19°C

Donnerstag, 24.07. - 10:25 Uhr

|

Pilgern, oder: die Reise zu sich selbst

Gößweinstein hat jetzt ein neues Wallfahrtsmuseum - 12.09.2008

Museumsleiterin Regina Urban am Gedenkschild für den früheren Gößweinsteiner Pfarrer Johann Eberhard Dippold, der den Bau der Basilika erwirkte.

Museumsleiterin Regina Urban am Gedenkschild für den früheren Gößweinsteiner Pfarrer Johann Eberhard Dippold, der den Bau der Basilika erwirkte. © Kirch


Während die Zugkraft der Kirchen schwindet, wächst das Interesse am Wallfahren. Pilgern, eine Bewegung gegen das Unbehagen an der Zeit?

Seit Jahren verzeichnet auch Gößweinstein am äußersten Rand des Landkreises Forchheim, mitten in der Fränkischen Schweiz gelegen, zunehmende Zahlen. Was dabei am meisten überrascht: Die Wallfahrer werden immer jünger. Und gerade die jüngeren Pilgerinnen und Pilger werden sich im neuen Wallfahrtsmuseum im Schatten der berühmten Balthasar-Neumann-Basilika wiederfinden. Es erhält heute seinen Segen vom Bamberger Erzbischof Ludwig Schick.

Wachsfiguren in halbblinden Vitrinen, angestaubte Votivbilder, bröckelnder Putz - was sich einst Wallfahrtsmuseum nannte, glich eher einem Panoptikum. Heute werden die Besucher hingegen «museumsdidaktisch« auf den Weg geschickt. Zusammen mit dem Nürnberger Innenarchitekten Stefan Hering hat Museumsleiterin Regina Urban im ehemaligen Mesner- und Schulhaus ein Konzept entwickelt, das auf drei Stockwerken den Besuchern erklärt, warum es seit jeher Menschen zu heiligen Orten zieht.

Durch den Basilika-Laden kommend werden die Museumsbesucher durch einen schmalen Gang geführt, der die Passage, die Seelenreise, symbolisiert. Pilgern ist ein multireligiöses Phänomen. Sunniten wallfahren nach Mekka, Schiiten nach Kerbela; der Ganges, der Fujiama, Santiago de Compostela und der Ayers Rock in Australien sind heilige Orte. Religionssoziologen sehen sogar in den samstäglichen Prozessionen zu den Fußballstadien säkularisierte Wallfahrten.

Glaube in

Wachs gegossen

Der größte Ausstellungsraum im Erdgeschoss ist den berühmten Gößweinsteiner Wachs-Votivfiguren gewidmet. In der Zeit Mitte 19. bis Mitte 20. Jahrhundert waren diese lebensgroßen, bekleideten Wachspuppen eine Eigenart fränkischer Frömmigkeit. In Gößweinstein ist mit über hundert Exemplaren der größte Bestand dieser Figuren erhalten geblieben. Mehr als 20 wurden restauriert und werden in ihren originalen Vitrinen gezeigt. Besonders eindrucksvoll ist die Figur einer jungen Frau mit Tracht und fränkischer Brautkrone; sie wurde von Verwandten nach deren Tod gestiftet - warum? Genau ist das nicht mehr nachzuvollziehen.

Auf jeden Fall, so erläutert Museumsleiterin Regina Urban, haben die Menschen aus Dankbarkeit für die Rettung in aussichtslosen Lagen oder aber als Bittopfer ihre Votivgaben gestiftet. Das Untergeschoss des Wallfahrtsmuseums, ein stilvoller Gewölbekeller, bleibt temporären Ausstellungen vorbehalten. Zur Zeit sind Werke der in Bamberg und Eichstätt arbeitenden Künstlerin Ariana Kessler zu sehen. Das Wallfahrtsmuseum wurde mit Hilfe von EU-Mitteln aus dem sogenannten Leader-Programm gefördert. Der «Trägerverein Wallfahrtsmuseum Gößweinstein e.V.« freut sich über jedes weitere Mitglied; Jahresbeitrag: 25 Euro. 

von Raimund Kirch

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Name:

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.