringen. Im Krankenhaus hätte der Patient maximale medizinische Versorgung haben können – doch seine geliebten Hunde hätten sich in seinen letzten Stunden nicht an ihn kuscheln dürfen.
Es ist ein großes Versprechen, dass das Erlanger SAPV-Team den Sterbenden und ihren Angehörigen macht: Ihr seid nicht allein! Ursula Diezel, die pflegerische Leiterin, sagt: „Wir geben Sicherheit, man kann uns Tag und Nacht anrufen – und uns über alles fragen, was gerade die Situation erschwert.“ Die „Spezialisierte ambulante Palliativversorgung“ steht für Kooperation: Ärzte mit der Zusatzausbildung Palliativmedizin, Krankenschwestern und -pfleger mit entsprechender Weiterbildung, Seelsorger, Therapeuten
und auch Ehrenamtliche stehen den Patienten und ihren Familien zur Seite, um möglichst lange eine Versorgung in den eigenen vier Wänden zu gewährleisten. Diese Leistung wird ärztlich verordnet, die Krankenkassen übernehmen die Kosten.
Groß ist das Team, vielfältig die Aufgaben: „Wir sind nicht nur für die Pflegebedürftigen zuständig, sondern fühlen uns für mehr verantwortlich“, so die Erlanger Koordinatorin Ursula Diezel. Das Erlanger SAPV-Team ist jederzeit erreichbar, wenn die Schmerzen des Patienten urplötzlich unerträglich werden. Es vermittelt kurzfristig einen Platz auf der Palliativstation oder im Hospiz. Es berät und entlastet die Verwandten. „Die Angehörigen dürfen uns ungefiltert erzählen, sie können alles herauslassen: So kriegen sie Kraft, weiter durchzuhalten. Manchmal geht es nur darum, gemeinsam ein Formular auszufüllen.“
Wenn der Tod Einzug hält in einem Haus, dann geht das normale Alltagsleben trotzdem weiter. Der sterbende Ehemann, die schwer kranke Tochter im Schlafzimmer braucht Pflege, Zeit, Liebe und Zuspruch. Quasi nebenher müssen die gesunden Angehörigen den Haushalt in Schuss halten, vielleicht noch arbeiten oder kleine Kinder versorgen. Eine Krisensituation, in der die Verwandten an ihre Grenzen stoßen. Helga Reinfelder-Weninger, die ärztliche Leiterin des Erlanger SAPV-Teams, sagt: „Wenn wir kommen, dann bringen wir Zeit mit. Unsere Aufgabe ist es, zuzuhören und mitzutragen – ohne dabei auf die Uhr zu schauen.“ Helga Reinfelder-Weninger ergänzt: „Wir ersetzen übrigens niemanden, sondern arbeiten weiter mit dem bisherigen Hausarzt und anderen Einrichtungen zusammen.“
Bereits seit April 2007 besteht ein gesetzlicher Anspruch auf eine „Spezialisierte ambulante Palliativversorgung“, dennoch ist eine flächendeckende Umsetzung nicht in Sicht. „Obwohl das politisch sehr gewollt ist, sind wir noch nicht einmal bei der Hälfte angekommen“, berichtet Heiner Melching, der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (siehe auch Kasten). Gründe dafür gibt es viele: Die Krankenkassen haben in der Vergangenheit nach Angaben von Melching die Einrichtung neuer Teams blockiert. Jenseits der Großstädte und Ballungszentren ist es oft schwierig, neue Teams aufzubauen. Zudem gibt es Probleme, Fachkräfte zu finden. Oft entstehen neue Teams, wenn es vor Ort – wie es in Erlangen der Fall ist – eine starke Hospizbewegung gibt.
Dabei verbessert das Konzept nachweislich die Lebensqualität Schwerkranker, wie eine sozialwissenschaftliche Begleitstudie der Universität Augsburg zeigt. Dank der SAPV-Teams konnten laut Studie Krankenhauseinweisungen bei 84 Prozent und Notarzteinsätze bei 97 Prozent der Patienten vermieden werden. „Das Ergebnis ist in dieser Deutlichkeit bemerkenswert“, meint Studienleiter Werner Schneider. Der Augsburger Professor für Soziologie hat herausgefunden, dass für die Betroffenen nicht nur die medizinische und pflegerische Betreuung im Vordergrund steht: „Mindestens so wichtig ist, dass die sozialen Beziehungsnetze vor Ort gestützt werden. Die Patienten und Angehörigen brauchen ein Sicherheitsversprechen: Egal, was passieren wird, wir stehen euch zur Seite!“
Der Begriff „Palliativmedizin“ leitet sich vom lateinischen Wort „Pallium“ (Mantel) ab. Das Erlanger SAPV-Team hat sich seinen Namen „Palliavita“, in dem die Begriffe „Mantel“ und „Leben“ stecken, bewusst gewählt. Ein Mantel, der wärmt und schützt: Ein schönes Bild, das auch die Arbeit von Ulrike Linner, der stellvertretenden pflegerischen Leiterin, prägt. Sie breitet ihre Arme weit aus, bringt dann ihre Hände zusammen und sagt, dass sie während der Pflege der Patienten oft diesen Gedanken hat: „Ich umhülle Sie!“ Es ist eine kleine Geste, die sie zeigt – und doch vermittelt sie ein großes Maß an Geborgenheit.
Erfüllend und belastend ist diese Arbeit für das Erlanger SAPV-Team: 250 Patienten wurden im vergangenen Jahr betreut. „Die Schwierigkeit ist, Nähe und Distanz zu wahren“, gibt Ulrike Linner zu. Auch die ärztliche Leiterin Helga Reinfelder-Weninger sagt: „Schwer ist etwa, wenn man eine kranke Frau betreut, die gerade mal 20 Jahre alt ist – und man hat selbst Kinder in diesem Alter.“ Wenn ein Leben zu Ende geht, dann hält auch das Erlanger SAPV-Team inne: Die Kollegen verabschieden sich in einem kleinen Ritual von dem Patienten, sprechen über ihn und zünden eine Kerze an.
Jeder Patient hat seine eigene Geschichte – die Betreuung dauert mitunter nur wenige Stunden, mitunter zwei Jahre. Doch allen macht das Erlanger SAPV-Team das Versprechen: Wir sind da! Und hin und wieder, so erzählt Ursula Diezel, ist diese Zusicherung völlig unnötig: „Ich war einmal in einer Familie, wo der Mann gerade gestorben ist. Als sich die Ehefrau darüber richtig bewusst geworden ist, hat sie mich aus dem Zimmer geschickt.“
In diesem Moment wollte die Witwe alleine sein: Sie räumte Medikamente und Spritzen weg, ordnete auf dem Nachtkästchen liebevoll Buch und Brille an – und bat Ursula Diezel wieder hinein. Nichts erinnerte in dem Raum mehr an Krankheit und Leid. „Es war wie ein letzter Dienst, den die Frau ihrem Mann erweisen konnte – und ihr Verhalten hatte etwas sehr Tröstliches.“
