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Heimat ist da, wo man hingehört. Das ist bei Helmut Dölle nicht anders. Nur, dass sich beim ihm die Heimat nicht nur an einer Stadt oder einer Region festmachen lässt. Er gehört auch dahin, wo Mandeln geröstet werden, sich Karussells drehen, Bratwürste auf dem Rost liegen und Losverkäufer das Glück versprechen. Helmut Dölles Heimat sind Volksfeste und Kirchweihen, dort, wohin Menschen für ein paar Stunden in eine andere Welt abtauchen. Ob nun in Würzburg, Aschaffenburg oder wie in diesen Tagen in Fürth.
Seit 50 Jahren bestimmt das Unstete sein Leben, und wie die meisten wurde auch er in die Schaustellerei hineingeboren – während einer Kirmes in Nordrhein-Westfalen. Auch wenn der Ort nicht wirklich wichtig ist. Dölles Eltern hatten zu dieser Zeit auf dem Volksfest in Düren gastiert.
Er sei eine rheinische Frohnatur mit fränkischer Erziehung, sagt Helmut Dölle und schmunzelt. Denn die Dölles sind hiesige Schausteller, die ihren Geschäftssitz in Fürth haben und wohl eines der ältesten Familienunternehmen ihrer Branche sind.
Bis ins Jahr 1778 lässt sich ihre Linie zurückverfolgen. Doch während bei Helmut Dölle heute im „Alten Brathaus“ Spareribs, Bauchfleisch und Würste auf dem Schwenkgrill bruzzeln, zogen seine Vorfahren einst mit Fahrgeschäften durch ganz Deutschland. Mit Karussells, einem Riesenrad oder einer Autorennbahn.
Egal, ob nun Mandeln, Karussell oder Würste – die Dölles sind Schausteller. „Ich kenne es einfach nichts anders“, sagt Helmut Dölle, wenn er über dieses Leben zwischen Auf- und Abbau spricht. Schon von Kleinauf war er dabei, wenn seine Eltern in ganz Deutschland mit ihrem „Mandelwagen“ Süßes unter die Besucher brachten.
Als kleiner Junge durfte er Nüsse verpacken oder Popcorn machen und bestückte Früchte. „Ich hatte keine schlechte Kindheit“, sagt er rückblickend, auch wenn er an die ersten Jahre seiner Schulzeit eher ungern denkt. Während seine Eltern mit dem „Mandelwagen“ und einem Spiel-Pavillon durch die Lande zogen besuchte er ein katholisches Internat, in dem es streng zuging. „Das war natürlich nicht so toll.“
Später kam er schließlich in ein Internat für Schaustellerkinder nach Feuchtwangen. „120 Kinder und wir saßen alle in einem Boot, das hat es leichter gemacht“, sagt Helmut Dölle, dem als Kind die Abschiede von den Eltern immer am schwersten gefallen sind.
„Ich hatte schon viel Heimweh.“ Heute sei er froh darüber, dass er nicht wie andere Schaustellerkinder von einer Schule zur anderen geschoben wurde. „Für meine Schulausbildung war es so natürlich besser.“ Und die Wochenenden und Ferien mit den Eltern erlebte er so umso glücklicher.
Mit ihnen war er bis zu ihrem Tod vor zehn Jahren eng verbunden, so wie es eben in Familien ist, in denen Beruf und Familienleben fließende Grenzen haben. 1983 hatte er die „Wiener Melange“ der Eltern übernommen, einen Wagen voller süßer Kinderträume zwischen Makronen, Mandeln und Liebesäpfeln. Die Fahnen dafür hatte Helmut Dölles Vater Johannes einst noch selbst bemalt.
In ganz Deutschland war Helmut Dölle damit unterwegs, gastierte auf Festplätzen zwischen Berlin und Aachen, Bremen und Fulda. Immer mit dabei seine Frau Sabine, die er schon seit Kindertagen kennt. Auch sie stammt aus einer Schausteller-Familie, das hat es für das Paar immer etwas leichter gemacht. Sie kennen die Strapazen von Kleinauf.
Denn wer mit und von der Schaustellerei lebt, der muss schon früh lernen zurückzustehen, sich anzupassen und sich durchzubeißen. Immer wieder neue Städte, immer wieder neue Menschen und wenig Zeit für sich, die Kinder und für die Familie. „Das Familienleben auf die Reihe zu bekommen, ist eigentlich das Schwierigste an unserem Beruf“, weiß auch Helmut Dölle, der seit 30 Jahren mit seiner Frau verheiratet ist.
