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Sandro Veronesis toller Krimi "XY"

Satan, weiche von uns! - 09.02. 13:41 Uhr

Es ist ein Bild des Grauens, das sich in das Gedächtnis von Don Ermete einbrennt: ein vereister Baum, rot phosphoreszierend, getränkt vom Blut der elf davorliegenden Toten.


Das grausige Ereignis erschüttert nicht nur den Pfarrer, sondern auch die Bewohner des abgelegenen trentinischen Bergdorfes San Giuda, die alle irgendwie miteinander verwandt und verschwägert sind. Denn dieses Blutbad ist nicht nur schrecklich, es ist vor allem unmöglich.

Zwar kamen alle elf Dorfbewohner am selben Ort zur selben Zeit ums Leben – doch jeder auf eine andere Art. An einer Leiche lassen sich sogar zweifelsfrei Bissspuren eines ausgestorbenen Hais feststellen.

Gerade weil es keine rationale Erklärung für das Gemetzel gibt, versuchen die staatlichen Stellen es zu vertuschen – indem sie die Toten zu Opfern eines islamistischen Terroranschlags erklären.

Und die Propaganda zeigt Wirkung. Nach und nach scheinen selbst die Augenzeugen dieser offiziellen Version Glauben zu schenken.

Alle außer Don Ermete und der jungen Psychiaterin Giovanna, die der Priester um professionellen Beistand bittet, da er ein kollektives Trauma seiner unter Schock stehenden Gemeinde fürchtet.

Als geistiges Kind des Zweiten Vatikanischen Konzils sieht sich Don Ermete selbst als modernen Geistlichen, der Glaube und Wissenschaft zu vereinbaren sucht. Doch die Brüche und Widersprüche infolge der sich auflösenden kausalen Zusammenhänge offenbaren ihm die Grenzen dieser Vereinbarkeit.

Er erkennt im Glauben eine Art, ein unergründliches Geheimnis als solches zu akzeptieren: „Ich glaube, dass diese Tode und auch alles, was danach kam, die ad absurdum geführte Wissenschaft, die Lügen der Behörden, der sittliche Verfall, der Wahnsinn, der um sich greift, alles – ich glaube, das alles ist das Werk Satans.“

Selbst wenn Sandro Veronesis Geschichte bis zur letzten Seite hochspannend bleibt: Sein neuer Roman „XY“ ist weder Thriller noch Fantasy. Die beruhigende Gewissheit logischer, überprüfbarer Indizienketten „klassischer“ Krimis bleibt er schuldig – und so lässt er seine Leser am Ende verunsichert, möglicherweise aufgewühlt und ratlos zurück.

Veronesi hatte bereits mit seinem letzten, mehrfach preisgekrönten Erfolgsroman „Stilles Chaos“ die eigene Messlatte ziemlich hoch gelegt. Mit „XY“ übertrifft er diese ein weiteres Mal mit Leichtigkeit und Bravour.

Sandro Veronesi: XY. Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn. Klett-Cotta, 394 Seiten, 22,95 Euro.
  



Felice Balletta

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