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In seinem Kinodebüt „Das weiße Rauschen“ erzählte Regisseur Hans Weingartner vom unaufhaltsamen Abgleiten in die Schizophrenie. Die Hauptfigur in „Die Summe meiner einzelnen Teile“ ist schon einen ganzen Schritt weiter.
Zu Beginn erzählt der Film im Zeitraffer die Vergangenheit von Martin Blunt (Peter Schneider). Der Mann war einmal ein angesehener Mathematiker. Dann der Zusammenbruch und der anschließende Psychiatrieaufenthalt. Nach der Entlassung sind Job und Lebensgefährtin (Julia Jentsch) weg und der Gerichtsvollzieher lässt Martins Wohnung räumen.
Er landet auf der Straße, säuft wie ein Loch, versucht vergebens, die Welt mit Hilfe mathematischer Gleichungen zu deuten. Da trifft er auf einen geheimnisvollen Jungen (Timur Massold), der nur Russisch spricht. Der zehnjährige Viktor ist ebenfalls obdachlos und hat gerade seine Mutter an die Drogen verloren. Gemeinsam zieht das ungleiche Duo sich in ein Waldstück an der Peripherie Berlins zurück.
Und wie in Märchen so üblich, entpuppt sich der Wald auch hier als mythischer Ort. Martin und Viktor bauen eine Hütte und klauen alles, was ihnen in die Finger kommt, um zu überleben.
Dann kündigt sich der Frühling an und die Bäume fangen an zu blühen. Flankierend wachsen die Haare und kurzzeitig bekommt die Story den Anstrich einer kuscheligen Aussteigerfantasie.
Aber in Filmen von Hans Weingartner hat Sozialromantik bekanntlich keine Chance. So machen Waldarbeiter und Staatsmacht dem Idyll ein jähes Ende. Außerdem erzählen sie Martin, der Junge sei nur eine Ausgeburt seines kranken Kopfes. Doch der Mann ging schon zu weit, um jetzt klein beizugeben.
Das Aristoteles-Zitat „Das Ganze ist mehr als die Verknüpfungen seiner Teile“ steht im Zentrum dieses Psycho-Dramas. Früher hatte fast jeder ADHS. Heute heißt die Modekrankheit Burn-Out. Doch hier leidet der Protagonist an weit Schlimmerem als an einem Erschöpfungs-Syndrom. Martin Blunt ist der totale Außenseiter. Ob Therapeuten oder Polizisten. Jeder Repräsentant der „normalen“ Welt begegnet Blunt als Feind.
„Die Summe meiner einzelnen Teile“ ist ein sperriges Stück Film, das auf Worte größtenteils verzichtet. Ein Quasi-Stummfilm über Isolation, der harsche Kritik an der unerbittlichen Tretmühle der Leistungsgesellschaft übt.
Weingartner, der ein Diplom in Neurowissenschaften besitzt, ist und bleibt ein politischer Filmemacher. Bei seinem bekanntesten Werk „Die fetten Jahre sind vorbei“ paarte sich die Kritik noch mit einer Portion Ironie. Die fehlt hier vollständig.
Mit dem deutschen Kino eines Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer hat „Die Summe meiner einzelnen Teile“ so gar nichts gemeinsam. Man muss Weingartner ob seiner Radikalität Anerkennung zollen. Kaum ein anderer zeigt die Realität in derart tristen Farben.
Schade nur, dass seine Gesellschaftskritik teilweise etwas schulmeisterlich daherkommt. Eine Trumpfkarte aber ist Peter Schneider, der den schwierigen Spagat zwischen Leidensmiene und Irrsinn ideal meistert (MEISENGEIGE).
