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Auch so manch Großer setzt alles daran, dass er nicht das Interesse der finsteren Gesellen mit den starren Holzgesichtern weckt, die doch so farbenfrohe Fetzen am Leib hängen haben. Vor allem dann, wenn man weiblich ist, sollte man auf der Hut sein.
„Das ist alles nicht ganz ernst gemeint. Aber die jungen Mädchen müssen schon aufpassen“, sagt Andreas Grzyb schelmisch. Bei den Kindern sei man aber „extrem vorsichtig“. Grzyb ist „Hexenmeister“ bei den „Allersberger Flecklashexen“. Seit Generationen erschrecken die Hexen aus dem Landkreis Roth die Menschen zur Faschingszeit – wenn sie denn bei den Umzügen durch die Straßen ziehen. „Der Hexenlauf hat mit dem Brauch des Winteraustreibens zu tun und ist uralt“, wie Grzyb erklärt. Bereits 1475 sollen die Flecklashexen ihre Narretei getrieben haben.
Heute sind sie vor allem eine beliebte Showtanztruppe, die zum Beispiel durch Auftritte bei der Kult-Sendung „Fastnacht in Franken“ nicht nur in Mittelfranken bekannt ist. Von den Faschingsumzügen in der Region sind sie dennoch nicht wegzudenken, wo sie gerne mal Mädchen für ein paar Meter „entführen“ oder necken.
Sicher kann der Freistaat närrisch nicht mithalten, wenn es etwa um die bombastischen Umzüge geht, die Karnevalhochburgen wie Köln und Mainz zu bieten haben und damit Tausende Menschen am Straßenrand und vor dem Fernseher begeistern. Verstecken müssen sich die Bayern dennoch nicht. Und nicht nur die Mittelfranken Dank der Flecklashexen. Denn im gesamten Freistaat wird in diesen Tagen fleißig gefeiert, mit Bonbons geworfen und dabei allerlei eigentümlicher Brauch am Leben gehalten.
So gehen etwa in Dietfurt die Narren als Chinesen verkleidet auf die Straße, bei der „Mendelhoimer Fasnacht“ im Unterallgäu lassen sich die Narren am Morgen taufen, stürmen dann das Rathaus und ziehen durch Mindelheim. Und das „Vierteltrinken“ der verheirateten Sulzthaler Frauen ist mit Büttenreden und viel Tanz mehr als nur ein Weiberfasching in Mainfranken.
Der älteste Fastnachtsumzug der Welt wurde erstmals 1397 für Nürnberg urkundlich erwähnt, und der Würzburger Faschingsumzug gilt heute als einer der größten in Süddeutschland. Auch die Ostbayern sind stolz auf ihren Fasching und behaupten von sich, die Region mit den meisten Fastnachtstraditionen und -bräuchen zu sein – mit Wurzeln, die bis ins Mittelalter zurückgehen. Die „Narragonia Regensburg 1848“ gilt dabei als die älteste Karnevalsgesellschaft Bayerns. Der Fasching selbst lässt sich in Regensburg aber bis in das Jahr 1249 zurück verfolgen.
Es ist ein reges Treiben, das auch Franken vielerorts prägt – Dank einer recht lebendigen Fastnachtskultur. Dem 1953 gegründeten „Fastnacht-Verband Franken e.V.“ gehören heute etwa 300 Vereine an – unter anderem auch das Faschingskomitee Allersberg. Im Bund Deutscher Karneval ist der fränkische Verband der fünftstärkste Regionalverband.
So sind allein in Nordbayern insgesamt mehr als 70.000 Menschen in Fastnachtvereinen organisiert, wobei 20.000 von ihnen Jugendliche sind. Und auch die „Allersberger Flecklashexen“ sind eine eher jugendliche Truppe. 16 junge Männer treten zur Zeit auf. „Nur die Tanztrainerin ist bei uns weiblich“, sagt Andreas Grzyb. Denn seit 1989 haben sich die Hexen auch dem Tanzen verschrieben, früher zogen sie lediglich durch die Straßen.
In Bayern ist aber auch jenseits von Prunksitzungen und Umzügen stets ein wenig Fasching. Denn hier lebt auch gleichsam das Gedächtnis der so genannten fünften Jahreszeit, die jedes Jahr bereits am 11.11. beginnt. Denn in Kitzingen sitzt das „Zentralarchiv der Deutschen Fastnacht“, das die „Dokumentationszentrale für fasnächtliches Brauchtum“ in Europa bildet. Im dortigen Deutschen Fastnachtmuseum sind zudem noch Schätze aus dem 14. Jahrhundert erhalten, die von der Narrenkunst von einst zeugen, etwa in Form von Liedtexten. Dort ist seit zwanzig Jahren unter anderem auch eine „Allersberger Flecklashexe“ zu sehen.
Doch es sind nicht nur die guten alten Traditionen, die Franken und Bayern zu Narrenhochburgen machen. Sie liefern zuweilen auch das Rüstzeug für Sitzungen oder ausgelassene Feste. So produziert schon seit über hundert Jahren die heutige Franz Veit GmbH in Hirschaid (Kreis Forchheim) bunte Luftschlangen und gilt dabei als einer der europäischen Marktführer. Und die meisten der Karnevalsmützen auf Narrenköpfen stammen nicht etwa aus Düsseldorf oder Mainz, sondern aus Marktleugast (Kreis Kulmbach). Dort fertigt seit über 55 Jahren die einstige Fahnenfabrik und Stickerei Meinel unter anderem Narrenkappen, Komitee- oder Prinzenmützen – Handarbeit Made in Bavaria.
Auch die Masken, die die „Allersberger Flecklashexen“ tragen, sind alle Unikate aus der Region. Ein inzwischen verstorbener Holzschnitzer hat sie für die Truppe nach alten Vorbildern gefertigt und sie den Hexen schließlich hinterlassen. Die zum Teil uralten Originalmasken waren in den Wirren des Zweiten Weltkrieges verloren gegangen. Andreas Grzyb, der bereits seit 25 Jahren zur Gruppe gehört, ist froh über die 20 verschiedenen Holzmasken im Fundus, so bleibt doch eine Auswahl für die Auftritte. Sorge bereitet ihm unterdessen der fehlende Nachwuchs.
„Das ist ein großes Problem für uns. Aber mit 16 oder 17 Jahren sind wohl andere Sachen wichtiger oder man will keine Verpflichtungen eingehen“, sagt Grzyb. „Wer mitmachen will, den brauche ich im Fasching an jedem Wochenende.“ Denn die Truppe absolviert 40 bis 50 Auftritte pro „Saison“, vom Training ganz zu schweigen. Der Fasching ist eben zuweilen auch ein Knochenjob – und eine ernste Sache.
Wer Lust hat, Mitglied der Hexen-Truppe zu werden, findet unter www.flecklashexen.de die Kontaktdaten. Die „Allersberger Flecklashexen“ sind natürlich auch beim Festumzug durch Allersberg dabei, der am Sonntag, 19. Februar, ab 14.11 Uhr, durch die Stadt zieht.
