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«Ohne Mystik kann man nicht leben“

Von Raimund Kirch, NZ - 06.01.2006

Metropolit Serafim Joanta vor der Ikonostase der Demetriuskirche in der Fürther Straße. Der Erzbischof der Rumänischen Orthodoxen Kirche ist stolz auf die Ikonenmalerei, die ein bekannter Kunstprofessor aus Bukarest angefertigt hat. Foto: Kirch

Metropolit Serafim Joanta vor der Ikonostase der Demetriuskirche in der Fürther Straße. Der Erzbischof der Rumänischen Orthodoxen Kirche ist stolz auf die Ikonenmalerei, die ein bekannter Kunstprofessor aus Bukarest angefertigt hat. Foto: Kirch


Richtig liegt, wer auf «d“ getippt hat. Der Metropolit der Rumänischen Orthodoxen Kirche für Deutschland und Zentraleuropa hat seinen Sitz in Nürnberg.

Serafim Joanta, geboren in der Nähe von Hermannstadt in Siebenbürgen, ist für etwa 500 000 Seelen zuständig. Sie leben in 53 Pfarreien verstreut, wovon 37 in Deutschland liegen. Die anderen befinden sich in Finnland, Dänemark, Schweden, Norwegen, Luxemburg und Österreich.

Das heißt, dass Vater Serafim, wie sich der Mönchsbischof nennen lässt, an 50 Sonntagen im Jahr andernorts Gottesdienst hält.

In seinem unscheinbaren Büro, das zugleich Empfangsraum und Konferenzzimmer ist, arbeitet der 57-Jährige unter der Woche. Die frühere evangelische Epiphanias-Gemeinde beherbergt daneben ein Kloster mit vier Nonnen und drei Mönchen, das Pfarramt und eine der mittlerweile schönsten Kirchen Nürnbergs. Die ehemalige evangelische Kapelle besitzt jetzt eine byzantinische Kuppel und eine so genannnte Ikonostase, hinter der bei Gottesdiensten die heiligen Handlungen vollzogen werden. Vor allem aber ist die Kirche von oben bis unten wunderbar bemalt. Dem Maler Grigore Popescu, einem Kunstprofessor aus Bukarest, ist es gelungen, Heiligenbilder und Szenen aus der Schrift so festzuhalten, dass die Kirche eine seltene Spiritualität atmet.

Am heutigen Feiertag wird die Demetriuskirche wieder Ort eines festlichen Gottesdienstes sein. Schon gestern Abend wurde der Epiphaniastag mit einer Vigil begonnen, heute um 9.30 Uhr wird eine «Göttliche Liturgie“ gefeiert, die Stunden dauert, aber die ganze Frömmigkeit und Mystik der Ostkirche widerspiegelt. «Im orthodoxen Gottesdienst begegnet die Ewigkeit dem Menschen“, heißt es.

Allerdings wird heute nicht der Heiligen drei Könige gedacht — die kommen in der orthodoxen Kirche schon zu Weihnachten an die Krippe. Epiphanias ist im Kirchenkalender vielmehr das Fest der Taufe Jesu am Jordan durch Johannes. An diesem Tag wird das Wasser geweiht. Von nun an tritt Jesus nach den Evangelien als Rabbi auf, bis er am Karfreitag am Kreuz sterben und am Ostersonntag seine Auferstehung gefeiert wird.

In orthodoxen Gottesdiensten geht es weniger um Verkündigung und Auslegung des Wortes, also um das Missionarische des Glaubens, als vielmehr um eine Atmosphäre des Heiligen. Diese Atmosphäre wird mit allen Sinnen vermittelt. Ikonen und Gewänder sprechen das Auge an, Weihrauch den Geruchsinn und der Gesang die Ohren. Gottesdienste sollen so als Einbruch einer anderen Welt erfahren werden. Für den Metropoliten Serafim ist deshalb Tradition kein verstaubtes Wort. Durch sie, so meint er, werden zugleich das Feuer und das reine Wasser des Glaubens weitergetragen. Wobei mystische Erfahrungen unverzichtbar sind für ein religiöses Leben. Der Metropolit: «Ohne Mystik kann man nicht leben.“

Die Rumänische Orthodoxe Kirche ist erst seit 1885 selbstständig. 86 Prozent der rumänischen Bevölkerung gehören ihr an; seit 1925 ist ein Patriarch für die rund 20 Millionen Gläubigen zuständig. Der gegenwärtige Patriarch Teoctist wird im Mai dieses Jahres in Nürnberg die Demetrius-Kirche feierlich einweihen.

Ost- und Westkirche strebten auseinander, als auf dem Konzil von Chalcedon 451 Byzanz als Patriarchatssitz Rom gleichgestellt wurde. In der Folge zerriss ein Bilderstreit die Kirchen, und gegenseitige Verketzerungen (1054) warfen einen unüberbrückbaren Graben auf, der sich bis in die Wortdeutung hineinzog: Während der Begriff ortha doxa nur den rechten Lobpreis ausdrückt, wird dies im Grimmschen Wörterbuch mit «steifgläubig“ übersetzt.

Von allen christlichen Kirchen hatten die orthodoxen Kirchen des Ostens am meisten unter den jeweiligen politischen Verhältnissen zu leiden. War dies der Ansturm durch die islamisch-arabischen Eroberer vom 7. bis ins 16. Jahrhundert; oder die Zerstörung Konstantinopels durch die westlichen Kreuzritter im Jahr 1204; die Umwidmung der Hagia Sophia zur Moschee im Jahr 1435 oder der Völkermord an den armenischen Christen.

Unter den kommunistischen Regimen des Ostens wurde die Orthodoxie unterdrückt und vereinnahmt. Vergangene leidvolle Erfahrungen prägen daher auch gegenwärtiges Empfinden.

Die orthodoxen Kirchen haben viel einzubringen in das gemeinsame Haus Europa: Ihre Spiritualität, ihre Sinnenhaftigkeit im Glauben und im Leben, ihre Erfahrungen im Zusammenleben mit Muslimen und vor allem ihre religiöse Vitalität.

Metropolit Serafim Joanta, der in Paris über das Thema Mystik promoviert hat und ausgezeichnet Deutsch spricht, wird am Donnerstag, 12. Januar, um 19 Uhr im Rahmen der Reihe «Weißt du, wer ich bin“ Auskunft über seinen Glauben geben. Der Gesprächsabend richtet sich wieder an Menschen, die sich für ein friedliches Zusammenleben der Religionsgemeinschaften in Deutschland engagieren wollen.
Ort: Fürther Straße 166. 

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