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Passende Unterkünfte für Asylbewerber werden knapp

Wenn nur das Zimmer mit Ausblick bleibt - 22.02. 07:00 Uhr

GERSDORF  - Im Moment hat sie eigentlich nur eine Sorge. Das Baby soll nicht in der Nacht kommen. Wenn alles schläft und sie nur auf sich gestellt wäre. Denn in diesen Tagen ist sie allein in dem kleinen Zimmer des Gasthauses "Schwarzer Adler". Die andere Frau im Zimmer hat vor ein paar Tagen ihr Baby bekommen. Die hatte Glück — es kam am Tag zur Welt. Zumindest hat sie den Zettel an der Schranktür kleben.

Die Männer aus Pakistan haben einen langen Fluchtweg hinter sich, der vorerst in dem kleinen Ort Gersdorf geendet hat. In einem Gasthaus warten sie auf eine Entscheidung. Die Hilfe beschränkt sich aufs Elementare — wenn nicht Ehrenamtliche helfen.
Die Männer aus Pakistan haben einen langen Fluchtweg hinter sich, der vorerst in dem kleinen Ort Gersdorf geendet hat. In einem Gasthaus warten sie auf eine Entscheidung. Die Hilfe beschränkt sich aufs Elementare — wenn nicht Ehrenamtliche helfen.
Foto: Irini Paul
Die Männer aus Pakistan haben einen langen Fluchtweg hinter sich, der vorerst in dem kleinen Ort Gersdorf geendet hat. In einem Gasthaus warten sie auf eine Entscheidung. Die Hilfe beschränkt sich aufs Elementare — wenn nicht Ehrenamtliche helfen.
Die Männer aus Pakistan haben einen langen Fluchtweg hinter sich, der vorerst in dem kleinen Ort Gersdorf geendet hat. In einem Gasthaus warten sie auf eine Entscheidung. Die Hilfe beschränkt sich aufs Elementare — wenn nicht Ehrenamtliche helfen.
Foto: Irini Paul

Auf den hat die nette Frau mit der Brille die Telefonnummer eines Arztes geschrieben. Den solle sie anrufen, wenn die Wehen einsetzen. Der wisse Bescheid. So hat es ihr die nette Frau erklärt — mit Händen und Füßen, mit einem Mix aus Englisch und Deutsch. Sie muss nur immer „Baby, Baby“ sagen und „Gersdorf“ — ein schwieriges Wort für die junge Vietnamesin, die kein Wort Englisch oder Deutsch spricht.

Seit ein paar Wochen lebt Hoa, die eigentlich einen anderen Namen trägt, in dem Gasthaus am Ortseingang von Gersdorf im Nürnberger Land. Hier hat sie ein Dach über dem Kopf, in dem schmalen Zimmer ein Bett. Sie bekommt dreimal am Tag etwas zu essen und hier wartet sie. Aufs Baby, auf den nächsten Termin beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge in Nürnberg, dass es weitergeht. Hier hat sie es warm, während draußen die klirrende Kälte vor den beschlagenen Fenstern hängt.



Bis vor kurzem war Hoa noch in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung (ZAE) in Zirndorf (Kreis Fürth) untergebracht. Denn alle Flüchtlinge sind verpflichtet, nach ihrer Einreise zunächst bis zu drei Monaten in einer Aufnahmeeinrichtung zu bleiben. Danach werden sie den einzelnen Regierungsbezirken zugeteilt, die sie wiederum in Gemeinschaftsunterkünften unterbringen müssen. Wo es keine oder nicht genügend Betten in Gemeinschaftsunterkünften gibt, werden Asylbwerber im Freistaat inzwischen auch in sogenannten dezentralen Unterkünften untergebracht.

So lebt auch Hoa nun mit 25 anderen Flüchtlingen in dem kleinen Gasthaus und verbringt hier ihre Zeit mit nichts. Die Flüchtlinge hier kommen aus dem Iran, aus Pakistan, aus der Ukraine und Russland. Hoa ist mit der anderen Vietnamesin im Zimmer die einzige alleinstehende Frau. Die meisten Flüchtlinge sind Männer, unter dem Dach wohnt noch eine vierköpfige Familie aus Russland.


