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Viel Potenzial für Fachkräfte

Fränkische Initiative will helfen, dem Mangel entgegenzuwirken - 27.06.2012 11:35 Uhr

Bei Brose ist der Bedarf an Fachkräften groß – die Firma wächst stetig. Der Autozulieferer nutzt alle Instrumente, um für Arbeitnehmer attraktiv zu sein. Zählten früher eher hochleistungsfähige Maschinen, sind es heute die Mitarbeiter.

Bei Brose ist der Bedarf an Fachkräften groß – die Firma wächst stetig. Der Autozulieferer nutzt alle Instrumente, um für Arbeitnehmer attraktiv zu sein. Zählten früher eher hochleistungsfähige Maschinen, sind es heute die Mitarbeiter. © dpa


Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer ist bekannt dafür, deutliche Worte zu sprechen. Das tat sie auch gestern – auf der Jahreskonferenz der Allianz pro Fachkräfte, einer Kooperation mehrerer Beteiligter der Metropolregion. Der Einladung der IHK Nürnberg ins Messezentrum folgten rund 400 Entscheider. In Workshops und Fachforen bekamen sie Ideen und Lösungen an die Hand für eines der großen Probleme der kommenden Jahre: dem drohenden Arbeitskräftemangel in Deutschland. Etwa drei Millionen Fachkräfte werden der Bundesrepublik in drei Jahren bereits fehlen. In zehn Jahren – also 2025 – wird sich diese Zahl Studien zufolge auf rund 6,5 Millionen mehr als verdoppelt haben.

Dabei ist das Potenzial groß, das von Unternehmen und Initiativen noch gehoben werden kann – angefangen beim Thema Ausbildung über Integration ausländischer Arbeitskräfte bis hin zu Gesundheitsmanagement. Dieses soll beispielsweise dabei helfen, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zunehmende Zahl älterer Arbeitnehmer psychisch und physisch fit zu halten. Für sich und für das Unternehmen. Die deutsche Wirtschaft wird sie dringend brauchen.

Die Coburger Firma Brose geht jeden erdenklichen Weg, um qualifizierte Fachkräfte zu bekommen und ihnen das Bleiben zu versüßen. Seit Jahren wächst der Autozulieferer stetig. Setzte der Familienkonzern 2011 mit gut 19000 Mitarbeitern weltweit rund vier Milliarden Euro um, werden es Ende dieses Jahres bereits 4,4 Milliarden Euro sein. Die Beschäftigtenzahl wird dann bei gut 20000 liegen. Obwohl der Konzern international aufgestellt ist, sind 40 Prozent der Mitarbeiter in Deutschland beschäftigt. In Franken sind es 6000 Menschen.

Menschen für die Firma und die damit verbundenen Aufgaben zu interessieren – damit kann man nicht früh genug beginnen, findet Esther Loidl, Personalleiterin der Brose Group. Deswegen werden bereits die Kleinsten im Betriebskindergarten an das Thema Technik herangeführt – spielerisch natürlich. Fortgesetzt wird dies auch in der Schule. Nach Lehre oder Studium und der möglichen anschließenden Einstellung bei Brose hört das „Sich-Kümmern“ aber noch lange nicht auf.

Die Mitarbeiter bekommen die Möglichkeit, eine Familie zu gründen und dennoch Karriere zu machen. Aber sie erhalten auch Unterstützung bei der Pflege von Angehörigen – ein unterschätztes Thema, wie Loidl findet. „Das ist oftmals noch deutlich anspruchsvoller als die Kindererziehung“, weiß die Personalchefin. Und: „Über Kinder wird gern geredet, über pflegebedürftige Eltern nicht – dies wird oft noch stark tabuisiert.“ Den Druck will Brose den betroffenen Mitarbeitern mit dem Netzwerk Pflege nehmen, das auch die Möglichkeit zum Austausch gibt.

Für Christine Haderthauer ist aber auch die große Menge teilzeitarbeitender Mütter viel brach liegendes Potenzial – auch für die Frauen selbst: „Halbtagskraft sein heißt oft: Halben Lohn für doppelten Einsatz zu bekommen – ein Lieblingsmodell vieler Unternehmer.“ Dass es auch anders geht, sei in Skandinavien zu sehen, wo die Menschen nicht weniger arbeiteten als hierzulande, dabei jedoch viel flexibler agieren könnten. Ein Modell, das auch die Männer oftmals für sich nutzten, weil sie gern ihre Kinder miterziehen wollten. „Dort geht es nicht darum, den Schreibtischstuhl auf Körpertemperatur zu halten.“

Dass mit verstärkter Zuwanderung der Fachkräftemangel in Deutschland ein Stück weit behoben werden könnte, bezweifelt die Ministerin. „In Europa gibt es derzeit 24 Millionen Arbeitssuchende. Allein in Schweden liege die Jugendarbeitslosigkeit bei 25 Prozent. „Bei uns liegt es, diese Potenziale zu nutzen. Wir müssen nicht nach Indien schauen, sondern nach Europa“, so Haderthauer. Sie plädierte – ebenso wie Nürnbergs IHK-Präsident Dirk von Vopelius – für eine Willkommenskultur in Deutschland. Willkommen sollten sich aber nicht nur Menschen aus anderen Ländern hier fühlen, sondern auch die eigenen Bürger.

Dieses Thema liegt auch Esther Loidl am Herzen. Schließlich beschäftigt Brose weltweit Menschen aus 68 Ländern. Allein am oberfränkischen Stammsitz vereint das Unternehmen mehr als 30 Nationen. Wie sich Fremdsein anfühlt, kann Loidl nachvollziehen – auch ohne Sprachbarriere: „Als ich vor elf Jahren aus Österreich nach Coburg kam, habe ich mich...“, sie stockt kurz, „...oft gewundert.“ 

aku

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