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Dabei hätte es Hecking eigentlich wissen müssen, schließlich war er beim letzten Club-Torfestival in gleicher Größenordnung live dabei: Am 22. Oktober 1993 überrannte der fränkische Altmeister den VfB Leipzig ebenfalls mit 5:0. Einer der Verlierer im Team der Sachsen war der damals 29-jährige Stürmer Hecking.
Christian Eigler kann sich an jene Partie der Generation Köpke, Eckstein, Zarate vor fast 18 Jahren bestimmt auch nicht erinnern. Da war der „Mann des Tages“ vom Samstagnachmittag, der St.Pauli mit seinen vier Treffern (14., 17., 86., 87.) uralt aussehen ließ, gerade mal neun Jahre jung. Er gab den Hanseaten in dieser einseitigen Partie nahezu im Alleingang den Rest, nachdem Abwehrtalent Philipp Wollscheid in der dritten Minute mit seinem ersten Bundesliga-Tor für einen Blitzstart gesorgt hatte.
In grandioser Manier sprang Eigler für den verletzten Torjäger Julian Schieber in die Bresche – ein weiterer Beleg dafür, dass den 1.FCN in dieser Saison rein gar nichts aus der Bahn werfen kann. Serienweise werden die Ausfälle von Stammspielern problemlos kompensiert.
Die zweitbeste Mannschaft der Rückrunde ist nicht aufzuhalten. Nach einer Serie von sieben Spielen ohne Niederlage – fünf davon hat sie gewonnen – rückt ein Comeback auf der internationalen Fußballbühne in Reichweite. Die Fans träumen längst davon. Nach der 5:0-Torflut intonierten sie immer wieder das Lied vom „Europapokaaal!“, während die Spieler vor der Nordkurve ausgelassen ihre Freudentänzchen zelebrierten.
„So eine Phase, in der praktisch alles gelingt, nimmt man als Trainer natürlich gerne mit“, bekannte Hecking – wohlwissend, dass auch wieder andere Zeiten kommen werden. Die permanenten Erfolge erfüllen die sportliche Leitung des Traditionsklubs mit Stolz, werfen aber auch die Frage nach neuen Zielen auf. Den Klassenerhalt hat man längst als gesichert abgehakt; zu den angepeilten 22 Rückrundenpunkten analog zur Hinserie fehlen nur noch fünf. Ein einstelliger Tabellenplatz wie im Moment wäre in der Endabrechnung eine feine Sache – aber darf es nicht auch ein bisschen mehr sein?
Offiziell wollen weder der Trainer noch Sportdirektor Martin Bader oder die Spieler das „E-Wort“ in den Mund nehmen. „Sonst sind am Ende dieser großartigen Saison einige sogar enttäuscht, wenn wir nur Achter werden“, sinniert Hecking über das neue Anspruchsdenken im Umfeld. Dagegen wehren wird sich beim Club freilich auch keiner, sollte er weiter auf Erfolgskurs bleiben und sogar dem kriselnden Rivalen FC Bayern auf die Pelle rücken. In dieser verrückten Saison scheint ja nichts unmöglich zu sein.
Die restlos überforderten und spätestens nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Innenverteidiger Carlos Zambrano (6.) in der Abwehr vogelwilden St.Paulianer taugten am Samstag nur als Sparringspartner für den Club, der vor Spielfreude und Selbstvertrauen nur so strotzte und von Beginn an mächtig aufs Tempo drückte. Schon vor dem 1:0 hätte Mehmet Ekici per Direktschuss nach Flanke von Javier Pinola treffen können, doch Hamburgs Torwart Thomas Kessler parierte den Ball zur Ecke. Die legte Ekici dann mustergültig auf für den aufgerückten Wollscheid, der sich geschickt von seinem Gegenspieler gelöst hatte und den Ball aus wenigen Metern über die Linie drückte.
Frei nach dem Motto „jeder Schuss ein Treffer“ legte Eigler per Doppelschlag nach. Zunächst traf er mit links aus zwölf Metern nach Vorarbeit von Robert Mak, der mehrere Gegenspieler auf sich gezogen hatte und den Schützen mustergültig bediente. Und drei Minuten später mit dem rechten Fuß per Direktabnahme aus nächster Nähe nach dynamischer Vorarbeit von Ekici. Drei Club-Tore in der ersten Viertelstunde – das hatte es zuletzt vor 43 (!) Jahren gegeben.
Die Nürnberger schalteten danach einen Gang zurück, hatten den harmlosen Gast, der die dritte Zu-Null-Niederlage in Folge kassierte, aber jederzeit fest im Griff. Nach dem Wechsel agierte Heckings Elf wieder zielstrebiger und ließ zunächst ein paar gute Chancen ungenutzt, ehe Eigler in der Schlussphase mit seinen Saisontoren Nummer fünf und sechs die 45109 Zuschauer endgültig in närrische Faschingslaune versetzte. Vor dem 4:0, einem Linksschuss aus 15 Metern, legte ihm der kurz zuvor eingewechselte Bundesliga-Debütant Nassim Ben Khalifa den Ball auf, nachdem der ebenfalls frisch gekommene Marek Mintal nach Flanke von Timothy Chandler den Ball verstolpert hatte. Beim fünften Tor machte das „Phantom“ den Fehler wieder gut und spielte den finalen Pass auf Eigler, der die Kugel dann aus acht Metern an Kessler vorbei ins lange Eck schob – diesmal wieder mit rechts.
Dass Ilkay Gündogan nach einer guten Stunde sein Comeback nach siebenwöchiger Verletzungspause feierte und dabei durchaus gute Ansätze erkennen ließ, verkam an diesem denkwürdigen Nachmittag fast zur Randnotiz. An dieses Detail wird sich in 18 Jahren kaum jemand erinnern...
Nürnberg: Schäfer – Chandler, Wollscheid, Wolf, Pinola – Simons – Ekici, Hegeler (64. Gündogan), Cohen (78. Mintal), Mak (82. Ben Khalifa) – Eigler / St. Pauli: Kessler – Thorandt, Zambrano (6. Eger), Gunesch, Kalla – Boll (61. Naki), Daube – Kruse, Lehmann, Bartels (61. Takyi) – Ebbers / SR: Wingenbach (Diez) / Tore: 1:0 Wollscheid (3.), 2:0, 3:0, 4:0, 5:0 Eigler (14., 17., 86., 87.) / Zuschauer: 45109 / Gelbe Karten: Wolf (5/2) – Kalla, Kruse (2), Lehmann (5).

Do. 24.05.12
Do. 24.05.12
Mi. 23.05.12
Di. 22.05.12
Di. 22.05.12