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Sind Kirche und Kunst wie Feuer und Wasser?

Beim «Kulturminister» des Vatikan - 14.05.2009

So soll die künftige Kirche von Olevano aussehen, die von deutschen Künstlern konzipiert und ausgestaltet werden soll. Unten: der ungewöhnliche Grundriss. Skizzen: Finsterwalder

So soll die künftige Kirche von Olevano aussehen, die von deutschen Künstlern konzipiert und ausgestaltet werden soll. Unten: der ungewöhnliche Grundriss. Skizzen: Finsterwalder


Bei einer Begegnung mit Journalisten aus dem Bistum Eichstätt wird schnell deutlich, dass die Vaticanisti, also jener eingeweihte Zirkel der Vatikanbeobachter, richtig liegen, wenn sie den 66-Jährigen zu den sicheren Anwärtern auf einen Kardinalshut zählen; denn Ravasi gilt als gescheit, loyal und zukunftsorientiert.

Solche Leute braucht der Papst, der, wie man weiß, nicht nur von Wohlgesonnenen umgeben ist. Ravasi soll das hinkende Verhältnis zwischen Kunst und Glaube wieder einrenken. Eine Institution wie die Kirche braucht die Kunst als Übersetzerin des Unsagbarem, sie braucht aber auch Künstler, die zu interpretieren verstehen und zu provozieren, um dem Religiösen wieder Raum zu verschaffen.

Aber braucht man das Religiöse überhaupt? Selbst kirchenferne Soziologen wie Ulrich Beck würden dies inzwischen wieder bejahen.

Gianfranco Ravasi kennt keine Scheu, mit den neuen Atheisten zu kommunizieren, die derzeit in Kampagnen an die Öffentlichkeit treten. Und er verfolgt die Diskussionen in der Wissenschaft: Darwins Evolutionslehre sei von der katholischen Kirche von Beginn an anerkannt gewesen, meint er. Und im Jahr der Astronomie werde man sich eingehend mit Galileo Galilei auseinandersetzen, der ein Freund des damaligen Papstes war.

Projekt mit deutschen Künstlern

Die katholische Kirche hat lange Zeit den nicht konfliktfreien Dialog mit der Kunst bis auf wenige Ausnahmen verdrängt, sie hat lieber ihr genehme Künstler beschäftigt, die selbst angepasst und wenig innovativ waren.

Damit scheint Ravasi aufräumen zu wollen. Bei ihm laufen viele Fäden zusammen. Und viele Wege führen dabei nach Rom. Diese Stadt zieht schließlich Kunstschaffende wie ein Magnet an.

In der Villa Massimo etwa kommen Jahr für Jahr zehn bedeutende Kunstschaffende aus Deutschland zusammen, die hier für elf Monate leben und arbeiten können. Begründet wurde die Kulturstiftung von einem Preußischen Unternehmer im Jahr 1913. Er baute die Villa damals vor den Toren der Stadt. Mittlerweile liegt das 36 000-Quadratmeter große Grundstück mitten in der Stadt. Anselm Kiefer, Peter Rühmkorf, Uwe Johnson Ingo Schulze, Petra Morsbach und viele andere bekannte Künstler waren hier zu Gast.

Ravasi, der die Villa Massimo gut kennt, hat die Chance beim Schopf gepackt. Wie können moderne Architektur und katholische Liturgie einander ergänzen? Diese Frage stellte er sich zusammen mit vier Künstlern, die im Jahr 2007 das begehrte Stipendium der Villa Massimo bekommen hatten. Sie erhielten die Chance, im Bergdorf Olevano bei Rom tatsächlich eine Kirche zu bauen.

Ein neues Kirchengebäude soll heute stärker den Bedürfnissen der katholischen Liturgie entsprechen, als es bei Kirchenbauten der vergangenen Jahre oft der Fall war, meint Rudolf Finsterwalder, einer der Architekten der neuen Kirche in Olevano.

Beim Blick auf den Entwurf des Kirchengebäudes in Olevano (siehe Bild oben) fällt zuerst der Eingangsbereich auf. Man betritt die Kirche durch einen gebogenen Gang wie ein Schneckenhaus. Von einem «Weg der Entschleunigung» spricht Finsterwalder, der aus Bayern kommt. Der Weg in die Kirche wird bewusst verlängert, das Tageslicht nimmt langsam ab, die sakrale Atmosphäre soll sich dabei verdichten.

Abgeschaut hat sich Finsterwalder dieses Konzept bei dem großen Architekten Le Corbusier und seiner Kapelle in Ronchamp aus den 1950ern.

Ein neuer Pilgerort der Moderne?

Mit dem örtlichen Bischof diskutierten die Künstler über die Besonderheiten des Sakralen in der modernen Architektur. Der Bischof wollte ohnehin eine neue Gemeindekirche für Olevano und so wurde aus den kunsttheoretischen Reflexionen schnell ein konkretes Projekt.

Die Kosten für das Projekt schätzt Finsterwalder derzeit auf etwa vier Millionen Euro. Sponsoren aus der Wirtschaft soll es geben. Das Ziel wäre, bis zum Sommer 2012 mit dem Bau zu beginnen.

Neben Rudolf Finsterwalder engagieren sich der Maler Matthias Weischer, der Bildhauer Stefan Mauck sowie der Lichtkünstler Carsten Nicoali. Die Vier haben die seltene Chance, Glauben in der heutigen Zeit mit Hilfe der Kunst sichtbar zu machen.

Es könnte durchaus sein, dass in Olevano ein neuer Wallfahrtsort der Moderne entsteht. 

Raimund Kirch

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