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Junger Mann von ICE erfasst: Mutter verklagt jetzt die Bahn

2010 geschah am Bahnhof Forchheim ein tragischer Unfall - 12.05.2012 13:00 Uhr

Am 30. Juli 2010 geschah am Forchheimer Bahnhof am Gleis 2 das Unglück. Damals erfasste ein durchfahrender  ICE den 24-jährigen Marc Güthlein. Wie und warum es zu dem Unfall kam, ist bis heute nicht vollständig geklärt.

Am 30. Juli 2010 geschah am Forchheimer Bahnhof am Gleis 2 das Unglück. Damals erfasste ein durchfahrender ICE den 24-jährigen Marc Güthlein. Wie und warum es zu dem Unfall kam, ist bis heute nicht vollständig geklärt. © Christiane Fritz


An diesem Tag starb ihr Sohn Marc am Bahnhof in Forchheim. Unfallzeit: 23.25 Uhr. Ein verspäteter Zug hatte den 24-Jährigen auf Gleis 2 erfasst. Wie und warum es zu dem Unfall kam, ist auch zwei Jahre danach nicht geklärt. Denn es gibt keine Zeugen; keine Kamera hat den Vorgang eingefangen.

„Das ist das Allerschlimmste auf der Welt, was einer Mutter passieren kann“, sagt Ursula Güthlein im Gespräch mit der NZ. Sie weiß noch heute, wie ihr Sohn in der Küche saß und gefrühstückt hat. „Kaffee hat er sich immer selber gemacht.“ Gegen sieben Uhr hat er sich verabschiedet, von ihr und dem Golden Retriever „Candy“, um mit dem Auto nach Nürnberg aufzubrechen. Der 30. Juli ist der Tag seiner letzten Prüfung. Besteht er sie, ist er Kfz-Meister.

Wochenlang hatte der 24-Jährige dafür gebüffelt. Um 19 Uhr telefoniert Ursula Güthlein das letzte Mal mit ihrem Sohn. Er klingt euphorisch. Die Prüfung sei gut gelaufen, erzählt er, und dass er mit Freunden in Nürnberg feiern wolle. Das Auto wolle er stehen lassen und mit dem Zug nach Forchheim fahren. Am Abend geht auch Ursula Güthlein aus. Mit Freunden feiert sie auf dem Annafest in Forchheim. Sie erinnert sich, an dem Tag nicht „gut drauf“ gewesen zu sein. Vielleicht, sagt sie heute, sei es eine Vorahnung gewesen. Es ist nach Mitternacht, als die Polizei an der Haustür klingelt und die Nachricht vom Tod des Sohnes überbringt.

Die ersten Monate steht Ursula Güthlein unter Schock. Noch immer nimmt sie Medikamente. Die Nacht kann sie schlecht durchschlafen. Zu ihrem Sohn, sagt sie, hatte sie ein „super Verhältnis“. „Er war mein Ein und Alles.“ Der 24-Jährige war sportlich, hilfsbereit, ein Kickboxer, der Schildkröten gezüchtet hat. Ursula Güthlein hat noch eine 30-jährige Tochter, die ihr hilft, wo es nur geht.

Nach dem Unfall nahm die Staatsanwaltschaft Bamberg die Ermittlungen auf. Nach einigen Wochen wurde das Verfahren eingestellt. Der Bahn konnte „kein strafrechtlich relevanter Vorwurf“ gemacht werden, erklärt die Staatsanwaltschaft gegenüber der NZ. Auch der Fahrtenschreiber des ICE wurde ausgewertet. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit lag „im Toleranzbereich“, heißt es. Aufgrund der Ermittlungsergebnisse geht die Staatsanwaltschaft von einem „Eigenverschulden“ des jungen Mannes aus.

Sie nimmt an, dass er sich am Ende des Bahnsteigs aufgehalten hat. Die Verletzungen an seinem Körper würden dafür sprechen, dass er sich zu nahe am Gleiskörper befand. Im Bereich der Kollision wurde darüber hinaus eine Masse gefunden, die vermutlich Erbrochenes war, erklärt die Staatsanwaltschaft. Da diese jedoch nicht untersucht wurde, steht nicht fest, ob sie vom jungen Mann stammt.

Hat Marc Güthlein die Orientierung verloren, weil er womöglich zu viel getrunken hat? Beim Telefonat um 19 Uhr hat Ursula Güthlein nicht gemerkt, „dass er irgendwas getrunken hat“. Zudem macht sie deutlich: „Mein Sohn hat nie dazu geneigt, viel zu trinken.“

Ursula Güthlein hat nun eine zivilrechtliche Klage auf Schadenersatz und Schmerzensgeld beim Landgericht Bamberg eingereicht. „Der Tod ihres Sohnes hat Frau Güthlein mitgenommen“, sagt ihr Anwalt Holger Zebisch. Insgesamt geht es um mehr als 15000 Euro. Zuvor gestellte außergerichtliche Schadenersatzansprüche habe die Bahn abgelehnt, sagt Zebisch. Auch einen Vergleichsvorschlag des Bamberger Gerichts von 5000 Euro lehnte das Unternehmen ab.

Zu dem laufenden Verfahren, sagt ein Bahnsprecher gegenüber unserer Zeitung, wolle sich die Bahn nicht äußern. Aber: Aufgrund der polizeilichen Ermittlungen, erklärt der Sprecher, geht die Bahn davon aus, dass sich der Mann zu nahe am Gleis befand. Er betont jedenfalls: „Unsere Sicherheitsvorschriften waren korrekt umgesetzt.“

Das Allgemeine Eisenbahngesetz in Deutschland schreibt dreieckige Warnschilder vor, wenn Züge mit mehr als 80 Stundenkilometern einen Bahnhof passieren. Diese Schilder gab es bereits damals, erklärt der Bahnsprecher. In Forchheim dürfen Züge den Bahnhof mit maximal 160 Stundenkilometer durchfahren. Daher ist ein weißer Streifen an der Bahnsteigkante nötig. Auch dieser war 2010 vorhanden. Durchsagen für durchfahrende Züge bis 160 Stundenkilometer waren nicht gesetzlich vorgeschrieben. „Wir bedauern sehr das tragische Unglück des jungen Mannes“, so die Bahn.

In Forchheim werden mittlerweile durchfahrende und einfahrende Züge manuell angesagt. Dies, so erklärt die Bahn, hängt mit dem neuen S-Bahn-Verkehr zusammen. Mehr Züge erforderten neue Sicherheitsvorkehrungen. Zudem wurde eine Schraffur an der Bahnsteigkante angebracht.

Ende März fand bereits die erste mündliche Verhandlung statt. Richter Thomas Förster erklärte: Die Bahn könnte ihre Verkehrssicherungspflicht dadurch verletzt haben, dass sie die Durchfahrt des Zuges vorher nicht per Lautsprecher angekündigt hat. Für den Umfang der Haftung wird es aber von Bedeutung sein, wo sich der junge Mann auf dem Bahnhof befand. Dies versucht nun ein unabhängiger Gutachter zu klären.

Ursula Güthlein betont, dass es ihr bei der Klage nicht ums Geld geht. Sie will vor allem mehr Sicherheit an den Bahnhöfen. 

Christiane Fritz

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