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Immer mehr Menschen warten auf ein Spenderorgan

Hoffen auf das "Ja" eines Fremden - 09.02.2012 09:00 Uhr

ERLANGEN  - Immer mehr Menschen in Bayern warten auf ein Spenderorgan. Derzeit benötigten im Freistaat 1749 Menschen ein oder mehrere Organe – 24 mehr als noch vor einem Jahr. Doch während die Lebendspenden in 2011 um 17 Prozent auf 131 anstiegen, sank die Zahl der postmortalen Organspenden leicht auf 682. Bundesweit stehen nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) knapp 12.000 Menschen auf der Warteliste für eine Organspende.

Ein Kreuzchen kann Leben retten - und Angehörigen die Last abnehmen, eine schwierige Entscheidung treffen zu müssen. Jährlich sterben Menschen, weil für sie kein passendes Spenderorgan gefunden werden konnte.
Ein Kreuzchen kann Leben retten - und Angehörigen die Last abnehmen, eine schwierige Entscheidung treffen zu müssen. Jährlich sterben Menschen, weil für sie kein passendes Spenderorgan gefunden werden konnte.
Foto: dpa
Ein Kreuzchen kann Leben retten - und Angehörigen die Last abnehmen, eine schwierige Entscheidung treffen zu müssen. Jährlich sterben Menschen, weil für sie kein passendes Spenderorgan gefunden werden konnte.
Ein Kreuzchen kann Leben retten - und Angehörigen die Last abnehmen, eine schwierige Entscheidung treffen zu müssen. Jährlich sterben Menschen, weil für sie kein passendes Spenderorgan gefunden werden konnte.
Foto: dpa

Zur aktuellen Entwicklung sprach die NZ mit dem Leiter des Transplantationszentrums Erlangen-Nürnberg, Professor Kai-Uwe Eckardt.

NZ: Die Zahlen der Organspenden sind 2011 erneut zurückgegangen. Wie erklären sie sich diese Entwicklung?


Eckardt: Zunächst sind wir natürlich enttäuscht darüber, dass trotz der intensiven Diskussion um dieses wichtige Thema die Zahl der Organsspenden rückläufig ist. Die Gründe dafür zu finden, ist ganz schwierig. Es gibt Überlegungen, dass bei dieser Entwicklung auch Patientenverfügungen eine Rolle spielen. (Diese können etwa lebensverlängernde Maßnahmen ausschließen und damit auch eine Organspende, Anm. d. Red.). Unterm Strich muss man wohl sagen, dass es nicht gelungen ist, alle betroffenen Parteien mit einzubeziehen.

NZ: In neun von zehn Fällen müssen die Angehörigen über eine Organspende entscheiden, weil der Verstorbene seine Wünsche nicht dokumentiert hat. Was sagen sie dazu?


Eckardt: Das Wesentliche ist, sich bereits frühzeitig Gedanken zu machen, sich mit dieser wirklich wichtigen Frage auseinanderzusetzen. Denn im Grunde ist es für die Angehörigen nicht zumutbar, sich in so einer absoluten Ausnahmesituation mit diesem schwierigen Thema auseinanderzusetzen. Deshalb sollten sich alle mit diesem Thema beschäftigen und dabei vor allem ihren Willen dokumentieren, idealerweise mit einem Spenderausweis.

NZ: Das Thema ist mit viel Angst und Verunsicherung behaftet. Häufig ist davon die Rede, dass Sekunden über Leben und Tod entscheiden, dass Angehörige gar keine Zeit haben, überhaupt nachdenken zu können?

Eckardt: Eine Organentnahme nach dem Tod ist eine Ausnahmesituation und nur zulässig bei eingetretenem Hirntod, wenn also die Gehirnfunktionen irreversibel erloschen sind. Allerdings versterben daran weniger als ein Prozent der Menschen in Deutschland. Es handelt sich also um eine extrem seltene Situation. Doch in der Regel bahnt sich ein Hirntod, abgesehen von tödlichen Unfällen, über eine Zeit an. Man hat zwar sicher nicht viel Zeit, doch eine Sache von Minuten ist eine Organspende nicht. Schließlich können Organfunktionen auch nach Eintreten des Hirntodes durch Geräte aufrechterhalten werden.

NZ: Die DSO sieht in dem Rückgang der Spenden auch die Kliniken in der Verantwortung, weil diese zuweilen das Gespräch scheuen würden oder gar um den Ruf ihrer Klinik fürchten.

Eckardt: In der Tat wissen wir aus Statistiken, dass nur knapp die Hälfte der Krankenhäuser mit Intensivstationen Kontakt zur DSO suchen. Das lässt vermuten, dass dort nicht immer der gesetzlichen Verpflichtung nachgekommen wird, sich an der Organspende zu beteiligen und hirntote Patienten zu melden.

NZ: Wie erklären sie sich das?

Eckardt: Wie gesagt, es ist immer eine Ausnahmesituation, die Sensibilität und Know-how verlangt. Zum anderen ist eine Organspende auch immer eine große logistische Aufgabe. Gespräche müssen geführt, die Entnahme selbst und der Transport müssen organisiert werden. Das sind keine leichten Situationen.

NZ: Was schlagen Sie vor, um an der Situation etwas zu ändern?

Eckardt: Wir würden uns erheblich leichter tun, wenn wir wie andere europäische Länder eine Widerspruchsregelung hätten, die eine Entnahme grundsätzlich ermöglicht, wenn nicht Widerspruch eingelegt worden ist. In Österreich etwa, wo durchaus ähnliche christliche Traditionen und Wertevorstellungen vorherrschen, gibt es damit keinerlei Probleme.

NZ: Gesundheitsexperten aller Fraktionen haben sich mit Gesundheitsminister Daniel Bahr darauf geeinigt, die Bereitschaft der Bürger zu einer Spende regelmäßig abzufragen.

Eckardt: Es wäre eine Alternative, um uns aus dem Dilemma zu bringen. Wir müssen die Bereitschaft erhöhen, sich damit auseinanderzusetzen. Das könnte in die richtige Richtung gehen, vorausgesetzt, es wird mit der gebotenen Ernsthaftigkeit betrieben. Ein Hochglanz-Flyer zur Organspende zwischen der Werbung im Briefkasten wird sicher nichts bringen.

NZ: Sie sind für zwei Intensivstationen verantwortlich. Müssen Sie auch noch Gespräche mit betroffenen Angehörigen führen?

Eckardt: Hin und wieder schon. Doch in der Regel setzen wir auf die professionelle Hilfe der Mitarbeiter der DSO. Dabei handelt es sich in der Regel um Ärzte, die besonders geschult sind und über die nötige Sachkompetenz verfügen, was etwa die medizinischen Aspekte, aber auch die rechtliche Lage angeht. Viel wichtiger ist aber die psychologische Gesprächsführung, die dabei helfen soll, den richtigen Weg zu finden. Denn am Ende geht es eben nicht darum, um jeden Preis Organe zu entnehmen, sondern dem Willen des Verstorbenen zu entsprechen. 

Fragen: Irini Paul


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