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Schmetterling Reisen ist heute ein Milliarden-Unternehmen

Harter Kampf ums Überleben in der Branche - 11.02. 12:00 Uhr

OBERTRUBACH  - Erfolgsgeschichten beginnen nicht selten mit Mut – ein bisschen mehr Mut, als ihn die meisten anderen Menschen haben. Und einer guten Portion Frechheit. Auch Willi Müllers Geschichte beginnt so. Er ist Anfang 20, als er seine Familie davon überzeugen kann, ihm ihr Erspartes zu überlassen.

Noch immer fahren die Busse mit dem Schmetterlings-Logo wie hier durch die Fränkischen Schweiz. Doch inzwischen ist das Unternehmen viel mehr – ein Vertrieb für Reisen in die ganze Welt und ein Softwarehaus.
Noch immer fahren die Busse mit dem Schmetterlings-Logo wie hier durch die Fränkischen Schweiz. Doch inzwischen ist das Unternehmen viel mehr – ein Vertrieb für Reisen in die ganze Welt und ein Softwarehaus.
Foto: oH
Noch immer fahren die Busse mit dem Schmetterlings-Logo wie hier durch die Fränkischen Schweiz. Doch inzwischen ist das Unternehmen viel mehr – ein Vertrieb für Reisen in die ganze Welt und ein Softwarehaus.
Noch immer fahren die Busse mit dem Schmetterlings-Logo wie hier durch die Fränkischen Schweiz. Doch inzwischen ist das Unternehmen viel mehr – ein Vertrieb für Reisen in die ganze Welt und ein Softwarehaus.
Foto: oH

Der landwirtschaftliche Betrieb seiner Eltern – so viel ist klar – wird ihn nicht ernähren können. Und schon gar nicht eine ganze Familie. Mit den Geldern seiner Familie, seinen eigenen Ersparnissen und einem zusätzlichen Bankkredit bekommt er 250000 D-Mark zusammen. Die investiert er 1968 in einen Bus, einen schicken Mercedes. Alles darin ist vom Feinsten.

Die 54 Sitze lassen sich sogar in Liegesitze verwandeln. Mit diesem Bus fährt er von seinem Heimatort Obertrubach nahe Forchheim aus übers Land, sammelt die Arbeiter ein und bringt sie zu ihren Arbeitsplätzen ins Versandhaus Quelle oder den Nürnberger Aluminiumwerken Nüral. Zwei Wochen nach der Anschaffung des Busses bringt Müller damit erstmals Urlauber zu ihrem Ziel. Den Anfang macht Budapest, eine Woche später ist es Rom.



Aus dem Ein-Mann-Busbetrieb ist heute eine florierendes Reiseunternehmen geworden. Das kann nicht nur Müller und seine Familie ernähren, sondern auch 700 Mitarbeiter. Der Umsatz ist beachtlich: Rund 1,5 Milliarden Euro setzte das Unternehmen im vergangenen Jahr um. Der Name der Firma: Schmetterling Reisen GmbH & Co.KG. Nicht ganz ohne Stolz sagt Müller über die Firma: „Wir sind die größte unabhängige Touristik-Organisation Deutschlands.“
 

Das mit der Unabhängigkeit ist Willi Müller wichtig. Nicht viele Firmen der Reisebranche können das von sich behaupten. Der Kampf ums Überleben ist ein harter.


Cäcilie Müller (Mitte) baute das Unternehmen mit auf, das heute die Töchter Anya Müller-Eckert (links) und Daniela Singer (rechts) mit ihrem Vater führen.
Cäcilie Müller (Mitte) baute das Unternehmen mit auf, das heute die Töchter Anya Müller-Eckert (links) und Daniela Singer (rechts) mit ihrem Vater führen.
Cäcilie Müller (Mitte) baute das Unternehmen mit auf, das heute die Töchter Anya Müller-Eckert (links) und Daniela Singer (rechts) mit ihrem Vater führen.
Cäcilie Müller (Mitte) baute das Unternehmen mit auf, das heute die Töchter Anya Müller-Eckert (links) und Daniela Singer (rechts) mit ihrem Vater führen.

Doch die Müllers – die Firma Schmetterling Reisen wird heute von Willi Müller, seiner älteren Tochter Daniela Singer und der ein Jahr jüngeren Tochter Anya Müller-Eckert geleitet – hat ihr eigenes Rezept, um dem zu begegnen. Das Familienunternehmen sieht sich als „Edeka der Reisebranche“, wie Willi Müller sagt. „Edeka ist der größte Vertriebler im Lebensmittelbereich. Und das Gleiche nehmen wir für uns im Reisebereich in Anspruch.“

So wie Edeka weder die Milch noch die Schuhcreme selbst produziert, so „produziert“ auch Schmetterling keine eigenen Produkte, sondern stellt sich die Waren von Firmen wie TUI, Thomas Cook, FTI oder Öger Tours ins Regal. Der Vertrieb erfolgt über die rund 2500 Reisebüros, die größtenteils in privater Hand sind – auch da gibt es Ähnlichkeiten zu den Edeka-Läden. Auf ein Franchise-Konzept setzte Müller dabei nur am Anfang. Inzwischen hält er Kooperationen für die bessere Art der Zusammenarbeit mit den jeweiligen Reisebüros. Diese nutzen nicht nur das Schmetterlingslogo, sondern auch die Technologie des Unternehmens.