Marianne Ermann kümmert sich seit über 25 Jahren ehrenamtlich um Flüchtlinge – nun in Gersdorf.
Marianne Ermann kümmert sich seit über 25 Jahren ehrenamtlich um Flüchtlinge – nun in Gersdorf.
Foto: Irini Paul
Marianne Ermann kümmert sich seit über 25 Jahren ehrenamtlich um Flüchtlinge – nun in Gersdorf.
Marianne Ermann kümmert sich seit über 25 Jahren ehrenamtlich um Flüchtlinge – nun in Gersdorf.
Foto: Irini Paul

„Sie sind alle froh und auch dankbar, dass sie in Deutschland sind“, sagt Marianne Ermann vom ökumenischen Verein für Flüchtlinge, Asylsuchende und Migration, die sich ehrenamtlich um die Menschen hier kümmert. Und die Flüchtlinge sind froh, wenn die zierliche Frau mit der Brille an die Tür klopft und fragt, ob alles „okay“ ist, oder wie an diesem Vormittag im Gastraum sitzt und die große Tafel mit deutschen Redewendungen beschriftet. „Alle fragen nach Deutschkursen“, erzählt Marianne Ermann. Zumindest entnehme sie das den wegen der Sprache zuweilen schwierigen Gesprächen. Doch Angebote gebe es keine.

Alltag für zahlreiche Flüchtlinge, die in Bayern gestrandet sind. Im Freistaat gibt es zwei zentrale Aufnahmeeinrichtungen, in denen die Flüchtlinge zunächst leben müssen. Doch seit Jahren nimmt die Zahl der Flüchtlinge wieder zu. Die meisten Menschen kamen dabei im Januar aus Serbien, Afghanistan, dem Irak und Iran. Allein in Bayern erhöhte sich etwa der Zugang der Asylbewerber 2010 im Vergleich zum Vorjahr um 45 Prozent. Mit dem Ergebnis, dass es eng geworden ist. Die Einrichtung in München ist überbelegt, wie das Sozialministerium in München auf NZ-Anfrage erklärt.

Während Zirndorf mit einer Belegung von aktuell 518 Personen „im Rahmen der Kapazität“ liege. Eng ist es dort dennoch schon lang. So mussten in einem Vorratsraum und einem Gebetsraum zusätzlich Betten aufgestellt werden. Schwierige Verhältnisse für Menschen, die unterschiedliche Fluchtgeschichten hinter sich haben. Strapaziös war der Weg für alle, der bei jedem andere Spuren hinterlassen hat. So beklagen auch die Ehrenamtlichen der evangelischen Kirchengemeinde St. Rochus in Zirndorf wegen der Enge immer wieder „unzumutbare Verhältnisse“ vor Ort.

Doch auch jenseits davon ist „Wohnraum“ knapp. So dass allein in Mittelfranken nach Auskunft der Regierung von Ansbach 120 Menschen in dezentralen Unterkünften untergebracht sind. Derzeit bestehen acht von ihnen: zwei im Landkreis Nürnberger Land, drei im Landkreis Roth, eine im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen und je eine in den Städten Fürth und Schwabach.

Doch das reicht nicht. „Es stehen zurzeit in Mittelfranken noch keine ausreichenden Kapazitäten an staatlichen Unterbringungsplätzen zur Verfügung. Immobilien Freistaat Bayern sucht daher nach weiteren Gebäuden, die als Gemeinschaftsunterkünfte angemietet werden können“, erklärt Günther Kiermeier, stellvertretender Pressesprecher der Regierung von Mittelfranken. Als Zwischenlösung bis zur Belegbarkeit der Gemeinschaftsunterkünfte sind insbesondere die Landkreise auf weitere Ausweichunterkünfte, wie etwa Pensionen, Wohnungen oder wie in Hoas Fall auch Gasthäuser angewiesen.


Wo es erste Hilfe gibt, wenn das Baby kommt.
Wo es erste Hilfe gibt, wenn das Baby kommt.
Foto: Irini Paul
Wo es erste Hilfe gibt, wenn das Baby kommt.
Wo es erste Hilfe gibt, wenn das Baby kommt.
Foto: Irini Paul

Gersdorf ist ein unscheinbarer Ort am Fuße des Moritzberges. Hier genießt man einen schönen Blick über die weiten Felder und unbebaute Umgebung. Es gibt eine Tankstelle und elf Straßen. Etwa 480 Menschen sind hier zu Hause, wenn man von den Flüchtlingen absieht, die hier gelandet sind. „Sie sind hier gut aufgenommen worden“, sagt Marianne Ermann, wenn sie über die Situation am Ort spricht. Kontakt gebe es zwar nicht, aber eben auch keine offenen Anfeindungen. „Da hat sich viel geändert“, sagt die 71-Jährige. Seit etwa 25 Jahren kümmert sich die inzwischen pensionierte Sozialpädagogin um Flüchtlinge. „Als damals die Menschen aus dem Irak nach Hersbruck kamen, da war das mit der Akzeptanz noch viel schwieriger.“ Heute sei manches leichter. In Gersdorf seien zum Beispiel „die Leute von der Tankstelle“ unglaublich nett.

