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Siemens: Akustikexperten für Zukunftspreis nominiert

Wenn es zwischen Hörgeräten funkt - 26.10.2012 21:20 Uhr

Hier werden Stimmen aus allen Richtungen simuliert, um zu testen, wie das Hörgerät reagiert.

Hier werden Stimmen aus allen Richtungen simuliert, um zu testen, wie das Hörgerät reagiert. © Ansgar Pudenz


Denn aus diesen Teilen bestehen, in einem kleinen Gehäuse untergebracht, moderne Hörgeräte. Modern deswegen, weil die Geräte an beiden Ohren per Funksignal miteinander kommunizieren, um ein optimales Zusammenspiel für ein möglichst realitätsnahes und räumliches Hören zu ermöglichen. Für die Entwicklungen auf diesem Gebiet wurde nun Torsten Niederdränk von Siemens in Erlangen zusammen mit zwei Forschern der Uni Oldenburg, Birger Kollmeier und Volker Hohmann, für den Deutschen Zukunftspreis nominiert.

Allein in Europa wird die Zahl der hörgeschädigten Menschen auf 55 Millionen geschätzt, 14 bis 15 Millionen davon in Deutschland. Die Tendenz ist in den Industriestaaten steigend, denn die Bevölkerung altert. Und das Hörvermögen nimmt mit zunehmendem Alter bekanntlich ab. Ein Kind kann ein Frequenzspektrum von 22 bis 24 Kilohertz hören. Ein Hörgeschädigter hört nur noch gut ein Zehntel dessen.

Früher haben sich die Wissenschaftler vor allem auf das Frequenzband der Sprache konzentriert. Die Nachteile kennen alle, die veraltete Hörgeräte tragen: Die Laute sind blechern und metallisch. Ein Grund, warum schätzungsweise zwei Drittel der Geräte früher weitgehend unbenutzt in Schubladen verschwanden.

Bei den neueren Generationen an Hörgeräten liegt die Akzeptanz laut Niederdränk jedoch deutlich höher, eben vor allem, weil das Hörgefühl angenehmer und authentischer ist. Bis dahin war es für die Entwickler ein weiter Weg: Allein Niederdränk hat in der Zwischenzeit 53 Patente auf diesem Gebiet angemeldet, „aus denen sich ganze Patentfamilien entwickelt haben. Wir haben die meisten Patente in der gesamten Branche“, sagt der Akustikexperte stolz über den Bereich von Siemens, der immer mal wieder als Verkaufskandidat gehandelt wurde.

In der letzten Zeit sind diese Gerüchte allerdings weitgehend verstummt – auch eine Konsequenz des Erfolgs der Audiologen. Erst in dieser Woche hat Siemens ein weiter verbessertes Spitzengerät in seinem Sortiment vorgestellt. Ein neu entwickelter Chip in den knapp zwei Gramm leichten Hörhilfen erlaubt nun die Verarbeitung von 250 Millionen Befehlen pro Sekunde.

„Die neue Technologie ermöglicht nicht nur ein besseres Sprachverstehen und Richtungshören, sondern auch zusätzliche automatische Einstellungen, was die Nutzung der Geräte noch einfacher macht“, verspricht das Unternehmen. Der Klang sei voller, und das Frequenzspektrum von 10,5 Kilohertz erlaube beispielsweise auch einen besseren Musikgenuss.

Das Gerät ist der vorläufige Höhepunkt in der Arbeit von Akustikexperte Niederdränk. Galt es noch 2004 als Weltneuheit, dass die Hörgeräte links und rechts per Funk miteinander kommunizierten, sei diese Technik heute quasi Standard.

Der Weltneuheit von damals waren drei Jahre Forschungs- und Entwicklungsarbeit vorangegangen, mit dem Ziel, „möglichst nahe an das natürliche Hören herankommen – ausgewogen und angenehm“. Der erste Prototyp, der gebaut wurde, erzählt der Siemensianer, „war so groß wie ein Schrank“.

Die Technologie so klein zu machen, dass sie hinter das Ohr oder sogar ins Ohr passt, war die Aufgabe der 4000 Siemens-Audio-Experten, von denen etwa jeder Zehnte in Erlangen arbeitet. Mit der damals noch sehr eingeschränkten Rechnerleistung auf kleinem Raum ein riesiges Problem. Heute haben moderne Hörgeräte eine Leistung, die dem Sechsfachen der ersten Mondrakete oder der eines neuen PC zur letzten Jahrtausendwende entspricht.

Bot die erste Generation der „funkenden“ Hörgeräte lediglich den Vorteil, dass man beispielsweise die Lautstärke nur an einem Gerät einstellen musste und sich das andere automatisch im optimalen Verhältnis synchronisierte, wuchs die Zahl der Vorteile mit der Verbesserung der Chips immer schneller. Was nicht wuchs, war der Preis: „Die ersten Geräte damals kosteten etwa 5000 Euro, die gleiche Technik ist mittlerweile so günstig, dass sie von der gesetzlichen Kasse bezahlt wird.“ Für 5000 Euro bekomme man dagegen heute ein Gerät, das deutlich mehr kann.

Die Spitzengeräte von einst zahlt heute jede Kasse

So wurde die „Situationserkennung“, wie Niederdränk es nennt, permanent verbessert: „Eine Herausforderung sind beispielsweise Situationen, in denen mehrere Sprecher in einer Gruppe gleichzeitig reden und es zusätzlich, etwa in einem Restaurant, auch noch Hintergrundgeräusche gibt.“ Für Träger von Hörgeräten ein Problem. Bei einem Normalhörenden blendet dann das Gehirn „unwichtige“ Geräusche oder Redner aus. Dafür ist aber die räumliche Zuordnung der Geräusche notwendig. Die Geräte versuchen, dies durch die Signaltechnik zu unterstützen, so der Siemens-Entwickler.

Oft ist es aber zusätzlich nötig, das Gehirn zu trainieren, weil es diese Funktion nach einer längeren Phase der Schwerhörigkeit verlernt hat. „Mit einem Hörgerät ist es eben nicht so wie mit einer neuen Brille. Der Erfolg stellt sich nicht immer sofort ein“, weiß Niederdränk. Doch auch daran arbeitet er mit seinem Team. Die Eingewöhnungsphase wird kürzer, weil die Geräte „lernen“. Sie merken sich, in welchen Situationen der Träger die Einstellungen am Hörgerät ändert und ermitteln aus diesen Daten Idealwerte, die dann automatisch eingestellt werden. Ihrem Ziel, dass Hörgeräte nicht mehr in Schubladen verschwinden, hoffen die Forscher, mit den Neuentwicklungen ein gutes Stück näherzukommen. 

Von Josef Hofmann

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