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Boden für mehr Zeitarbeit bereitet

Zukunftsforscher Horx: Frei, flexibel und gefordert - 29.07.2012 07:00 Uhr

Arbeitsinseln, wie auf dem ehemaligen AEG-Gelände, wird es künftig in immer mehr Büros geben.

Arbeitsinseln, wie auf dem ehemaligen AEG-Gelände, wird es künftig in immer mehr Büros geben. © Harald Sippel/Stadtarchiv/dpa


Schon immer war Arbeit wichtig und doch ist sie bei weitem nicht die gleiche, die sie noch vor 100 Jahren, ja nicht einmal vor 50 Jahren war. Wir arbeiten heute anders als gestern und werden morgen schon wieder ganz neue Arbeitsbedingungen vorfinden. Sagt Matthias Horx.

Der Trendforscher mit den populären Thesen hat sich dieses Mal der Arbeit angenommen – einem der „komplexesten und schwierigsten Themen für die Zukunftsforschung“, sagt der Mann, der nie um Worte verlegen scheint. Horx präsentiert seine Vision der modernen Arbeitswelt im Rahmen einer Informationskampagne, die unter anderem vom Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister ins Leben gerufen wurde: „Die Zeitarbeit. Einstieg. Aufstieg. Wachstum“. In Nürnberg startete der Verband, dem rund 120 Zeitarbeitsfirmen angehören, seine Tour durch sechs deutsche Städte.

Einer der großen Trends, die Horx der Arbeit voraussagt, ist der: Arbeit wird weiblicher. „Die Art, wie wir arbeiten, verändert sich durch die Rolle der Frau.“ Wie auch die Nachfrage nach Arbeit durch die Frauen – zunehmend hochgebildete Frauen – geprägt wird. Doch bis es so weit ist, hält der Gott der Arbeit noch ein paar Probleme vor. Etwa dieses: „die männerbasierte Präsenzkultur“. Sagt Horx. „Bei uns macht Karriere, wer sitzen bleibt – im Bürosessel.“ Eine 14-stündige Anwesenheit wirke sich noch immer vorteilhaft für die Karriere aus. Dies sei in Skandinavien ganz anders. „Wenn hier jemand nach 17 Uhr noch am Schreibtisch sitzt, wird er gefragt, ob er familiäre Probleme hat.“ Im Norden Europas – das ist inzwischen hinlänglich bekannt – verbringen auch die Väter inzwischen lieber Zeit mit den Kindern als mit dem Excel-Programm.

or 100 Jahren war die Arbeitswelt – wie hier im Zählerwerk von Siemens-Schuckert - noch eine ganz andere.

or 100 Jahren war die Arbeitswelt – wie hier im Zählerwerk von Siemens-Schuckert - noch eine ganz andere.


Und nicht nur das: Studien belegen, dass Unternehmen mit Frauen an der Spitze bessere Ergebnisse erwirtschaften. Den passenden neudeutschen Ausdruck gibt es natürlich auch schon dafür: Womenomics. „Deswegen wird in Deutschland die Frauenquote kommen.“ Sagt Horx.

Neben vielen anderen Trends – wie der, dass wir immer jünger werden, frei nach dem Motto: 40 ist das neue 30 – ist ein weiterer Megatrend die zunehmende Individualisierung. „Das ist in Deutschland ein umstrittener Begriff – oft wird sie gleichgesetzt mit Egoismus.“ Sagt Horx. „Dabei bedeutet es, dass immer mehr Bereiche es Lebens selbst entschieden werden oder müssen.“

Das war um 1900 noch ganz anders. „Der Großteil der Menschen lebte in Großfamilien und war abhängig beschäftigt.“ Die Menschen arbeiteten meist als Knechte und Mägde auf dem Land oder als Arbeiter in Fabriken. Letzteres prägt auch die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts noch stark. „Wir leben in der Informationsgesellschaft, aber arbeiten oft noch nach den Regeln der Industriegesellschaft“, hatte der Politologe Markus Albers schon vor Jahren formuliert.

Anwesenheitspflicht und feste Arbeitszeiten sieht auch Zukunftsforscher Horx als überholt. Das moderne Büro ist ein kreatives: mit Arbeitsinseln, auf denen Menschen für Projekte zusammenkommen, viel Freiheit und noch mehr Eigenverantwortung, was in Summe eine gute Selbstorganisation erfordert. Hinzu kommen Prozesse, die enger vernetzt werden – auch rund um den Globus. In dieser zunehmenden und permanenten Flexibilität sieht Horx ein gutes Terrain für das Instrument Zeitarbeit. Was diese neuen Herausforderungen, dieses Ständig-gefordert-sein, vor dem Hintergrund steigender psychischer Erkrankungen – Stichwort „Burn-out“ – bedeutet, sagt Horx nicht.

Vielmehr macht er in der Arbeitswelt von morgen auch eine neue Führungskultur, ein neues Unternehmertum aus. Das wird den Mitarbeiter voranbringen wollen, seine Talente und Leidenschaften aufspüren und fördern. Meint Horx. Ein schöner Gedanke. Ein schöner Vortrag. An dessen Ende hat Horx allerdings auch vieles nicht gesagt. Was, zum Beispiel, bedeutet diese neue große Freiheit für die guten alten Tarifverträge? Und woher werden sie kommen, die Chefs, die die Zeit und soziale Kompetenz haben, die wahren Talente ihrer Mitarbeiter freizulegen und zu fördern? 

Anja Kummerow

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