Das ist die zweite große Säule, auf der Schmetterling Reisen heute ruht. Denn das Unternehmen entpuppt sich mittlerweile auch als ein ausgewachsenes Softwarehaus. Von den 450 Mitarbeitern, die in Obertrubach arbeiten, sind rund 100 Software-Entwickler und -Programmierer. Seit gut zehn Jahren wächst dieser Bereich und trägt inzwischen erheblich zum Umsatz bei.

Die Software der Firma wird von etwa 6500 Reisebüros genutzt. Müller hofft, nicht wenige von ihnen noch für seine Kooperation gewinnen zu können. Das Erfolgsgeheimnis der Technologie „made in Oberfranken“ sieht der Selfmademan vor allem darin, dass sie schneller herausfiltert, was der Kunde eigentlich will – und die Reisebüros somit schneller das passende Urlaubsangebot finden können.


Bunt geht es in der Firmenzentrale in Obertrubach zu. Die Mitarbeiter des Reiseunternehmens nennen sich selbst "die Schmetterlinge".
Bunt geht es in der Firmenzentrale in Obertrubach zu. Die Mitarbeiter des Reiseunternehmens nennen sich selbst "die Schmetterlinge".
Bunt geht es in der Firmenzentrale in Obertrubach zu. Die Mitarbeiter des Reiseunternehmens nennen sich selbst "die Schmetterlinge".
Bunt geht es in der Firmenzentrale in Obertrubach zu. Die Mitarbeiter des Reiseunternehmens nennen sich selbst "die Schmetterlinge".

Kundennähe – was sich bei anderen Firmen wie eine Standardfloskel im Unternehmensleitbild anhört, wird bei Müller gelebt. Wohl einer der Gründe, warum es meist nur bergauf ging. Nach den ersten touristischen Ausflügen Ende der 60er Jahre gelang es Müller auch, in den kommunalen Nahverkehr einzusteigen. Mitarbeiter wurden eingestellt, weitere Busse angeschafft. Doch diese sind inzwischen nur noch ein Nebengeschäft. „Wir wachsen jedes Jahr und liegen damit eigentlich immer um fünf Prozent über dem Branchenschnitt“, sagt Müller. In den vergangenen zehn Jahren allein stieg der Umsatz jährlich um rund 40 Millionen Euro.

Der Hauptsitz des Unternehmens ist nach wie vor der Ort Obertrubach, dessen Bürgermeister der 64-jährige Müller auch ist. Das Firmengebäude besteht aus vielen Anbauten rund um den elterlichen Hof. „Eigentlich wird bei uns jedes Jahr erweitert“, sagt Müller. Eine Tür in der Firmenküche führt direkt in den Flur des Wohnhauses, in dem Willi Müller noch immer mit seiner Ehefrau Cäcilie lebt. Die Tür ist – das hat wohl auch Symbolcharakter – stets unverschlossen. Und an dem großen, massiven Holztisch in der Küche werden nicht selten Firmenmeetings abgehalten.

Das Durchschnittsalter in der Firma liegt bei etwa 30 Jahren und die Beschäftigten kommen unter anderem aus München, Hamburg, Berlin, Tschechien, Spanien oder Ägypten. Sie nennen sich selbst „die Schmetterlinge“. Dass für sie ein Arbeitgeber in der tiefsten Fränkischen Schweiz attraktiv ist, hat auch mit den Rahmenbedingungen zu tun.

Es wird zusammen Ski gefahren und für die 60 Lehrlinge gibt es Wohngemeinschaften, in der sie gegen ein bisschen Engagement kostenfrei wohnen können. Die umworbenen hochqualifizierten Mitarbeiter lockt Müller etwa mit erschlossenem Baugrund in die Fränkische.

Hat er hier auch die Inspiration für den Firmennamen gefunden? Willi Müller lächelt kaum merklich, winkt ab, springt gleich danach auf und verlässt den Raum. Kurz darauf kehrt er zurück. „Das ist der Grund“, sagt er und zeigt auf ein Buch mit dem Titel „Bitte Einzelzimmer mit Bad“.

Das Buch erschien 1984. Da versuchte Müller gerade, aus der jahrelangen Kooperation mit anderen Busunternehmern eine gemeinsame Firma zu machen. Die Namensfindung gehörte dabei zu den größten Herausforderungen. Als Müller im Buch auf das fiktive Reiseunternehmen Schmetterling stößt, denkt er: „Das ist es.“ Seitdem heißt das Unternehmen so. Willi Müller fackelt nicht lange. Aber das tut er ja nie. 



Anja Kummerow

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