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NZ: Herr Professor, herzlichen Glückwunsch! Mit Ihrem Studienprojekt waren Sie erst monatelang in den Medien. Jetzt haben Bund und Land dem von Ihnen ermittelten Wunsch entsprochen, die alten Kennzeichen dürfen wieder verwendet werden. Der Dozent einer kleinen Hochschule macht Bundespolitik – wie ging das denn?
Ralf Bochert: Wir wussten ja zunächst auch nicht, dass das Thema auf eine solche Resonanz stößt. Aber nachdem wir in 200 Städten über 50000 Personen befragt hatten, war der Trend sehr eindeutig: Auch nach oft über 40 Jahren werden die alten Kennzeichen vermisst, die zugleich Kürzel und Label der jeweiligen Städte waren.
NZ: Nicht nur der Bürgermeister von Hersbruck hat ihre Initiative zunächst belächelt. Wie in anderen Landkreisen nach der Gebietsreform war man ja froh, dass das Denken in den alten kleinen Strukturen langsam zugunsten des großen neuen Landkreises Nürnberger Land aufgegeben wird.
Bochert: Deshalb finde ich es auch in Ordnung, dass in Bayern die Landkreise entscheiden, welche alten Kennzeichen wieder zugelassen werden. Wo das HEB oder HIP einfach im Bewusstsein immer noch da ist, wird man es wieder anbieten. Wo eine neue Identität entstanden ist, wird man es bleiben lassen. Es kann der einzelne Autobesitzer sowieso selbst entscheiden, ob er das alte Kennzeichen wieder haben will, wenn der Landkreis es ermöglicht.
NZ: Gibt es für einen Tourismus-Lehrstuhl keine anderen Probleme? Wie kamen Sie überhaupt auf das Thema?
Bochert: Es läuft in der Tourismuswirtschaft eine intensive Diskussion darüber, welche Namen für Städte oder Regionen markenfähig sind. Schwierig sind Kunstbegriffe, die kein Mensch annimmt. Vor einiger Zeit erfand man im Bayerischen Wald das „Arberland“, das hat nicht funktioniert.
NZ: Die Frankenalb für die Hersbrucker Schweiz plus Schwarzachtal hat sich auch nie durchgesetzt.
Bochert: Und so kamen wir eben auf versteckte Markennamen, die mitunter eine mehr als 1000-jährige Geschichte haben, wie Rothenburg oder Hersbruck. Deren Symbole, nämlich das Autokennzeichen, gab es nur noch auf dem alten Trecker. Das wirkte dann altmodisch, so: Wir waren mal wichtig, aber das ist lange her. Wenn aber jeder mit seinem modernen Auto diese Marke wieder propagiert, ist das was anderes.
NZ: Überraschend ist die hohe Zustimmung zum alten Kennzeichen bei der Jugend, vor allem in Bayern. 80 Prozent der bis 30-Jährigen waren dafür, bei den über 60-Jährigen waren es nur 63 Prozent. Wie das?
Bochert: Dieser Trend der Jungen war am stärksten in den wohlhabenden Bundesländern des Südens ausgeprägt. Hier ist die Chance am größten, auf Dauer in der Heimat zu bleiben, gute Arbeit zu finden. Für die Jugend ist es attraktiver, sich auf etwas (für sie) Neues einzulassen. Das Nummernschild am Auto ist zudem ein schönes Symbol der eigenen Individualität.
NZ: Zurück zur Heimat! Die Gegenbewegung zur Globalisierung?
Bochert: Das wird eindeutig der nächste Megatrend. Dem „schnell, weit, weg“ folgt das Slow Food, das Bewahren der Familie, die Liebe zum eigenen Umfeld. Kleinstädte mit 5000 bis 20 000 Einwohnern bilden diese Sehnsucht gut ab: Hier kenne ich noch viele Ortsansässige persönlich, kann ich mich einbringen. Die Kreisstadt zehn Kilometer weiter ist da schon weit weg.
NZ: Mit Ihren wenigen Studenten haben Sie Bundes- und Landespolitiker auf Trab gebracht. Welches Thema kommt als nächstes aus Heilbronn?
Bochert: Also, die Medien haben von einer Kampagne gesprochen. Das ist falsch. Wir haben ein Thema entdeckt, das offensichtlich auf das Interesse der Bevölkerung stieß. Und die Politik hat reagiert, zumal ja für den Staat keine Kosten damit verbunden sind. Für unsere Studenten war es eine wertvolle praktische Erfahrung. Die Uni hat auch die Exkursionen selbst finanziert, manchmal haben uns die Bürgermeister die Übernachtung spendiert. Was als nächstes kommt, weiß ich nicht.
NZ: Spezialfall Kennzeichen N: Das stand die letzten 40 Jahre für den Nürnberger Großstädter, jetzt will es das Nürnberger Land auch für seinen Landkreis-Süden zurückhaben. Über das Bäuerle aus LAU (Nürnberger Land), das am Plärrer seine Spur nicht findet, konnte man sich so schön aufregen. Das wäre dann vorbei.
Bochert: Das ist tatsächlich ein Sonderproblem. Der gleich gelagerte Präzedenzfall ist Stralsund. Da entscheidet in den nächsten Wochen das Bundesverkehrsministerium, ob auch der Stralsund umgebende Landkreis Vorpommern-Rügen das Stralsunder Kennzeichen HST als Wunschkennzeichen anbieten darf. Analog wird dann wohl über die Freigabe des N auch für den Landkreis entschieden.