„Man hat wenig Zeit für einander und für die Kinder.“ Da müsse man schon aufpassen, dass da nichts kaputt gehe. Alles spielt sich zwischen Losbuden, Bratwurstgeruch und Kinderkarussell ab. Und, obwohl man als Paar 24 Stunden am Tag zusammen ist, hat man doch nichts voneinander.
Auch ihre beiden inzwischen erwachsenen Söhne Sascha und Kevin hatten die zwei früher auch nur an den Wochenenden und in den Schulferien für sich. Beide Jungs besuchten ein Internat in Herzogenaurach. „Wir wollten nicht, dass sie herumgezogen werden, sondern sich auf die Schule an einem Ort konzentrieren können“, sagt Dölle. Und so stiegen die Kinder zuweilen ins Flugzeug, um am Wochenende für zwei Tage bei den Eltern sein zu können, wenn die etwa in Bremen standen.
Alles unterliegt dem Geschäft, das laufen muss. Die Dölles schaffen das nun schon in der achten Generation. Der „Mandelwagen“ ist längst verkauft und seit 2000 ziehen die Dölles mit ihrem „Alten Brathaus“ herum, inzwischen nur noch in Bayern. Das bundesweite Geschäft haben sie aufgegeben, die Arbeit ist dennoch nicht weniger geworden. Für Dölle gibt es immer etwas zu reparieren, zu organisieren – auch als Vorsitzender der Sektion Fürth im Süddeutschen Schaustellerverband.
Zwischen Ostern und Oktober sind die Dölles mit vier Packwagen, zwei Kühlwagen, zwei Mannschaftswagen, drei Wohnwagen und einer Zugmaschine unterwegs. „Wir müssen ja alles mitnehmen vom Waschlappen bis zum Laptop“, sagt Helmut Dölle, der vor allem die Michaelis-Kirchweih und das Nürnberger Altstadtfest mag.
Auf die Wiesn nach München zieht es ihn nie – auch weil die sich mit den beiden Festen in Fürth und Nürnberg überschneidet. Ganz zu schweigen von dem Glücksspiel, überhaupt einen Stellplatz zu bekommen. „Ich schiele da nicht hin, weil das kein Volksfest mehr ist. Da geht es nur noch ums Essen und Trinken.“ Das sei nichts für ihn. Er fühle sich da wohl, wo es alle hinzieht – Alte, Junge, Familien. Und das bis heute.
Auch wenn das Geschäft härter geworden ist. „Wir leben gut, aber die Kosten laufen uns trotzdem davon“, sagt Dölle. Platzgebühren, Diesel, Personal, das alles koste enorm und müsse erst einmal wieder reinkommen. „Natürlich fragt man sich da schon hin und wieder, ob was anderes nicht weniger anstrengend wäre.
Aber am Ende bin ich halt doch zu sehr Schausteller,“ sagt der 50-Jährige. „Man erlebt immer wieder etwas anderes, man muss immer improvisieren und lernt viele Menschen kennen. Das gefällt mir.“ Dennoch. „Die Arbeit sollte aber schon irgendwann etwa weniger werden“, wie er sagt. Denn fürs Joggen oder Radfahren bleibt ihm keine Zeit mehr, und im Urlaub waren die Dölles das letzte Mal vor vier Jahren.
Ihre Tage sind lang. Um elf Uhr Abends schließt das Brathaus, danach wird aufgeräumt und geputzt. Bis die Dölles schlafen gehen wird es meist drei Uhr. Und die Nächte sind immer zu kurz, denn um acht ist das Paar am nächsten Morgen schon wieder am Stand – das schlaucht.
Auch wenn der 23-jährige Kevin längst mit am Grill steht und seine Mutter unterstützt. Er wird das Geschäft irgendwann übernehmen, während sein 33-jähriger Bruder Sascha sesshaft werden wollte. Doch auch seine Frau und Kevins Freundin helfen in diesen Tagen auf der Fürther Kärwa im „Alten Brathaus“ mit. Helmut Dölle selbst kümmert sich um die Gäste, das Personal und alles andere.
Ein Leben ohne Volksfeste kann er sich selbst für das Alter nur schwer vorstellen und weiß dabei schon heute, dass er mit 70 sicher kein Rentner sein wird, der nur auf die Geranien im Garten guckt. „So ganz werde ich wohl nie vom Rummel weg sein.“ Der ist nun einmal sein Leben.
Do. 13.10.11
So. 09.10.11
So. 09.10.11
Sa. 08.10.11
Fr. 07.10.11