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Diane Broeckhovens Inzestdrama

Unter dem Kreuz des Vaters - 04.01.2013 08:00 Uhr

Nürnberg  - Im Prolog kommt er vor, später nicht mehr, der Bahnhofsvorsteher Theo Jesper, der an einem Karfreitag seinen letzten Arbeitstag hat. 35 Jahre lang waren das Stellwerk und der heruntergekommene Bahnhof sein eigentliches Zuhause. Hätte er Talent zum Schreiben, würde er so manches Erlebnis zum Besten geben. Die Frau – sie sieht wie eine Künstlerin aus –, die fast täglich auf einem der Stahlstühle vor dem Bahnhofsgebäude sitzt, steigt weder in einen der haltenden Züge ein, noch holt sie jemanden ab. Für sie ist es ein Ort der Erinnerungen.

In "Buch & Zeit" geben unsere Redakteure Lesetipps.
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Foto: Olivia Barth-Jurca
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Foto: Olivia Barth-Jurca

Die Frau ist die Ich-Erzählerin, die Hauptperson des Romans. „Kreuzweg“ ist sein Titel. Er ist in fünfzehn Stationen eingeteilt. Das erinnert an den Leidensweg vom Palast des Pilatus nach Golgotha, der Jesus auferlegt war – obwohl weder von Jesus noch von Religion im Roman die Rede ist. Aber um Barmherzigkeit, Mitleid, Schuld, Ohnmacht, Sehnsucht und Vergebung geht es.

Diane Broeckhovens sparsame, präzise, fast nüchterne Sprache ist wie ein Sog. Sie beschreibt ihre Protagonisten nicht nur, sie werden lebendig. Es ist, als ob sie sich im gleichen Raum wie der Leser befinden, sein Gegenüber sind.

Die Ich-Erzählerin wächst behütet auf. Der Vater, Schulrektor und Hobbymaler, die Mutter, warmherzig und musikalisch. Beide sind stolz auf ihre Tochter und deren Ziel, in Paris an der Sorbonne zu studieren.


Mit Zähigkeit und Überzeugungskraft setzt sie es durch, in einem von Nonnen geleiteten französischen Internat die letzten beiden Jahre der Oberstufe zu verbringen, fast 200 Kilometer entfernt von Zuhause.

Wie nebenbei, ohne dass es benannt wird, spielt sich zwischen Vater und Tochter ein Drama ab: das Drama des Missbrauchs. Man spürt das Bedrohliche. Es ist wie Nebel, der sich über die Worte legt.

Ehe sich die Tochter der Mutter offenbaren kann, verunglückt diese tödlich. Die Ich-Erzählerin kehrt nach Hause zum Vater, und auch in die alte Schule, zurück. Ihr Geheimnis überschattet das Leben der Heranwachsenden. Der Kreuzweg wird immer steiniger. Mit 17 verlässt sie ihren Vater, ihre Heimat. Wird in Paris eine bekannte Malerin.

Kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag kehrt sie für eine Zeit lang zurück, den vereinsamten, alten Vater zu pflegen. Ausgelöscht ist das mit ihm damals Erlebte nicht. „Noch heute, so viele Jahre später, finde ich keine Worte für diesen Ausbruch alles Bösen, für diese Katastrophe“ schreibt sie in das wiedergefundene Tagebuch. Doch sie hat auch Mitleid. „Vielleicht braucht er mich ja.“

Diane Broeckhoven, 1946 geboren, lebt in Antwerpen. Sie hat Kinder- und Jugendbücher geschrieben und etliche Romane für Erwachsene veröffentlicht. „Ein Tag mit Herrn Jules“ wurde zum Bestseller. „Kreuzweg“, nur 124 Seiten lang, ist ein gewaltiger erschütternder Roman. Einer, der nach dem Lesen noch lange nicht beendet ist. Einer, der im Kopf noch weiter lebt.

Diane Broeckhoven: Kreuzweg. Roman aus dem Niederländischen von Isabel Hessel. C. H. Beck Verlag, 124 Seiten, 14,95 Euro.


  

Inge Obermayer


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