Große Begeisterung ist über die ungebetenen Gäste im Wirtshaus dennoch nicht ausgebrochen. Böse Kommentare hatte es im Internet auf einen Artikel der örtlichen Zeitung gegeben, die über die Flüchtlinge im Gasthaus berichtet hatte. Und auch so mancher Gast tut sich schwer damit, dass im ersten Stock Menschen auf der Flucht ein Dach über dem Kopf gefunden haben. „Nicht alle Gäste sind begeistert“, sagt der junge Wirt, den hier alle nur Rudi nennen. Er und sein Kompagnon hätten hingegen keine Probleme mit den Leuten „da oben“, sagt er. Sie stellen ihnen drei Mahlzeiten am Tag auf den Tisch und jeweils ein Getränk dazu. Das Haus ist voll — dank der Flüchtlinge, die man hin und wieder auf der Straße unschlüssig herumstehen sieht.

Hier sind sie weit weg von der nächsten Beratungsstelle, dem nächsten Supermarkt und so wie Hoa vom nächsten Frauenarzt. „In der Stadt wäre es viel leichter für die Menschen, sich auch selbst zu helfen“, sagt Marianne Ermann. So aber hält zwar der Bus gleich hinter dem Gasthaus, doch um weiterzukommen, müsste man umsteigen. Schwierig, für jemanden, der kein Deutsch spricht, der fremd in diesem Land ist.

„Alles Rechtliche ist geklärt, mehr aber auch nicht“, sagt sie. Auch Hoa hat längst Babykleidung von der Caritas in Lauf bekommen. „Das ist nicht das Problem“, sagt sie. „Diese Menschen brauchen auch jemand, der sie begleitet und sie unterstützt.“ Doch da sei kaum einer.

Auch sie hatte sich eigentlich längst aus dieser Arbeit zurückziehen wollen. „Doch wie soll ich das, wenn kaum einer da ist?“, fragt sie. Also kommt sie beinahe täglich in dem Gasthaus vorbei und sieht nach, was fehlt, wie sie helfen kann. Sie organisiert Fahrdienste, begleitet Flüchtlinge zum Sozialamt oder geht mit Hoa zum Frauenarzt. „Wir bräuchten dringend einen Pool an qualifizierten Helfern, die diese Aufgaben übernehmen können“, sagt sie.

„Wir können das schon aus personellen Gründen nicht leisten, sondern sind auf die Ehrenamtlichen angewiesen“, sagt der Pressesprecher des Landratsamtes im Nürnberger Land, Rolf List. Er wisse um die Nöte. Deshalb hoffe er auch auf die Mitwirkung der Wohlfahrtsverbände und Kirchen. Davon abgesehen könne man gar nicht entscheiden, wie viele Flüchtlinge man aufnehme.

Die Regierungen müssen diejenigen nach festen Quoten auf die Landkreise und Städte aufteilen, die der Freistaat nach einem bestimmten Verteilungsschlüssel vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zugewiesen bekommt. Neben zusätzlichen Plätzen in Gemeinschaftsunterkünften setzt man im Sozialministerium unterdessen auch auf den bayerischen Asylkompromiss, den der Bayerische Landtag im Sommer 2010 beschlossen hatte. Dieser sieht auch den Auszug aus der Gemeinschaftsunterkunft für bestimmte Personengruppen vor.

Das System steckt im Dilemma

Das System steckt im Dilemma. Das Sozialministerium setzt auf Gemeinschaftsunterkünfte. Dort ist die Logistik für die Versorgung freilich erheblich leichter, zum anderen sind dort die Chancen größer, dass die Menschen schnell an Hilfe kommen, die über das tägliche Brot hinausgehen. Doch große Unterkünfte sind umstritten — nicht nur bei so manchem Stadt- und Gemeindeoberhaupt, der um den sozialen Frieden seines Ortes fürchtet. Auch die Zustände in großen Einrichtungen, die der bayerische Flüchtlingsrat stets als „Flüchtlingslager“ bezeichnet, sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Zuletzt, als sich vor wenigen Wochen ein junger Iraner in einer Würzburger Gemeinschaftsunterkunft das Leben genommen hatte. Zwar hatte ihm bereits ein Arzt in der Zirndorfer ZAE im Sommer 2011 aufgrund seiner Leidensgeschichte gesundheitliche und psychische Belastungen bescheinigt, doch hatte dieses Attest nicht genügt, ihm den Umzug zur Schwester zu erlauben.

Doch unabhängig von der Unterbringung: Die Situation sei für alle eine Zumutung, sagt Marianne Ermann. „Bei diesen Menschen bündelt sich einfach alles.“ Psychische Probleme, Krankheit und fehlende Sprachkenntnisse. „Die Leute sind am Ende und brauchen mehr als nur ein Dach über dem Kopf.“ Auch Hoa hofft auf Hilfe. Auch wenn sie gar nicht weiß, ob sie mit ihrem Baby überhaupt in Deutschland bleiben darf. 



Irina Paul

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