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Was ist schöner? Ein gesichtsloser Alu-Trolley oder ein alter Lederkoffer, der unübersehbar die Zeichen allmählicher Abnutzung trägt? An dem sich die Sandkörner der Sahara gerieben haben? Den die Sonne der Tropen gebleicht hat oder die Gischt langer Schiffspassagen? Die Mehrheit würde wohl für das antike Objekt plädieren.
Reist die Mehrheit deshalb auch heute noch mit dem schweren und unhandlichen Gepäckstück? Ach woher! Sie unternimmt ihre Trips um den Globus mit den superleichten Alu-Teilen, die sich auf 360 Grad drehbaren Leichtlaufrollen geräuscharm hinter sich herziehen lassen. Ein platz- und gewichtsparender E-Reader, also ein Gerät, auf dem sich elektronische Bücher lesen lassen, findet sich in deren Innerem aber immer noch recht selten. Warum eigentlich?
Wer in kultur-affinen Kreisen fröhlich verkündet, er sei nun Besitzer eines digitalen Lesegeräts und sehr glücklich damit, erntet Reaktionen als sympathisiere er mit dem Kannibalen von Rotenburg. Die Anzeichen ungläubigen Staunens weichen rasch denen von Unverständnis und prophylaktischer Ablehnung. Sich das Gerät schnell einmal zeigen lassen?
Bitte nicht! Zwar haben die meisten noch nie eines in der Hand gehabt, aber man ist (selbst als Besitzer eines Alukoffers) vorsichtshalber erst mal dagegen. Schließlich handelt es sich bei Büchern, anders als beim Reisegepäck, um ein Kulturgut. Es geht also mal wieder um den Untergang des guten, alten Abendlandes.
Besonders Frauen, also die Mehrzahl der Leserschaft, verlassen gerne demonstrativ den Frühstückstisch, wenn es sich der Lebenspartner dort mit einem E-Reader bequem gemacht hat – so verächtlich, wie nur Frauen es können. Der Hinweis, man sähe in der Wohnung vor lauter Bücherregalen längst die Wände nicht mehr und krache aufgrund des damit verbundenen Gewichts bald in den Keller – Joachim Ringelnatz hat darüber eine hübsche Erzählung geschrieben –, verpufft wirkungslos.
Genau fünf Jahre ist es her, dass Amazon seinen E-Reader namens Kindle vorstellte. Mittlerweile gibt es eine Anzahl weiterer Anbieter wie Sony oder Kobo; auch in Deutschland. Aber immer noch liegt die Prozentzahl von E-Books auf dem Büchermarkt der USA um ein Vielfaches höher als hierzulande, Tendenz steigend. Obwohl man, gängigen Vorurteilen zufolge, in Amerika nicht liest, sondern zu McDonalds geht.
Auch in Deutschland steigt der Verkauf von elektronischen Büchern rapide an, fällt aber immer noch kaum ins Gewicht. Wie unlängst die Süddeutsche Zeitung bilanzierte, lag der Anteil am Buchmarkt 2010 bei 0,5 (!) Prozent, was rund zwei Millionen verkauften digitalen Büchern entspricht. Immerhin: Innerhalb des Jahres 2011 verdoppelte sich der Anteil.
Im Vergleich mit den USA sind das aber immer noch Peanuts: Auf dem dortigen Buchmarkt machten die elektronischen Bücher 2011 bereits fast 17 Prozent aus, bei der Belletristik sogar 30 Prozent; die Prognosen für 2012 sagen noch höhere Zahlen voraus.
Bis vor einiger Zeit war die Anschaffung eines E-Readers hierzulande tatsächlich unattraktiv, da kaum eine literarische Neuerscheinung von den Verlagen auch in digitaler Form angeboten wurde. Mittlerweile wird zeitgleich mit der Papierversion nahezu immer auch die elektronische zum Herunterladen bereitgestellt, in der Regel für ein bis zwei Euro günstiger.
Der Verleger Helge Malchow (Kiepenheuer & Witsch) fürchtet angesichts dieser Entwicklung nicht mehr die kulturelle Apokalypse, sondern konstatierte vergangene Woche in der „Zeit“ ganz nüchtern das Ende der Gutenberg-Ära. Statt zu lamentieren, fordert der 62-Jährige die Verlage auf, sich – anders als die Musikbranche – den Veränderungen rechtzeitig zu stellen, also jetzt; nur so könnten sie ihr Überleben sichern (siehe auch untenstehenden Text).
