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Sie hatten vor fast genau einem Jahr, am 12. September 2009, Brunner am S-Bahnhof Solln brutal niedergeschlagen. Er starb daraufhin an Herzversagen.
«Das kann ich absolut nachvollziehen, dass Ihnen nicht wohl in Ihrer Haut ist», wandte sich Baier zum Prozessauftakt fast väterlich an den 18-jährigen Sebastian L. «Es belastet Sie sehr.» Trotzdem lässt der 54-jährige Richter nicht locker: «Auf geht's, Herr L.», muntert er den Angeklagten zur Aussage auf. Immer wieder fragt er nach, als Sebastian L. stockend beschreibt, wie er und sein Freund Markus S. tranken, kifften, vier Schüler bedrohten und schließlich deshalb mit Brunner in die tödliche Schlägerei gerieten.
Wie er sich denn damals sein Leben vorgestellt habe, fragt Baier den blassen jungen Mann. «Ein Kleinkind sind Sie ja nicht mehr gewesen, mit 17 kann man ja ein bisschen Anforderungen stellen.» Der 19-jährige Markus S., der als Haupttäter gilt, spricht nicht selbst vor Gericht, sondern lässt seinen Anwalt eine Erklärung verlesen.
Bereits vor zwei Jahren hatte Baier die sogenannten Münchner U- Bahn-Schläger zu langen Haftstrafen verurteilt. Die beiden hatten einen Pensionär lebensgefährlich verletzt, nachdem er sie auf das Rauchverbot in der U-Bahn hingewiesen hatte. Mit zwölf Jahren Haft für den zur Tatzeit 20-jährigen Täter und achteinhalb Jahren für den 17-Jährigen ahndete das Gericht die nach Baiers damaligen Worten «völlig sinnlose Tat auf sittlich niedrigster Stufe». Dass er nicht die Höchststrafen verhängte, begründete der Richter damals damit, dass auch «Vereinzeltes» für die beiden Täter spreche, etwa ihre Geständnisse. Beide hätten sich entschuldigt - und außerdem eine sehr schwierige Kindheit gehabt.
Baier, der die Jugendkammer seit vier Jahren leitet, ist auch Vizepräsident des Bayerischen Fußballverbandes (BFV). Dort hat der gebürtige Münchner ebenfalls mit der Verhütung von Gewalt zu tun. Er führt beim BFV die Arbeitsgemeinschaft «Gemeinsam und fair» mit dem Schwerpunkt Gewaltprävention. Auch auf dem Fußballplatz häufe sich Gewalt, stellte Baier fest. Fußball sei nur ein Spiegel der Gesellschaft.
Er sieht bei den Gewalttaten Jugendlicher eine neue Intensität. Prügeleien habe es früher auch gegeben, sagte er zu Jahresbeginn in einem Interview. Aber «wenn der Kampf gewonnen war, hat man nicht nachgetreten». Auffällig sei auch die Nichtigkeit der Anlässe: «Da geht's nicht mehr um die Freundin, die einem ausgespannt wurde. Oder um einen lang schwelenden Konflikt. Heute wird offenbar einfach Frust entladen, das entsteht aus dem Nichts.»
Parallel zum Prozess um den Fall Brunner leitet Baier derzeit auch die Verhandlung gegen drei Schweizer Schüler. Im vergangenen Sommer hatten die damals 16-Jährigen auf einer Klassenfahrt wahllos fünf Passanten brutal zusammengeschlagen. Seit März dauert der Prozess schon an, der wegen des jugendlichen Alters der Angeklagten nicht- öffentlich geführt wird. Da die Schüler zu der Tat schweigen, zieht sich das Verfahren hin, bis Mitte Oktober sind Termine angesetzt.
Der Fall Brunner, aber auch die Tat der Schweizer Schläger oder der Überfall auf den Pensionär in der U-Bahn vor nunmehr fast drei Jahren erregten bundesweit Aufsehen, dennoch will Baier sie nicht herausgehoben sehen: Die Verfahren, die seine Kammer verhandelt, seien dennoch letztlich «Prozesse wie alle anderen».
