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Ein paar tausend Kilometer weiter im Herzen Frankens ist das im übertragenen Sinn ganz genauso. Inzwischen wird nahezu jeder Schritt von Kameras begleitet, alles wird hinterfragt, kaum etwas bleibt unkommentiert, die Sportler sind gläsern geworden. In die Kabine aber darf sich allenfalls nach rauschenden Pokaltriumphen mal eine Kamera verirren. Ein solcher Einblick, wie ihn die NZ am Sonntag bei den Hockeyspielerinnen der HG Nürnberg bekam, hat dagegen Seltenheitswert.
Treffpunkt zwölf Uhr mittags, die Mädels der Hockeygesellschaft sehen müde aus. Kein Wunder, die Nacht war kurz und die Gläser immer halbvoll. In den letzten Wochen haben sie ordentlich Gas gegeben, haben sich in der Halle aus einem Tief herausgespielt, in dem sie noch in der Feldsaison steckten, haben „große Spielfreude entwickelt“, wie ihr Trainer, Sepp Müller, später anerkennend sagen soll. Wer so viel arbeitet, sich in jedem Training schindet, immer einen Schritt mehr läuft als die Konkurrenz, darf auch dann mal völlig losgelöst feiern, wenn das Ziel erreicht ist. Am Samstagabend war das der Fall, Frankenthal hatten sie gerade 6:3 besiegt, fast locker im Vorbeigehen – keinesfalls arrogant, aber eben so souverän, wie es nur eine Mannschaft vermag, die sich ihrer Stärke bewusst ist und sie jederzeit abrufen kann.
Einige gähnen, versuchen, sich die Müdigkeit aus den Augen zu reiben, fragen sich, wo ihr Trikot geblieben ist. Andere sind schon wacher, lassen ein paar Szenen der letzten Nacht Revue passieren, stellen Vermutungen an, wo die ein oder andere geblieben und mit wem sie dann heimgefahren ist. Da unterscheiden sich Männer und Frauen also kaum, es wird getratscht, nur ist das bei den Mädels womöglich eine Spur weniger direkt als in einer Männerkabine. Die Atmosphäre ist locker. Klar, das große Ziel, den Wiederaufstieg in die Bundesliga, haben sie erreicht. Sie versichern aber, sonst gehe es bei ihnen genauso zu.
Sepp Müller hört sich das kurz an. Sein Blick schweift durch die Runde, verständnisvoll, beinahe väterlich. Mit „seinen Mädels“, wie er die Mannschaft nur nennt, hat er schon viel erlebt, hat bittere Tränen gesehen, aber noch häufiger von frenetischen Feiern gehört. Er kennt sie, weiß genau, wie sie ticken. Ein paar Worte zu gestern Abend, dann wird er ernst. „Man darf keinen Gegner verarschen. 58 von 60 Minuten Gelächter, das dürft ihr nicht bringen“, schärft er der Mannschaft ein. Die Mädels blicken betreten zu Boden, es ist ganz still. Fast so, als spräche der Pfarrer am Sonntagmorgen auf seine versammelte Schar von kleinen Sünderlein ein.
„Wer feiern kann, kann auch spielen“, sagt Torfrau Maja Kolonic später bestimmt. Ihre belegte Stimme soll von Halsschmerzen herrühren. Bei allem Spaß, den sie an ihrem Sport auch dank einer beeindruckenden Siegesserie in der Hallenrunde wiederentdeckt haben, wissen die Spielerinnen doch genau, um was es geht. Sepp Müllers Leidenschaft für Hockey ist in jedem seiner Sätze spürbar, viele Details werden noch besprochen, die Taktiktafel hat er kurzerhand auf den Abfalleimer gesetzt. Das nimmt sein Team ohne Augenaufschlag hin – was der langjährige Co-Trainer der Nationalmannschaft sagt, hat Gewicht.
„Welcher Typ kann nach einer Aufstiegsfeier in so einem Spiel noch etwas bewegen“, stellt Müller eine an sich rhetorische Frage, deren psychologische Komponente umso wichtiger ist. Im Hinterkopf hat der Trainer bereits die Feldsaison, in der die HGN im Tabellenkeller der zweiten Liga herumdümpelt. „Da brauchen wir genau solche Typen, um da unten rauszukommen“, schiebt er noch in seinem typischen Bass-Brummton nach. Seine Mädels haben den Wink verstanden, sie nicken kurz, die Konzentrationsphase hat längst begonnen. 60 Minuten später haben sie einen überforderten Gegner aus Kreuznach mit 6:0 überfahren. Dieser Tag ist geschafft. Die Tür schließt sich wieder. Was jetzt drin ist, bleibt auch da.
Do. 24.05.12
Mi. 23.05.12
Mi. 23.05.12
Di. 22.05.12