Zusammengefasst waren die Äußerungen unter dem Titel „Wie wollen wir lesen?“. Müsste die dringlichere Frage nicht lauten „Was wollen wir lesen?“ oder sogar „Wollen wir lesen?“ Wird Nabokovs „Lolita“ etwa im Freibad nachvollziehbarer als im Hundeschlitten? Liest sich Jane Austen im Kerzenlicht anders als im LED-Schein? Und damit in weiterer Konsequenz der neue Walser/Grass/Handke eben anders auf Papier als digital?
Die E-Book-Skepsis hierzulande wirft ein merkwürdiges Licht auf das deutsche Verständnis von Lese-Kultur. Denn eines ist gewiss: Die elektronische Version eines Buches unterscheidet sich um keinen Buchstaben von der herkömmlichen Ausgabe. Früher einmal war dem deutschen Bildungsbürger das Kino suspekt, jetzt sind es Computer & Co. Dabei muss man gar kein IT-Freak sein, der nur im bläulichen Schimmer digitaler Oberflächen zum Leben erwacht, um zu erkennen, dass die E-Book-Option ein echter Fortschritt ist – gesunder Pragmatismus reicht völlig aus.
Vorbei ist nun etwa die Zeit, als sich Paare in 99 Prozent aller Ferienhotels ratlos anstarrten, weil sich im trüben Funzellicht des Zimmers zwar manches machen ließ (was war das bloß nochmal?), aber das Wichtigste nicht: lesen. Zumindest nicht das Lesen von Buchstabenminiaturen eines herkömmlichen Buchs. Dass sich die Schriftgröße bei E-Books ganz individuellen Bedürfnissen anpassen lässt, müsste doch zumindest jeder Leser als Quantensprung empfinden, dem sein Augenlicht lieb ist – nicht zuletzt, weil das seine Chance auf problemlose Lektüre auch in fortgeschrittenem Alter erlaubt.
Auch die anderen Vorteile des elektronischen Buchs liegen auf der Hand: E-Reader sind unglaublich leicht und klein. Je nach Hersteller bringen die Geräte zwischen 150 und 200 Gramm auf die Waage. Das ist weniger als ein durchschnittliches Taschenbuch. Ein E-Reader aber entspricht nicht einem Buch, sondern macht das Speichern von bis zu 2000 Büchern möglich. Erweist sich der Urlaubsschmöker als Flop, kann man theoretisch also auf 1999 Alternativen zurückgreifen.
Freilich nimmt man dafür gravierende Nachteile in Kauf: So erinnern 20 Jahre nach dem Italienurlaub keine Rotweinflecken auf Seite 213 mehr an jenen ungestümen Riccardo, dem man sie verdankt. Ein enormer Verlust, zweifelsohne, doch sei die Bemerkung erlaubt, dass es nicht übermäßig für Riccardo spricht, wenn von ihm sonst nichts geblieben ist.
Und was wird aus dem Flirt im Zugabteil? „Hol noch mal aus dem Koffer den Hemingway raus“, sang einst Klaus Lage. Die Aufforderung „Hol noch mal den E-Reader raus“ ist weitaus riskanter, lässt sich die Lektüre in diesem Fall doch nicht an Titelblatt oder Buchrücken identifizieren – am Ende liest das Gegenüber Triviales wie Stephen King!
Was tatsächlich gegen E-Reader sprechen könnte, wäre eine schlechte, weil durch Flimmern oder sonst irgendwas erschwerte Lesequalität. Das Gegenteil ist der Fall. Die E-Ink genannte digitale Tinte sorgt auf dem hellen Hintergrund für starke Kontraste und enorme Schärfe. Anders als bei PCs, Laptops oder Tablets, die mit LCD-Oberflächen ausgestattet sind, treten keine Ermüdungserscheinungen der Augen auf.
Zum Thema „To (b)E or not to (b)E” hier noch eine Anekdote. Ihr zufolge soll eine passionierte deutsche Leserin einem französischen Freund via E-Mail von ihrem neuen E-Book vorgeschwärmt haben. Endlich einmal, so hoffte sie, würde sie ihm mit einer neuen Technik voraus sein; ihm, der von Swatch-Uhren über Skischuhe mit Heck-Einstieg bis zum Walkman immer alles als Erster hatte. Doch statt anerkennender Worte bekam sie den Link zu einem blöden Youtube-Video, auf dem eine angeblich tolle neue Erfindung angepriesen wird: Sie brauche weder Strom noch Batterien, sei sehr übersichtlich und einfach zu handhaben. Ihr Name: Book. Wie witzig!
Aber immerhin zeigt diese Geschichte, dass es auch außerhalb Deutschlands Ignoranten gibt.
